Eine letzte Szene hatte Nick Woltemade noch, in der Nachspielzeit, und er machte nahezu alles richtig. Er stand im Herzen des Strafraums, drehte sich geschmeidig um die eigene Achse und verarbeitete dabei den Ball so, dass er ihn mit einem satten Schuss sehenswert ins Netz beförderte. Er jubelte, und wer ihm dabei zusah, konnte daraus mehr als nur Freude ablesen; sie schien mit Erleichterung gepaart zu sein.
Doch draußen, an der Seitenlinie im Stadion An der Alten Försterei des 1. FC Union Berlin, stand ein Linienrichter mit bestem Empfinden für Raum und Zeit. Er hatte erkannt, was die TV-Bilder zweifelsfrei belegen sollten: Woltemade, 23, hatte beim Zeitpunkt der Ballabgabe im Abseits gestanden. Sein Treffer wurde annulliert, seine Mannschaft, Pokalsieger VfB Stuttgart, spielte zum Saisonauftakt nicht unentschieden, sondern verlor 1:2.

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Und dann beendete Stuttgart die Partie auch noch in Unterzahl: Verteidiger Luca Jaquez musste mit einem frakturierten Nasenbein in die Kabine, Stuttgart hatte zur 90. Minute bereits alle Wechselfenster voll ausgeschöpft. Jaquez sah damit nicht mehr, dass Woltemade noch traf – aber wegen der Fahne des Linienrichters nicht verhindern konnte, dass landauf, landab darüber philosophiert wurde, ob der von ihm angestrebte, aber abgeblasene Transfer zum FC Bayern an ihm nagt. Statt beispielsweise über die Frage zu sprechen, ob er als Neuner wirklich besser aufgehoben ist als hinter den Spitzen.
Von einem „bitteren“ und „gebrauchten“ Nachmittag sprach VfB-Trainer Sebastian Hoeneß hinterher im Pressesaal, und das hatte eine Reihe von Gründen, die über Woltemades aberkannten Treffer aus der Nachspielzeit hinausgingen. Der VfB monopolisierte den Ball und hatte seine Chancen; die Stuttgarter hatten Ballbesitz jenseits der 70-Prozent-Marke und schossen dreimal häufiger aufs Tor (17:6). Nur: Entweder parierte Unions Torwart Frederik Rönnow mit Bravour, oder das Aluminium stand im Weg, oder beides geschah gleichzeitig. In der ersten Halbzeit lenkte der Däne, der vor der Partie zum dritten Mal in Serie als „Unioner des Jahres“ geehrt wurde, einen Schuss von Atakan Karazor an den Pfosten; in der zweiten Halbzeit setzte Undav einen Kopfball auf die Querlatte.
Die ersten beiden Pflichtspiele der Saison hat der VfB verloren. Am Dienstag geht es im DFB-Pokal nach Braunschweig
Woltemade zeigte nicht das Spiel seines Lebens, aber auch nicht das schlechteste seiner bisherigen Vita. Er taugte damit zur Allegorie aufs gesamte VfB-Team, das in der schlechteren Halbzeit „okay“ und in der besseren „gut“ spielte, wie Trainer Hoeneß behauptete. Dass es trotz diverser Chancen nie zu einer Führung reichte, lag einerseits daran, dass Union über eine unbeugsame und kompakte Innenverteidigung verfügt, die in ihrer Anordnung entfernte Verwandtschaft mit Zinkeneggen aufweist, die man in der Landwirtschaft dafür benutzt, grobe Erdbrocken möglichst fein zu zerkrümeln. Woltemade wurde regelrecht zermalmt. Und andererseits daran, dass bei Union aus einer Raupe unvermittelt ein Schmetterling wurde: Ilyas Ansah.

Der 20 Jahre alte Stürmer, in Lüdenscheid geboren, kam im Sommer aus Paderborn nach Berlin, für eine Ablösesumme von angeblich vier Millionen Euro und mit besten Referenzen im Gepäck. Das verhinderte nicht, dass in diversen Medien berichtet wurde, in Köpenick seien sieben Engel mit Posaunen gesichtet worden; unter anderem, weil Union eingestandenermaßen Probleme bei der Erschaffung von Torgelegenheiten zeigte. Die Tests gegen relevante Gegner gingen allesamt 0:1 verloren. Doch Ansah sah am Samstag keinen Anlass, auf die Kreation einer Chance zu warten, sondern zog nach einer Reihe von ungelenken VfB-Klärungsversuchen aus 20 Metern volley ab. Der Ball prallte, leicht abgefälscht, vom linken Innenpfosten ins Netz.
Kurz vor der Pause (45.+4) traf Ansah erneut volley – diesmal aber, nachdem er einen Konter selbst durch einen Pass auf seinen Sturmpartner Andrej Ilic eingeleitet hatte. Bei seiner Auswechslung wurde er vom Publikum mit einer Ovation verabschiedet, es folgten Umarmungen nahezu der gesamten Belegschaft Unions. Er werde „auf dem Teppich bleiben, weil er ein ganz bescheidener Junge ist“, prognostizierte Union-Trainer Steffen Baumgart. Ansah selbst bestätigte dies, nach Form und Inhalt seiner Erkenntnis des Tages: „Ich weiß, dass es ein schöner Moment ist, der nicht für immer anhält. Ich freue mich. Dann geht es weiter.“
Der nächste Halt wird für ihn die Erinnerung an Straßenbahnfahrten aus Ansahs gar nicht einmal so weit entfernter Kindheit sein. Union spielt am kommenden Wochenende bei Borussia Dortmund; Ansah lief dort immer vorbei, wenn er zwischen 2018 und 2021 für die TSG Eintracht Dortmund auflief, deren Sportplatz An der Flora ist keine 400 Meter vom Westfalenstadion entfernt.
Die Stuttgarter wiederum haben bereits am Dienstag die Gelegenheit, nach den Niederlagen im Supercup (1:3 gegen den FC Bayern) und eben bei Union ihren ersten Pflichtspielsieg zu erzielen. In der ersten Runde des DFB-Pokals gastiert Stuttgart als Titelverteidiger beim Zweitligisten Eintracht Braunschweig, der letztmals 2022 die zweite Runde erreichte, durch einen Sieg im Elfmeterschießen gegen den damaligen Erstligisten Hertha BSC. „Es kann für uns nur darum gehen, weiterzukommen“, sagte Hoeneß.

