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Schalke-Torwart Nübel:In der Tradition kämpfender Mönche

Nach Kung-Fu-Foul

Alexander Nübel (hinten) trifft auf Frankfurts Mijat Gacinovic (vorne) - und tritt mit seinem hier verdeckten Bein voll in den Gegner.

(Foto: dpa)
  • Schalkes Torwart Alexander Nübel geht mit seinem Tritt gegen den Frankfurter Gacinovic in die Bundesliga-Geschichte ein.
  • Dass sich Nübel nach dem Unfall um seinen Gegenspieler gekümmert hat, rechnet ihm dieser hoch an.
  • "Danke, dass du dich sofort entschuldigt hast", schreibt Gacinovic, der eine Rippenprellung erlitt.

Bastian Oczipka war live dabei, als das Unheil Gestalt annahm. Es kam ihm mit Anlauf entgegen, und dann, so berichtete der in nächster Nähe postierte Schalker Abwehrspieler, "hat es relativ gescheppert": Alexander Nübel war mit dem Frankfurter Angreifer Mijat Gacinovic zusammengestoßen. Allerdings handelte es sich um eine ungleiche Kollision. Während Gacinovic ahnungslos in sein Unglück rannte, näherte sich Nübel in der Tradition der kämpfenden Shaolin-Mönche.

Sein Tritt mit gestrecktem Bein vor die Brust des Kontrahenten könnte, nach laienhaftem Verständnis, der "Schule der Gottesanbeterin" entstammen, doch auch die koreanische Variante des Karate liefert Vorbilder für den offensiven Einsatz. Und, selbstverständlich, der abendländische Fußball.

Sehr bald nach Nübels spektakulär missglücktem Eingreifen wurden überall im Land historische Analogien bemüht. Eric Cantonas legendärer Kung-Fu-Angriff auf einen pöbelnden Zuschauer aus dem Jahr 1995 bietet passende Bilder, doch zumeist bewegte sich die Debatte auf der Gratwanderung zwischen Toni Schumacher und Oliver Kahn - große Torhüter, in diesem Fall aber keineswegs große Vorbilder für den Schalker Schlussmann. Schumacher gegen Patrick Battiston bei der WM 1982 und Kahn gegen Stéphane Chapuisat 1999 sind als Exempel für entgleisten Einsatzeifer im nationalen Gedächtnis verewigt.

"Es hat sehr fürchterlich ausgesehen"

Nübel, 23, ist zweifellos in die Bundesliga-Geschichte eingegangen, als er in der 63. Minute Gacinovic umtrat. Reißerische Formulierungen in der Berichterstattung - "das brutalste Foul des Jahres" - entsprechen dem Sachverhalt. Dennoch gab es nach dem Spiel, das die Hausherren 1:0 gewannen, keine Differenzen zwischen Schalkern und Frankfurtern. Nübel habe "die Situation ein bisschen falsch eingeschätzt", beschrieb Eintracht-Trainer Adi Hütter die Szene in diskreten Worten, aus dem Bewegungsablauf heraus habe es dann "kein Zurück" mehr gegeben - "es hat sehr fürchterlich ausgesehen". Frankfurts Profi Djibril Sow atmete erleichtert auf, als er feststellte, "dass Mijat bei Bewusstsein war".

Gacinovic, der mit einer Rippenprellung relativ günstig davonkam, bedankte sich am nächsten Tag nicht bei den behandelnden Ärzten im Bergmannskrankenhaus - sondern bei Nübel. "Danke, dass du dich sofort entschuldigt hast", schrieb der 24-jährige, solche Zusammenstöße könnten nun mal "leider vorkommen".

Gleich nach dem schlimmen Crash hatte sich Nübel um sein Opfer bemüht, den umgehend von Schiedsrichter Felix Zwayer ausgesprochenen Platzverweis nahm er beiläufig zur Kenntnis, die rote Karte sei ihm "in dem Moment egal" gewesen. Am Abend habe er Gacinovic angerufen, sagte der Torwart der Funke-Mediengruppe: "Er hat die Entschuldigung angenommen, das fand ich sehr, sehr stark." Er habe versucht, den Angriff abzufangen, den die Frankfurter mit einem Pass in die Schnittstelle der Abwehr gestartet hatten, "das Problem ist, dass man nicht viel Zeit hat, zu überlegen". Markus Schubert, der den Kapitän im Tor ersetzte, wusste genau, was in diesem Moment in seinem Mitspieler vorging: "In der Millisekunde denkst du, du kriegst den Ball und kommst raus ..."

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