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Schalke 04:Gefährlicher Pakt mit Tönnies

Clemens Tönnies

Umstrittene Figur auf Schalke: Clemens Tönnies.

(Foto: Ina Fassbender/dpa)

Um den Abstieg zu vermeiden, würde Schalke mit dem Geld des umstrittenen Fleischbarons neue Profis holen. Das könnte den Klub innerlich zerreißen.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Droht der Untergang, greift der Untergehende nach jeder Hand, die sich ihm entgegenstreckt. Wem das Wasser hoch überm Hals steht, dem bleibt meist nicht die Zeit, in einem ausgewogenen Verfahren den Charakter des Helfers auf seine Seriosität zu prüfen. Der greift zu, lässt sich retten - und hofft darauf, dass fortan alles anders, alles besser wird.

Aber muss man sich wirklich zu jeder Zeit von jedem retten lassen? Oder kann man nicht einfach mal mit Anstand untergehen? In der Hoffnung, unter Wasser vielleicht doch eine Luftblase zu entdecken, die es erlaubt, in einer anderen Zukunft wieder aufzutauchen.

Ziemlich genau vor dieser Existenzfrage steht gerade Schalke 04. Die akute Notlage droht den Klub untergehen zu lassen - und ihn zugleich innerlich zu zerreißen. Denn es gibt jene wie den Schalker Sportchef Jochen Schneider, die die Hand von Clemens Tönnies ergreifen wollen. Und jene, die lieber absaufen würden, als nochmal zuzupacken.

Am Samstag wackelt die alte Marke von Tasmania Berlin

Die Skeptiker wissen, dass sie sich im Falle einer Rettungsmaßnahme ja nicht nur ein paar frische Millionen ins klamme Haus holen, die der westfälische Fleischbaron noch übrig hat. Sondern auch die daran gekoppelten gesellschaftspolitischen Debatten, derer sich viele Schalker mit der Absetzung von Tönnies als Aufsichtsratschef des Klubs entledigt zu haben glaubten. Zur Erinnerung: Nach einer rassistischen Entgleisung in einer Tönnies-Rede auf einem Paderborner Unternehmertag war Tönnies angezählt. Als dann im Corona-Sommer 2020 die Arbeitsbedingungen und Infektionszahlen auf dessen familieneigenem Schlachthof in die Schlagzeilen gerieten, musste Tönnies gehen.

Jetzt aber, da Schalke sich an jeden Strohhalm klammert, schließt Tönnies eine Finanzhilfe für Spielerkäufe nicht aus. Wer im Transferfenster bis zum 1. Februar neu verpflichtet werden kann, soll mitwirken beim Versuch, den Volksklub mit den zweitmeisten Mitgliedern der Bundesliga (trotz Anti-Tönnies-Austritten noch immer circa 155 000) doch noch im Erstliga-Betrieb zu halten. Es ist ein immer noch nicht völlig aussichtsloser Versuch, obwohl den Schalkern schon am Samstag die Einstellung des Negativrekords droht: Im Heimspiel gegen Hoffenheim steuern sie saisonübergreifend auf das 31. sieglose Bundesligaspiel in Serie zu. Zum Leidwesen des heutigen Berliner Fünftligisten Tasmania Berlin, der gehofft hatte, diese Marke aus der Saison 1965/66 ewig und exklusiv für sich zu behalten.

Wenige Monate ist es erst her, da dachten die Schalker, ihr Kader sei viel zu gut für den Abstieg und schrieben ihre Sieglos-Serie den bösen Mächten des Schicksals zu. Nun haben sie bereits den vierten Trainer der Saison, Christian Gross. Der forderte nach seiner Einstandsniederlage (0:3 bei Hertha BSC Berlin) lauthals, was er schon vor seiner Vertragsunterschrift leiser hätte fordern können: Neue Spieler! Eine messerscharfe Analyse -, aber öffentlich vorgetragen wirkt sie nicht nur als Misstrauensvotum gegen das ihm überantwortete, strapazierte Personal, sondern auch als frühe Alibisuche, bevor es mit Gross überhaupt erst so richtig losgeht. Für den Schalker Angreifer Mark Uth, der ins gleiche Horn stößt wie sein Trainer ("Wir brauchen Spieler, die uns sofort weiterhelfen können"), gab's sogar einen Rüffel von Stürmer-Legende Rudi Völler: "... das macht man eigentlich nicht".

Sportchef Schneider hat seinen Verbleib bei den Königsblauen jetzt an den Klassenerhalt mit der Personalie Gross gekoppelt. Als neuerliche Starthilfe braucht es dazu angeblich den Finanzschub von außen, und der kann offenbar nur durch den heiklen Pakt mit Tönnies kommen. Im Schalker Betrieb selbst ist nicht mehr viel drin, die Verbindlichkeiten sollen sich auf weit über 200 Millionen Euro summieren. Ohne das hohe Erstliga-Fernsehgeld würde diese Schuldenlast wie Senkblei wirken: Bei Abstieg zieht sie noch viel weiter runter.

© SZ/bkl/ebc
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