VfL Bochum:Erkaltete Liebe im Ruhrgebiet

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VfL Bochum: Abrupte Trennung: Im Sommer wollte Thomas Reis noch nach Schalke - jetzt verliert er in Bochum seinen Job.

Abrupte Trennung: Im Sommer wollte Thomas Reis noch nach Schalke - jetzt verliert er in Bochum seinen Job.

(Foto: Thilo Schmuelgen/Reuters)

Seit 1995 hat Thomas Reis die meiste Zeit beim VfL Bochum verbracht: als Spieler, Scout, Aushilfe in der Buchhaltung und Trainer. Nach sechs Niederlagen in Serie wurde der Aufstiegscoach entlassen.

Von Ulrich Hartmann

Als vor zwei Wochen beim VfL Bochum der neue Sportdirektor Patrick Fabian vorgestellt wurde, da nannte der Vorstandsvorsitzende Hans-Peter Villis als wichtigstes Auswahlkriterium Fabians "Bochum-DNA". Der 34-Jährige hat ausschließlich für den VfL gespielt. Mehr Bochum-DNA kann man nicht haben. Auf so viel Bochum-DNA kam nicht mal der Trainer Thomas Reis.

Auch der 48-Jährige hat ordentlich VfL Bochum im Blut. Seit 1995 hat Reis seine meiste Zeit beim Fußballklub an der Castroper Straße verbracht: acht Jahre als Fußballer, später als Scout, Jugend- und Frauentrainer, Mitarbeiter im Marketing, Aushilfe in der Buchhaltung und seit September 2019 als Chefcoach. Es gab nicht wenige, die dachten, Reis könnte sogar mal die Bochumer Rekordtrainer Heinz Höher (1972 bis 1979), Hermann Eppenhoff (1967 bis 1972) und Rolf Schafstall (1981 bis 1986) überholen. Reis und der VfL, das schien die ganz große Liebe zu sein.

Doch diese Beziehung ist am Montag endgültig zerbrochen. Reis wird die Klublegenden Höher, Eppenhoff und Schafstall nicht überholen. Stattdessen wurde er nach drei Jahren und sechs Tagen im Amt suspendiert. Vor dem Heimspiel am kommenden Sonntag gegen Köln übernahm vorerst der A-Jugend-Trainer Heiko Butscher das Amt. Ein neuer Cheftrainer soll möglichst bald gefunden werden.

Zum sportlichen Misserfolg sind Kratzer im Binnenverhältnis gekommen

Nach Reis' Amtsübernahme 2019 auf dem vorletzten Platz, dem Zweitliga-Klassenverbleib 2020, dem Aufstieg in die Bundesliga 2021 und dem Verbleib in der obersten Liga jüngst im Mai haben zu Beginn dieser Saison sechs Niederlagen genügt, um all die schönen Gefühle im Klub wieder erkalten zu lassen. Anlässlich einer 1:3-Niederlage am Samstag bei jenem FC Schalke 04, zu dem Reis im Sommer offenbar gerne gewechselt wäre, beschloss der Klubvorstand, die Zusammenarbeit zu beenden.

"Thomas Reis hat eine Verbindung zu Verein und Stadt, die über die erfolgreichen drei Jahre hinausreicht", sagte Fabian am Montag, "und richtig ist auch, dass es vor der Saison Bestrebungen gab, die gemeinsame Arbeit fortzusetzen - doch nun brauchen wir dringend Lösungen, um die schwierige Situation zu verbessern und zugleich negative Einflüsse auszublenden." Zusätzlich zum sportlichen Misserfolg haben Kratzer im Binnenverhältnis zur Suspendierung geführt. Vorstandsboss Villis hatte vor wenigen Wochen noch gesagt, der VfL ginge mit Reis notfalls auch in die zweite Liga, doch zur Vertragsverlängerung kam es selbst unter dieser Prämisse womöglich auch deshalb nicht, weil man sich nicht auf eine Dotierung einigen konnte. Die Parteien vertagten sich auf die Winterpause - doch nun ist selbst dies hinfällig.

"Ich bewerte nur, was wir gerade sportlich erleben", sagte Fabian am Montag. "Die Trennung erfolgt in erster Linie aus sportlichen Gründen, aber auch diese sechs Niederlagen haben natürlich wiederum Gründe." Zwischen dem verlorenen Spiel auf Schalke am Samstagabend und der Trennung am Montag vergingen 40 Stunden. "Wir haben Schwingungen und Tendenzen ausgelotet", erklärte Fabian, "wir haben die Situation differenziert betrachtet, haben auch Leistung und Glaube in der Mannschaft hinterfragt." Der Frage, ob letztlich nicht doch der Schalke-Flirt von Reis den Ausschlag für die Trennung gab, wich Fabian aus.

Sechs Niederlagen zu Beginn einer Saison haben sich außer dem VfL Bochum in der Bundesliga-Historie zwar nur 1991 Fortuna Düsseldorf und 2020 der FSV Mainz geleistet; doch andererseits schien das Verhältnis zwischen Klub, Reis und Mannschaft mal so harmonisch, dass es auch einen Abstieg ausgehalten hätte. "Ich bin eingebürgert", sagte Reis immer wieder über das Ruhrgebiet, Bochum und den VfL. Er schien prädestiniert zu sein für eine Ära hier.

Doch mit langfristigen Lösungen tut sich der Klub schwer. Der letzte Trainer, der länger im Amt war als Reis, war bis 2009 Marcel Koller. Seither gab es binnen 13 Jahren 13 Trainer. Die Ankunft von Nummer 14 wird für nächste Woche erwartet.

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