1. FC Union Berlin:Reconquista im Mittelfeld

Lesezeit: 3 min

1. FC Union Berlin: Einer der zuverlässigsten Spieler beim Tabellenführer: Hier eilt Rani Khedira (links) den Gladbachern Lars Stindl (rechts) und Julian Weigl (Mitte) davon.

Einer der zuverlässigsten Spieler beim Tabellenführer: Hier eilt Rani Khedira (links) den Gladbachern Lars Stindl (rechts) und Julian Weigl (Mitte) davon.

(Foto: Annegret Hilse/Reuters)

Rani Khedira zeigt bei Tabellenführer Union Berlin so starke Leistungen, dass er Begehrlichkeiten weckt - und sogar einer für Flicks WM-Kader sein könnte.

Von Javier Cáceres, Berlin

Vor ein paar Tagen saß Gary Lineker, ehedem englischer Fußball-Nationalstürmer, bei einem Glas Bier in Barcelona. Und wurde hellhörig, als der Name seines Stammklubs Leicester City und der des 1. FC Union Berlin in einem Atemzug genannt wurden. Er habe die Bundesliga-Tabelle gesehen, sagte er, und sich gefragt: "Was machen die eigentlich da oben?" Was ja eine Frage war, die sich in der Premier-League-Saison 2015/16 stellte, als Leicester City zur Freude von Lineker überraschend Erster wurde.

"Eigentlich war es ausgeschlossen, dass Leicester Meister wird", erinnerte sich der 61-Jährige. Die Sensation sei damals auch deshalb so groß gewesen, weil die Abwehrspieler eher Durchschnitt waren, unter ihnen Robert Huth. "Aber wir hatten N'Golo Kanté!", rief Lineker, "und der wog das alles auf." Der 1. FC Union, der nun schon seit sieben Spieltagen oben steht, verfügt auch über einen defensiven Mittelfeldspieler, der bis dato ähnlich unscheinbar wirkte, wie es der französische Weltmeister Kanté bis zum Meistertitel mit Leicester war. Sein Name: Rani Khedira, 28.

Kanté und Khedira sind als Fußballer unterschiedlich veranlagt, manche Gemeinsamkeiten aber haben sie doch: etwa einen ausgeprägten Hang zur Diskretion, hinter der sich eine eminente Wichtigkeit für das Team verbirgt. Es ist kein Zufall, dass Khedira mit 1628 Minuten beim 1. FC Union der Feldspieler mit der höchsten Einsatzzeit nach Robin Knoche (1642 Minuten) ist. Zusammen mit Torwart Frederik Rönnow und Stürmer Sheraldo Becker bilden Knoche und Khedira das Rückgrat des Tabellenführers.

Khedira steht sogar auf der provisorischen WM-Liste von Bundestrainer Flick

Dass die Umjubelten zumeist andere sind, ficht Khedira nicht an. Auch am Sonntagabend beim 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach wiederholte sich das Muster, als Union den 0:1-Rückstand aus der ersten Halbzeit erst in der siebten Minute der Nachspielzeit drehte - und sich damit die Tabellenführung vom Abonnementmeister FC Bayern zurückeroberte. Die Treffer erzielten Kevin Behrens (79.) und der Niederländer Danilho Doekhi (89.) jeweils per Kopf. Khedira fand diese Art der Reconquista an der Bundesligaspitze "ein Stück weit surreal", wie er sagte: "Aber es ist auch eine sehr, sehr geile Momentaufnahme, die wir einfach genießen."

Er kam im Sommer 2021 aus Augsburg nach Berlin-Köpenick, als kaum jemand die erstaunliche Entwicklung ahnen konnte, die Union im Allgemeinen und Khedira im Besonderen genommen haben. Eine Folge ist, dass Khedira nun auf der provisorischen WM-Liste von Bundestrainer Hansi Flick steht, wie der Spieler dem Sender Sky bestätigte. "Surreal", so lautete auch diesmal sein Kommentar. Einen Spieler vom Schlage Khediras hat Flick bislang nicht in der Auswahl, überdies ist der Gedanke charmant, dass die deutsche Nationalmannschaft bei der WM auch die sagenhafte Form der Köpenicker durch eine Berufung von Knoche und/oder Khedira abbildet, selbst wenn dazu keine Verpflichtung besteht.

Zumal Khedira für steigende Aufmerksamkeit sorgt. Dieser Tage setzte ein Internetportal die Meldung in die Welt, der FC Barcelona sei an ihm interessiert - für den Fall, dass es mit dem nachweislich umschwärmten Kanté oder anderen Alternativen nicht klappt. "Gerüchte sind Gerüchte", sagte Khedira am Sonntag dazu. Dass sein Vertrag beim 1. FC Union im Sommer ohne Option auf eine Verlängerung ausläuft, ist ein Nebenaspekt. Soll ein Interesse Barcelonas tatsächlich existieren, könnte dies für die Fortsetzung einer innerfamiliären Parallele sorgen: Der ältere Bruder Sami Khedira, der 2014 in Brasilien unter Joachim Löw Weltmeister wurde, ließ die Karriere bei Unions Nachbarn Hertha BSC ausklingen und spielte von 2010 bis 2015 bei Real Madrid.

Wie der 1. FC Union, so hat sich auch Khedira spielerisch weiterentwickelt. Defensiv überzeugt er wie eh und je, und während er früher ein Akteur war, der den Ball im Zweifel wegschlug, ist er nun, ruhiger und selbstbewusster am Ball, um Spielfortsetzung bemüht. Er ist auch erkennbar torgefährlicher geworden, gegen Gladbach wäre er fast zu seinem ersten Saisontor gekommen - der Treffer wurde annulliert, weil Sheraldo Becker einen Schuss Khediras mit dem Unterarm abgefälscht hatte.

Khediras Leistungssprung hat auch mit Trainer Urs Fischer zu tun

Den Leistungssprung führen Eingeweihte auf Unions Trainer Urs Fischer zurück, dieser nahm sich gerade mit Khedira viel Zeit für Einzelgespräche, wies ihm neue Wege, forderte und förderte. "Er treibt uns jeden Tag an unser Limit und versucht, jedes Detail tagtäglich besser zu machen", sagte Khedira am Sonntag über den Trainer. "Manchmal ist es... nervig", gestand er schmunzelnd: "Aber du lässt es auch zu, weil du weißt, dass er dich besser machen will, dich besser machen kann und dich am Ende tatsächlich besser macht." Auch das ist ein Grund dafür, dass Khediras erster Ansprechpartner in der Winterpause der 1. FC Union sein wird, wenn es um die Frage gehen wird, wo er in Zukunft spielt.

Denn unbestritten ist, dass er sich in Berlin wohlfühlt, die Atmosphäre im Stadion An der Alten Försterei genießt. Die Partie gegen Gladbach war ein gutes Beispiel: Der Sieg basierte auf einer "brutalen Willensleistung", erklärte Khedira: "Es wurde von Minute zu Minute packender und lauter von den Rängen, und griffiger und dominanter von uns", sagte Khedira. Doch das heißt nicht, dass in Köpenick jetzt der Traum proklamiert wird, es den Kollegen aus Leicester nachzutun. "Wir fangen nicht an, 'rumzuspinnen", sagte Trainer Fischer: "Unser Ziel bleibt, egal ob wir nun 26 Punkte haben oder nicht, die 40-Punkte-Marke."

Zur SZ-Startseite

SZ PlusFC Bayern und die Nationalmannschaft
:Achse mit geprelltem Eckgelenk

Der Bayern-Block ist pünktlich zur WM gut drauf - wären da nicht die Hüfte von Thomas Müller und die Schulter von Manuel Neuer. Für den Torwart ist es das dritte Turnier mit Verletzungsvorgeschichte.

Lesen Sie mehr zum Thema