Ein 100. Geburtstag muss gefeiert werden. Und auch wenn es sich bloß um das Waldstadion handelte, hatte sich Eintracht Frankfurt alle Mühe gegeben, glanzvolle Festivitäten herzurichten. Die Menschen sangen „Im Wald, da spielt die Eintracht“, dann spannte sich eine Choreografie über zwei komplette Tribünen, ehe der Videowürfel unter dem Faltdach der Frankfurter Arena in einer Retrooptik der alten Anzeigetafel leuchtete.
Nur passte der vermeldete Endstand beim Heimspiel gegen Union Berlin (3:4) so gar nicht zur festlichen Stimmung. Eher schienen die Hessen ihre überwunden geglaubte Attitüde von der Auf-und-Ab-Truppe aus den Achtziger- und Neunzigerjahren in Erinnerung zu rufen. Auch das Betragen von Union-Trainer Steffen Baumgart, der erst die rote Karte sah und sich womöglich eine weitere Verfehlung leistete, wirkte wenig feierlich, doch dazu später mehr.

Trainerwechsel bei Union Berlin:Der Baumgart von Köpenick
Einst hat sich der Spieler Steffen Baumgart mit einer Grätsche erfolgreich bei Union Berlin eingeführt. Über 20 Jahre später kehrt er als Trainer zurück, soll einen Negativtrend stoppen – und gibt sich kämpferisch wie eh und je.
Drei Tage nach dem eindrucksvollen Sieg gegen Galatasaray in der Champions League (5:1) demonstrierten die Frankfurter, dass sie dieselben hanebüchenen Abwehraussetzer im Portfolio führen wie der türkische Tabellenführer – und das von außen an den Klub herangetragene Gerede vom vermeintlichen Bayern-Jäger eher übertrieben war. Diese junge Mannschaft ist noch kein Meisterschaftsanwärter, denn dafür wirkt vieles zu unreif. „Wir haben naiv Fußball gespielt und gegen eine effiziente Mannschaft verloren“, benannte Sportvorstand Markus Krösche die Defizite. Die Mannschaft sei „vielleicht zu euphorisch“ zu Werke gegangen, bemängelte er: „Wir müssen konsequenter unseren Job machen im Spiel gegen den Ball.“ Vor allem die „Restverteidigung“ sei ein Thema für die nächsten Wochen.
Zeigte Union-Coach Baumgart in Frankfurt tatsächlich den Stinkefinger?
Trainer Dino Toppmöller sollte überdenken, ob der gelernte Offensivspieler Farès Chaibi wirklich die optimale Lösung im defensiven Mittelfeld darstellt; oder ob Neu-Nationalspieler Nnamdi Collins nicht dringend mal eine Pause benötigt. Toppmöller haderte ebenfalls: „Eigentlich müssen drei Tore zu Hause reichen, um ein Spiel zu gewinnen.“ Der nach 157 Tagen Pause wegen eines Kreuzbandrisses wieder ins Tor zurückgekehrte Kaua Santos wurde von seinen Vorderleuten erheblich im Stich gelassen. Der brasilianische Torhüter habe im Training „sensationell gehalten“, begründete Toppmöller den Wechsel zwischen den Pfosten, obgleich Zugang Michael Zetterer zuvor vier tadellose Pflichtspiele abgespult hatte.
Doch die Zukunft gehört Santos, 22, oder Can Uzun, 19, der sich als Taktgeber auch im vierten Bundesligaspiel in die Torschützenliste eintrug (80.). Trotzdem rannte die Eintracht bereits seit der neunten Spielminute einem Rückstand hinterher. Oder besser gesagt dem Union-Zugang Oliver Burke, der mit seiner enormen Beschleunigung den ersten Dreierpack seiner Karriere (32., 53. und 56. Minute) erzielte. „Wir waren gut im Flow, die Verbindung in der Offensive war sehr gut“, sagte der Schotte, 28, der im Sommer ablösefrei vom SV Werder gekommen war, weil ihm die Bremer eine Offerte unter Marktwert unterbreitet hatten. Der Matchwinner profitierte bei jedem Treffer von einer Vorarbeit seines Teamkollegen Andrej Ilic, der zudem das 1:0 von Ilyas Ansah (9.) einleitete. Hinterher feierten 3000 mitgereiste Union-Anhänger einen dreifachen Torschützen und einen vierfachen Vorlagengeber, die mit den Kollegen ihre himmelblauen Trikots in den Fanblock warfen.
Wie schon im März dieses Jahres hatte Coach Steffen Baumgart in Frankfurt den perfekten Matchplan entworfen. Allerdings leistete sich der Trainer auch wieder eine Entgleisung. Diesmal kickte Baumgart, 53, eine der vielen herumliegenden Papierkugeln aus der Stadionchoreografie aufs Feld; Referee Sven Jablonski hatte gar keine andere Wahl, als gegen den zuvor verwarnten Coach die rote Karte zu zücken. „Der Schiedsrichter hat alles richtig gemacht. Das geht komplett auf meine Kappe. Ich muss gucken, dass ich meine Emotionen besser kontrolliere“, gab Baumgart zu. Im Heimspiel am Sonntag gegen seinen Ex-Verein Hamburger SV zu fehlen, ärgere ihn doppelt: „Es war mein Fehler. Damit muss ich leben, und ich hoffe, dass es alle anderen auch können.“
Doch die Sache ist nicht ausgestanden: Wie die Fernsehkameras zeigten, hatte der gebürtige Rostocker nach der VAR-Intervention beim von Jonathan Burkardt verwandelten Foulelfmeter (87.) kurz den Mittelfinger gestreckt, ein sogenannter Stinkefinger. Auf diesen Vorfall angesprochen reagierte Baumgart in der Pressekonferenz patzig: „Ich habe ins Leere geguckt, das ging in keine Richtung, also alles gut.“
Nicht jedoch für den DFB-Kontrollausschuss, der am Montag ankündigte, den Vorfall zu untersuchen. Baumgart wurde zudem zu einer schriftlichen Stellungnahme aufgefordert, zumal es sich bei ihm um einen wenig einsichtigen Wiederholungstäter handelt. Besserung wollte und konnte Baumgart am Sonntag tatsächlich nicht versprechen: „Wer jetzt eine Entschuldigung erwartet oder dass ich sage, beim nächsten Mal mache ich es besser: Da bin ich zu emotional, um eine hundertprozentige Sicherheit zu geben.“

