Deutscher Fußball:Überstrahlt von den ausländischen Talenten

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Deutscher Fußball: Kann als eines der wenigen deutschen Talente regelmäßig in der Bundesliga von sich überzeugen: der Freiburger Kevin Schade.

Kann als eines der wenigen deutschen Talente regelmäßig in der Bundesliga von sich überzeugen: der Freiburger Kevin Schade.

(Foto: G. Hubbs/Beautiful Sports/imago)

Ohne Erfahrung keine Einsatzzeit, ohne Einsatzzeit keine Erfahrung: Viele Statistiken zeigen, wie wenig die Bundesliga im Augenblick auf heimische junge Fußballer vertraut - DFL und DFB schlagen Alarm.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

Prominente Fußballer trugen sich am vergangenen Wochenende in die Bundesliga-Torschützenliste ein, darunter aktuelle A-Nationalspieler (Thomas Müller, Serge Gnabry, Leroy Sané, Marco Reus) und ehemalige (Max Kruse, Karim Bellarabi). Von den deutschen Nachwuchshoffnungen hingegen trat allein Kevin Schade, 20, mit seinem dritten Saisontreffer in Erscheinung. Der U21-Nationalspieler ist als Offensivallrounder einer der Senkrechtstarter der Saison und gilt bereits als nächster Diamant des SC Freiburg. Doch es gibt derzeit nicht viele junge deutsche Kicker, die so funkeln wie Schade.

Von der Gesamtspielzeit aller Spieler entfielen in der Bundesliga-Hinrunde nur 4,2 Prozent auf deutsche Nachwuchsfußballer (zweite Liga: 8,1 Prozent). Dies ist ein Problem, das die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und den Deutschen Fußball-Bund (DFB) zunehmend beschäftigt. "Das Thema ist bei Klubs und Liga erkannt", sagt Andreas Nagel, DFL-Direktor für Sport und Nachwuchs. Meikel Schönweitz, der Cheftrainer aller U-Nationalteams des DFB, kann derzeit nur die gute Zusammenarbeit mit der Liga betonen: "Da gibt es keine verhärteten Fronten." Vor zwei Jahren hatten DFL und DFB bereits Alarm geschlagen und kurz vor Ausbruch der Corona-Krise zu einem Gespräch gebeten. Entscheidend gebessert hat sich die Situation seitdem nicht.

"Uns fehlt die Breite an Spielern, die Praxis in der Bundesliga bekommen. Unser Pool an Kandidaten ist viel geringer als jener der Franzosen oder Engländer", warnte kürzlich U21-Nationaltrainer Antonio Di Salvo (Kicker). Ihm fällt auf: "Bei den Jahrgängen 2000 und 2001 sind die Einsatzzeiten ausländischer Spieler in der Bundesliga doppelt so hoch wie die der deutschen. Das ist extrem." In anderen Ligen Europas seien die Einsatzzeiten für heimische Talente "drei- oder viermal so hoch". Schönweitz spricht von einer "extrem komplexen Thematik", deren Auswirkungen noch zunehmen werde: "Wir sehen, dass wir in einzelnen Jahrgängen nicht mehr zehn oder zwölf, sondern oft nur noch eine Handvoll Toptalente haben."

Deutscher Fußball: "Wenn man den Jungen Vertrauen schenkt, zahlen sie es zurück": Meikel Schönweitz, Cheftrainer der deutschen U-Nationalteams.

"Wenn man den Jungen Vertrauen schenkt, zahlen sie es zurück": Meikel Schönweitz, Cheftrainer der deutschen U-Nationalteams.

(Foto: Oliver Killig/dpa)

Schönweitz geht es um mehr, als nur für Hansi Flicks A-Nationalelf leistungsstarken Nachschub zu liefern. Insgesamt müsse sich der deutsche Fußball bewegen, findet er. Das Verharren in alten Denkmustern und Wettbewerbsformaten im Jugendbereich helfe nicht weiter, die auf den Weg gebrachte Reform im Kinderfußball (ab 2024) könne nur ein erster Schritt sein.

Der DFB hat für alle U-Teams positionsspezifische Programme aufgelegt, es braucht Impulse für die Alltagsarbeit in den Vereinen, den Leistungszentren der Profiklubs und den Landesverbänden. Denn der im Sommer 2021 errungene EM-Titel der U21 hat nur kaschiert, was seit Längerem schiefläuft. Der scheidende Liga-Chef Christian Seifert mahnte damals: "Jetzt geht es darum, bei der Nachwuchsarbeit die Versäumnisse der vergangenen Jahre aufzuholen."

Auch für die Junioren-Bundesligen habe man "noch nicht den Stein der Weisen gefunden", heißt es

Gemeint sind Taten beim "Projekt Zukunft", das DFL und DFB nach der verpatzten WM 2018 gemeinsam entwickelt hatten, um Nationalmannschaft und Nachwuchs zurück an die Weltspitze zu führen. Die Bedeutung der Jugend-Bundesligen soll in den Hintergrund, die individuelle Entwicklung junger Spieler in den Vordergrund treten. Doch viele Regionalverbände trauen dem Projekt noch nicht. Der für den Jugendfußball zuständige DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann gibt "große Diskussionspunkte" zu - und dass man bei den Wettbewerben "noch nicht den Stein der Weisen" gefunden habe.

Zu klären ist zudem, ob der Mangel an Toptalenten auch mit gesellschaftlichen Veränderungen zusammenhängt. Speziell der französische Fußball schöpft aus einem exorbitanten Fundus an aufstrebenden Fußballern, "für die der Sport eine Chance ist, aus sozial schwierigen Verhältnissen auszubrechen", betont Schönweitz. In Deutschland gilt das in diesem Maße nicht, dennoch haben sich Spieler wie Jonathan Burkardt (Mainz) oder Angelo Stiller (Hoffenheim) beispielhaft gegen Widerstände durchgesetzt.

Schönweitz zählt auch die U21-Europameister David Raum (Hoffenheim), Niklas Dorsch (Augsburg) und Lukas Nmecha (Wolfsburg) auf, die für ihren Durchbruch bewusst Umwege über das Ausland oder die zweite Liga in Kauf nahmen. "Wenn man den Jungen Vertrauen schenkt, zahlen sie es zurück", sagt er. Geduld müsse beidseitig vorhanden sein, "auch der Spieler und sein Umfeld sollten einsehen, dass es sich mitunter lohnt, einen Schritt zurück zu machen, um wieder vorwärts zu kommen". Di Salvo beklagt allerdings, dass manche seiner U21-Jungs sogar in der zweiten Liga nur auf der Bank sitzen: "Das ist eine extrem gefährliche Tendenz." Di Salvo kassierte mit der U21 jüngst eine krachende 0:4-Niederlage gegen Polen, die Qualifikation für die nächste EM wackelt. Ohne diese Bühne aber könnten wichtige Erfahrungen nicht gesammelt werden - ein Teufelskreis.

Hansi Flick hat zu der Problematik eine pragmatische Gegenhaltung entwickelt

Offenbar hilft es nur bedingt, dass in der Bundesliga drei Prozent der Medienerlöse - immerhin 33 Millionen Euro - für "U23-Local-Player"-Einsätze ausgeschüttet werden. Überwiegend werden ausländische Juwelen gefördert. In Dortmund etwa stechen Jude Bellingham und Erling Haaland hervor, deutsche Talente ähnlicher Güte gibt es fast nirgends. Der Liga sind hier die Hände gebunden. "Wir können nur an Rahmenbedingungen arbeiten. Selbstverständlich haben die Vereine die Hoheit darüber, wen sie einsetzen", sagt Nagel.

Manche Klubs setzen fast ausschließlich auf ausländische Akteure. Bei RB Leipzig kommen deutsche Spieler nur noch auf 7,7 Prozent der Einsatzzeit, Gegenbeispiele sind etwa Union Berlin (74), Fürth (62,2) und Freiburg (61,7). Laut transfermarkt.de beträgt der Anteil ausländischer Spieler in der Bundesliga derzeit knapp 55 Prozent (289 von 521 Spielern). Englands Premier League (64,6 Prozent) und Italiens Serie A (60,8) liegen sogar noch deutlich drüber, die spanische Primera Division hingegen klar unter dem deutschen Wert (41,6).

Hansi Flick hat zu der Problematik eine pragmatische Gegenhaltung entwickelt. Der Bundestrainer hat in Florian Wirtz, 18, Jamal Musiala, 18, und Karim Adeyemi, 19, gleich drei Toptalente mit Blick auf die WM in Katar frühzeitig an sein Team herangeführt, zudem ließ er die U21-Europameister Raum, Nmecha und Nico Schlotterbeck, alle 23, in der WM-Qualifikation debütieren. Ein gravierendes Nachwuchsproblem kann Flick noch nicht erkennen, doch bei näherer Betrachtung sieht auch er: Das Reservoir für andere Nationaltrainer ist größer.

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