"Maschallah", säuselte Max Kruse mit ironisch-schmieriger Genüsslichkeit in die Kamera und küsste die zum Kreis zusammengeführten Daumen und Zeigefinger. Im Hintergrund hörte man seine Mannschaftskameraden lachen. Union Berlin war kurz vor der Heimfahrt, als der Fußballer per Instagram-Video aus dem Bus seine ganz persönliche Abrechnung mit jenen Bochumer Fans inszenierte, die ihn als Torschützen zum Berliner 1:0-Erfolg mit Bierbechern und Beleidigungen besudelt hatten. Der Sieg habe ihm diesmal ganz besonders gut geschmeckt, schwelgte er, bevor er ernst wurde: "Ich weiß, dass 80, 90 Prozent der Bochumer Fans sympathisch sind, aber heute haben sich im Stadion auch alle Ruhrpott-Asis versammelt."
"Maschallah" ist ein arabischer Ausdruck des Wohlgefühls. Am Donnerstag hatte Kruse seine mit türkisch-kurdischen Wurzeln in Berlin geborene Freundin geheiratet, aber auf dem Weg in die vermutlich paradiesischen Flitterwochen musste er erst noch den dienstlichen Umweg über das nasskalte, graue Ruhrgebiet machen. Dort erzielte er in der 16. Minute jenen goldenen Treffer, der es in die Shortlist für das Tor des Monats schaffen könnte. Weil er sein drittes Saisontor offenbar auch ziemlich maschallah fand, nutzte er das Jubelszenario, um demonstrativ giftige Blicke zur eigenen Trainerbank zu schicken.
Drei Tage zuvor, beim 0:0 gegen Freiburg, hatte Kruse nämlich nicht mitspielen dürfen und auf der Bank geschmort. "Natürlich war ich da angefressen", sagte er nun und rechtfertigte seinen bösen Blick als angemessene Reaktion.
"Ich muss das leider sagen, aber ich habe selten so asoziale Fans erlebt wie hier", sagt Kruse
Der 33-Jährige hat Glück, dass seinen Schweizer Trainer Urs Fischer so etwas nicht anficht. Der 55-Jährige trifft weise Entscheidungen am laufenden Band und hat seine Mannschaft zum Ende der Hinrunde damit in die Nähe der Champions-League-Plätze geführt. Im ohnehin nicht immer ganz leichten Fall Kruse hatte Fischer sich erdreistet, den angehenden Bräutigam am Abend vor der Hochzeit zu schonen, was den dortigen Feierlichkeiten gewiss zuträglich war. Dass Kruse am Tag seiner Hochzeit frei bekam, erklärte Fischer augenzwinkernd auch damit, "dass nach unserem intensiven Programm ein freier Tag ja mal nicht schadet".
Und so profitierte Union Berlin von einer neuerlich weisen Entscheidung seines Trainers dergestalt, dass der erstens ausgeruhte und zweitens nun auch noch überglücklich verheiratete Kruse den Ball bei seinem samstägigen Sonntagsschuss derart akkurat traf, dass es ihn sogar selbst verblüffte. "Ich war ein bisschen überrascht, dass der Ball so rein ging, dass ich ihn so gut getroffen habe - aber das wurde ja auch mal wieder Zeit." Seine ersten beiden Saisontreffer hatte er nämlich nur per Elfmeter erzielt und die genügten in beiden Fällen (2:4 in Dortmund und 1:2 in Frankfurt) nicht mal zu auch nur einem einzigen Pünktchen.
Sein vormals letzter Bundesliga-Treffer aus dem Spiel heraus war Kruse am finalen Spieltag der vergangenen Saison beim 2:1-Sieg gegen Leipzig gelungen. Mit diesem Treffer in der Nachspielzeit hatte er seinem Klub Ende Mai die umjubelte Teilnahme an jener europäischen Conference League gesichert, aus der man vor eineinhalb Wochen nach der Gruppenphase bereits wieder ausgeschieden ist.
Ob Union mit Kruses Hilfe diesmal womöglich die Europa League oder gar die Champions League erreicht, muss die Rückrunde zeigen. Der Trainer Fischer jedenfalls hat am Samstag in Bochum gesehen, "wie wichtig Max Kruse für unser Spiel ist", und er hat auch gesehen wie allergisch Teile des Bochumer Publikums auf Kruses mitunter provokante Art sowie mehr noch auf seine fußballerischen Fähigkeiten reagieren. Als er in der 77. Minute ausgewechselt wurde, flogen die Bierbecher nur so von der Haupttribüne herunter, weil auf diesen sonst exklusiveren Plätzen diesmal auch all jene extrovertierten Fans saßen, die nicht auf ihre wegen Corona gesperrte Stehplatztribüne durften.
"Ich muss das leider sagen, aber ich habe selten so asoziale Fans erlebt wie hier", sagte Kruse bereits kurz nach dem Spiel in die Sportschau-Kamera. "Schon beim Aufwärmen wurde ich die ganze Zeit beleidigt." Sogar der eher zurückhaltende Union-Trainer legte sich mit Zuschauern an, weil von der Tribüne Bierbecher flogen. Fischer wollte sich hernach aber nicht dazu äußern, sondern sagte diplomatisch: "Was im Stadion passiert, bleibt im Stadion."
Bochums Vorstandssprecher Ilja Kaenzig sagte der Bild: "Dass mal ein Bierbecher fliegt, ist fast normal, aber dieses Ausmaß kannten wir auch noch nicht; so etwas darf nicht mal dann passieren, wenn der Frust besonders groß ist." Aber bald werde man im Ruhrstadion Pfandbecher einführen. "Und die werden hoffentlich nicht mehr so schnell geschmissen."
