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Torwart Loris Karius:Bei Union Berlin steigt der Promi-Faktor

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Loris Karius: Zuletzt bei Besiktas, jetzt bei Union in Berlin

(Foto: imago images/VI Images)

Der Bundesligist präsentiert mit Loris Karius einen Torwart der schillernden Art. Trotz später nachgewiesener Gehirnerschütterung verfolgt ihn das Champions-League-Finale 2018 immer noch.

Von Javier Cáceres, Berlin

Torhüter leiden mitunter unendlich an Fehlgriffen, seien diese echt oder nur vermeintlich, und vielleicht niemand so sehr wie Moacyr Barbosa. Der Torwart der brasilianischen WM-Elf von 1950 verstarb zur Jahrtausendwende, und er hinterließ als Erbe kaum mehr als eine erschütternde Klage. Im Jahr 1993 sagte er mal, dass auf die übelsten Missetaten in Brasilien 30 Jahre Gefängnis stünden: "Ich aber zahle jetzt schon 43 Jahre lang für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe."

Das Verbrechen: den sagenumwobenen Schuss von Alcides Ghiggia im letzten Spiel der WM 1950 im eigenen Lande, die Uruguay gewann, ins Tor gelassen zu haben. Es gibt nicht viele deutsche Barbosas. Aber wenn ihm einer nahekommt, dann Loris Karius, 27.

Beim 1:3 im Champions-League-Finale des FC Liverpool gegen Real Madrid griff er 2018 zweimal daneben, und in der Erinnerung verblasst bei vielen, dass Madrids legendär raubeiniger Verteidiger Sergio Ramos ihn vorher so übel zugerichtet hatte, dass er eine Gehirnerschütterung erlitt. Seit 2018 kämpft er gegen jene Nacht an - seit Dienstag nun beim 1. FC Union Berlin.

Am Dienstag trainierte Karius erstmals bei den Köpenickern mit, er ist nun für eine Spielzeit zur Leihe beim Berliner Bundesligisten beschäftigt. "Ich freue mich auf meine neue Aufgabe in Berlin", ließ Karius mitteilen. "Union ist ein spezieller Verein, der sich nicht erst mit dem Aufstieg in die Bundesliga viel Respekt erarbeitet hat."

Doch Union ist nun mehr als das: In diesem Sommer hat der Klub nicht nur wegen Karius (und seiner in Berlin ansässigen Lebensgefährtin Sophia Thomalla) seinen Promi-Faktor derart steigern können, dass sich der Boulevard die Hände reibt. Was da blühen kann, war am Montagabend zu erahnen: Dem TV-Sender Sky öffnete Karius sein Vestibül und zeigte seine schönsten Hemden und feinsten Schuhe. Und Karius' aktuelle Form bekam die Bild von Thomalla geschildert: "Er ist sehr motiviert, top vorbereitet und körperlich fitter denn je. Ich bin mir sicher, er wird den Verein, sofern ihm möglich, im bestmöglichen Licht dastehen lassen." Zuvor hatten die Köpenicker auch schon mit der Verpflichtung des früheren Nationalspielers Max Kruse, 32, für Aufsehen gesorgt.

Wie Kruse war auch Karius zuletzt in der Türkei beschäftigt: Kruse bei Fenerbahce Istanbul, Karius bei den Nachbarn von Besiktas. Wie Kruse klagte auch Karius darüber, dass Gehaltszahlungen in ungenannter Höhe ausstünden - und dass eine eigentlich spannende Zeit in einem interessanten Land deshalb früher zu Ende gegangen sei als geplant. Und so wie Kruse vor einigen Wochen, so versichert auch Karius, dass er es nicht erwarten könne, "wieder in der Bundesliga zu spielen". Als "Nummer eins", wie zu mutmaßen steht, obwohl Union gerade erst mit Augsburg seinen Kultkeeper Rafal Gikiewicz, 32, gegen Andreas Luthe, 33, eingetauscht hatte. Luthe hat für Union bereits die ersten beiden Bundesligaspiele absolviert, er kommt nun auf insgesamt 34 Einsätze in der höchsten Spielklasse.

Auch in der Türkei mitunter sehr gute Leistungen

Man freue sich, "auf dieser wichtigen Position nun bestens aufgestellt zu sein", sagte Unions Geschäftsführer Oliver Ruhnert. Damit spielte er auch auf die ohne Frage größere Erfahrung von Karius in höchsten Spielklassen an, in Deutschland und anderswo. Karius hat allein 91 Bundesligaspiele (für den nächsten Union-Gegner Mainz 05) aufzuweisen, außerdem kam er bereits 55 Mal in der türkischen Süperlig und 26 Mal in der englischen Premier League zum Einsatz. Die Europa League und die Champions League kennt Karius ebenfalls gründlich. Das ist durchaus ein Curriculum, das sich sehen lassen kann, zumal er dort zumeist gute Leistungen bot. Und dennoch verfolgt ihn immer noch das Finale von Kiew von 2018.

Damals hatte ihm Ramos beim Stand von 0:0 den Ellbogen ins Gesicht gerammt, als der Ball und auch der Blick des Schiedsrichters offenkundig ganz woanders waren. Karius wirkte groggy und kassierte zwei unvergessliche Tore. Eine Minute nach dem Ramos-Check stand nicht nur er neben sich, sondern auch Karim Benzema. Ein moderater Ausfallschritt des französischen Stürmers reichte, und der Ball trudelte zur Führung der Madrilenen ins Netz. Nach dem Ausgleich und der neuerlichen Führung von Real rutschte ihm ein Schuss von Gareth Bale durch die Hände. Seither gilt er bei der nicht sehr feinfühligen Boulevardzeitung Sun als "Liverpool-Flop", dem sie wortspielend hinterherriefen: "Kari on", im Sinne von: "Carry on", zieh weiter.

Das lag auch daran, dass er sich im Tor von Besiktas noch einen weiteren Aussetzer leistete, der um die Welt ging. Beim Europa-League-Spiel gegen Slovan Bratislava unterlief er den Abstoß seines Torwartkollegen, räumte den eigenen Verteidiger ab und machte dem gegnerischen Stürmer den Weg zum leeren Tor frei.

Da war vergessen, dass Karius mal als guter Torwart galt - und auch in der Türkei nicht nur solide, sondern mitunter sehr gute Leistungen geboten hatte. Ebenso, dass der FC Liverpool eine Untersuchung angestrengt hatte, die nachwies, dass Ramos dem Torwart wirklich eine Gehirnerschütterung zugefügt hatte. Bei Sky bedauerte Karius, dass ihm diese Untersuchung zum Nachteil gereichte. Es hieß, er habe nach Ausreden gesucht, obwohl die Initiative zum neurologischen Gutachten nicht von ihm kam. Der Verein hatte ihn gebeten, die Diagnose öffentlich machen zu dürfen, Karius hatte bloß keine Einwände gezeigt.

Was danach folgte, sei "übertrieben" gewesen, "absurd", sagte Karius. Aber Strafen für Torhüter sind so übertrieben, so absurd, siehe Barbosa: Der spielte, bis er älter war als 40 Jahre, und er spielte meistens gut. Aber die Last des Fehlers im Maracanã-Stadion war unerbittlich.

Zwanzig Jahre danach, 1970, hörte er eine Mutter zu seinem Sohn sagen: "Schau mal! Der Mann, der ganz Brasilien zum Weinen gebracht hat." Es geht die Legende, dass Barbosa einmal die Holzpfosten des Maracanã-Stadions zersägte und sie als Brennholz benutzte, für einen Akt des Exorzismus. Es soll Menschen gegeben haben, die sich über die Jahre hinweg bei ihm entschuldigt hatten. Aber als Barbosa am 7. April 2000 mit 79 Jahren starb und längst im Grab lag, deuteten viele Finger immer noch auf ihn.

© SZ vom 30.09.2020/ska
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