Bundesliga-Spitzenspiel Hinweis in der 45. Minute

Die frühe Auswechslung von Robert Lewandowski beim 2:0 gegen RB Leipzig verschärft zumindest kurzfristig die Personalprobleme in der Offensive des FC Bayern - sie könnte im Winter auch den Handlungsdruck des Vereins erhöhen.

Von Benedikt Warmbrunn

Plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit: James Rodríguez (links) lieferte gegen Leipzig sein zweites herausragendes Spiel der Saison – nach jenem beim 3:0 auf Schalke.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Die Auswechslung vor dem Halbzeitpfiff hat sich unter Fußballprofis seit Jahrzehnten einen üblen Ruf erarbeitet, auch Reporter sprechen in so einem Fall gerne von der Höchststrafe. Das ist natürlich viel zu kleinkariert gedacht. Die Auswechslung vor der Halbzeit kann auch eine Belohnung sein. Zumindest, wenn der Auswechselnde Jupp Heynckes heißt.

Samstagabend, seit wenigen Sekunden läuft die 45. Minute der Partie des FC Bayern gegen RB Leipzig. Am Spielfeldrand leuchten zwei Zahlen auf der Anzeigetafel des vierten Offiziellen auf. Eine grüne 23, das ist das Signal für: Arturo Vidal kommt. Und eine rote 9. Das ist das Signal für: Robert Lewandowski geht.

Noch vor wenigen Wochen wäre nun damit zu rechnen gewesen, dass Lewandowski flucht, eine abschätzige Handbewegung macht, vielleicht sogar das Trikot gegen die Ersatzbank schleudert. In dieser 45. Minute aber klatscht Lewandowski in die Hände, nimmt den Applaus des Publikums entgegen. Ein Handschlag mit Heynckes, dann ist sein Arbeitstag beendet.

Es gibt nun zwei Geschichten zu dieser Auswechslung: Die erste ist eine schöne, sie handelt davon, dass Heynckes, der Trainer des FC Bayern, seinen wichtigsten Stürmer schont und ihn zugleich die Anerkennung der Zuschauer spüren lässt. Die zweite ist eine bedrohliche. Sie handelt davon, dass wenige Sekunden vor dem Ende der ersten Halbzeit das absolute Schreckensszenario des FC Bayern eintritt.

Als sie im Sommer beim FC Bayern ihren Kader durchgegangen sind, wussten sie, dass er nicht unerschöpflich ist. Dass Franck Ribéry und Arjen Robben beide verletzungsfrei bleiben, davon ging niemand aus. Dass sich Thomas Müller verletzt, galt als eher unwahrscheinlich, hat Müller nach eigener Aussage doch überhaupt keine Muskeln. Eines aber, darin waren sich alle einig, darf unter gar keinen Umständen passieren: Dass sich Manuel Neuer oder Robert Lewandowski verletzen, der Fixpunkt im Tor sowie der Fixpunkt im Angriff. Und erst recht nicht: dass Neuer und Lewandowski verletzt fehlen.

In der 45. Minute des 2:0 (2:0) gegen Leipzig fehlten: Neuer und Lewandowski.

"Ich denke, dass es nicht schlimm ist", sagte Lewandowski nach der Partie. Er selbst habe ja diese Auswechslung angeregt; bereits nach seinem Treffer zum Endstand (38.) hatte er sich am Oberschenkel behandeln lassen. Früh in der Partie habe er Beschwerden gehabt, die er "wie einen Krampf" beschrieb. "Ich konnte noch das Tor schießen, aber dann haben wir entschieden, dass wir kein Risiko eingehen." Heynckes sagte, er denke nicht, dass es sich um eine "abrupte Muskelverletzung" handele. Er sieht die Probleme als eine Folge der vergangenen Wochen, in denen Lewandowski sich "permanent mit zwei, drei Gegenspielern herumgeschlagen" habe (wer wollte, konnte da einen Tadel an der Arbeit seines Vorgängers Carlo Ancelotti heraushören; aber nur, wer wirklich wollte). Der FC Bayern verschickte am Samstagabend eine Mitteilung, in der von "leichten muskulären Problemen" die Rede war. Eine Untersuchung am Sonntag sollte eine endgültige Diagnose liefern; der Stürmer selbst ging davon aus, am Dienstagabend in der Champions League bei Celtic Glasgow mitwirken zu können.

Wie schwerwiegend ein Ausfall des Angreifers wäre, zeigte sich in der zweiten Halbzeit gegen Leipzig, in der zum Vorteil des FC Bayern beide Mannschaften nur darum bemüht waren, 45 Minuten möglichst geräuschlos hinter sich zu bringen. Bei dem Klub, der so stolz auf seine Mittelstürmertradition ist, auf Gerd Müller, Giovane Elber, Roy Makaay oder Luca Toni, spielte nun ganz vorne mal Thiago, mal Vidal. Thiago ist ein 1,74 Meter großer Techniker, der an den fast schon vergessenen Trend der sogenannten falschen 9 nur insofern erinnert, als er die Nummer 6 auf dem Trikot stehen hat. Arturo Vidal hat zwar einen stürmischen Charakter, die Bewegungen in der Enge eines Strafraums zählen allerdings nicht zu seinen Stärken. Doch Thiago und Vidal, das waren die einzigen Optionen, die Heynckes noch sah.

Gesucht wird ein Angreifer, der sich mit einer Rolle begnügt, wie sie Claudio Pizarro hatte

Müller, als Raumdeuter die erste Alternative zu Lewandowski, fehlte, weil in seinem Oberschenkel doch ausreichend Muskeln für einen Muskelbündelriss gefunden wurden. Kingsley Coman fehlte aufgrund leichter Beschwerden im Knie sowie im Oberschenkel; auch am Sonntag machte er nur kurz das Aufwärmprogramm vor der Reise nach Schottland mit. Franck Ribéry fällt nach einem Außenbandriss im Knie noch wochenlang aus. Und James Rodríguez machte es auf der linken Außenbahn nicht nur wegen seines Führungstores (19.) so gut, dass Heynckes ihn nicht auswechseln wollte. Den einzigen Angreifer, den er im Kader hatte, den 23-jährigen Kwasi Wriedt, wechselte der Trainer nicht ein, weil "vor ihm etablierte Spieler auch mal ein paar Minütchen spielen wollen".

Sollte Lewandowski mit seiner Diagnose ("nicht schlimm") recht behalten, würde der FC Bayern immerhin mit einem Stürmer nach Glasgow reisen; Wriedt ist in der Champions League ohnehin nicht spielberechtigt. Doch diese 45. Minute gegen Leipzig hat gezeigt, dass sie ihren Kader im Sommer vielleicht doch zu optimistisch eingeschätzt haben. Es könnte gut sein, dass der Verein im Winter einen Angreifer verpflichtet, einen, der sich mit der Rolle begnügt, die jahrelang Claudio Pizarro inne hatte: ein Stürmer, der Tore schießen kann, ohne ständig auf seine Lust auf Tore zu verweisen. Nicht auszuschließen, dass es Heynckes bei der Auswechslung auch um diesen Hinweis an seine Bosse ging.