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Union Berlin:Emotional unverrückbar

1. FC Union Berlin v Borussia Moenchengladbach - Bundesliga

Union-Trainer Urs Fischer (li.): Unaufgeregt Richtung Klassenerhalt

(Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images)

Aufsteiger Union Berlin könnte vorzeitig gegen Paderborn den Klassenerhalt schaffen. Ermöglicht hat das ein bemerkenswerter Plan, der vom Naturell des Trainers ausgeht.

Von Javier Cáceres, Berlin

Das Leben des Urs Fischer ist ein langer, ruhiger Fluss, was unter anderem daran liegt, dass er - nomen est omen - gern und passioniert angelt. Zur Entspannung? Könnte man meinen, wenn er nicht eh so sehr in sich ruhen würde, als wäre er eine eidgenössische Ausgabe der Buddha-Reinkarnationen. Vor knapp zwei Jahren übernahm Fischer den 1. FC Union Berlin, im vergangenen Sommer stieg er mit den Köpenickern in die Bundesliga auf. Nun stehen die Chancen nicht schlecht, am Dienstag - und damit vorzeitig - den Klassenerhalt zu sichern. Denn angekündigt hat sich Mitaufsteiger SC Paderborn, sprich: der Tabellenletzte. "Es gilt, den Sack zuzumachen", sagte Fischer am Montag: "Wir können mit einem Sieg das Ganze entscheiden. Das haben wir im Kopf."

Fischer betonte im Grunde von Anbeginn der Saison, dass ein Ligaverbleib, und sei es per Fotofinish, als Sensation interpretiert werden müsste. "Als Aufsteiger bist du das erste Mal in der ersten Liga, hast null Erfahrung, musst dich zuerst daran gewöhnen ..." Das alleine sage ein bisschen was aus, das waren die Worte, mit denen sich Fischer durch die Lage tastete. Wer wollte, konnte ein paar Spurenelemente der Genugtuung heraushören, als er sagte, dass "nicht viele" dem 1. FC Union zugetraut hätten, "dort zu stehen, wo wir im Moment stehen". Das heißt: auf Platz 14 der Tabelle, mit sieben Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz sowie dem besten Torverhältnis (minus 17) jener fünf Mannschaften, die am Ende stehen.

Ein Grund dafür ist neben klaren fußballerischen Plänen, die vor jedem Spiel auf den jeweiligen Gegner zugeschnitten wurden, wohl auch die Unaufgeregtheit, mit der Fischer seine Mannschaft infizierte. Sie bewegte sich in guten wie in schlechten Zeiten in einem engen emotionalen Korridor; frei von überzogener Euphorie oder Trübnis. "Wir hatten nicht den einfachsten Start", sagte Fischer, und meinte damit nicht nur die desaströse Niederlage vom ersten Spieltag gegen RB Leipzig (0:4), sondern auch die Tabellensituation nach dem ersten Drittel der Saison. "Trotzdem blieben wir ruhig, haben weiter an uns gearbeitet, wollten weiter dazulernen", sagte Fischer am Montag.

"Am Schluss gibt uns das recht"

Auf der anderen Seite "wurden wir auch nicht euphorisch, als man uns schon (zum vorzeitigen Klassenerhalt, Anm. d. Red) gratulieren wollte", sagte Fischer. Das half nun auch nach der Corona-Pause. Diese führte dazu, dass Union seine Reiseflughöhe verließ, in fünf Spielen nur zwei Punkte sammelte und doch noch hinter den Lokalrivalen Hertha BSC zurückfiel, ehe am vergangenen Samstag der erste Geisterspielsieg errungen werden konnte (2:1 in Köln). "Wir haben unseren Plan und unsere Denkweise wirklich komplett durch eine ganze Saison verfolgt", sagte Fischer. "Erreicht ist noch nichts", betonte er, ehe er sich doch zu einem vorgezogenen Fazit verstieg: "Am Schluss gibt uns das recht." Dass Union "die spielerisch vielleicht nicht beste Mannschaft" der Liga ist, wie es Paderborns Trainer Steffen Baumgart am Montag formulierte, wurde kompensiert.

Denn in der Tat steht am Dienstag in der Alten Försterei so etwas wie das Duell der Muggel der Bundesliga an - das Aufeinandertreffen zweier Kader ohne magische Abstammung oder Fähigkeiten. Aber: Union legte einen größeren Wert als Paderborn auf die Verpflichtung von Profis mit Bundesligaerfahrung. Dass am Wochenende der fast 35 Jahre alte Christian Gentner das zwischenzeitliche 2:0 erzielte, konnte man auch wie eine Parabel auf die Kaderplanung lesen. Auch wenn Paderborns Trainer Baumgart sich gegen eine derart eindimensionale Bewertung der Saison wehrte, so ließ er doch Bereitschaft erkennen, auch dieses Thema zu analysieren, sobald diese seltsame Saison beendet ist.

Seltsam ist sie bekanntermaßen auch, weil weiter das Publikum ausgeschlossen ist - ein Faktor, der Union härter getroffen hat als andere, aufgrund der Hingabe der 23 000 Zuschauer, die auch am Dienstag fehlen werden. Beim vergangenen Heimspiel gegen Schalke stellten sich ein paar Dutzend Fans hinter die Waldseitentribüne und sangen unter den Bäumen ihre Lieder, die im Stadioninneren gut genug zu hören waren, um zu urteilen, dass sie sich wohl besser nicht beim Philharmonischen Chor Berlins versuchen sollten. Aber sie haben dahingehend wohl auch keine Ambitionen. Es reicht ihnen, wenn sie für eine Idee von anheimelnder Atmosphäre sorgen, und so ihren Teil dazu beitragen, dass Union doch in die letzten Partien gehen kann, als wäre das Leben tatsächlich ein langer, ruhiger Fluss.

© SZ vom 16.06.2020/ska
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