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FC Schalke 04:"Lasst mich mal machen"

Marbella Spain 10 01 2017 Trainingslager FC Augsburg Trainer Manuel Baum FCA DeFodi001

Drei Jahre lang wirkte er als Underdog beim FC Augsburg. Jetzt übernimmt Trainer Manuel Baum den Tabellenletzten Schalke 04.

(Foto: imago)

Schalkes neuer Trainer Manuel Baum begegnet der Skepsis, die ihm entgegen schlägt, mit großem Optimismus. Den wird er brauchen.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Manuel Baum war schneller zur Stelle, als er gebraucht wurde. Als der 41 Jahre alte Niederbayer am vorigen Freitag sein Zimmer in Gelsenkirchen bezog, war er noch auf der Durchreise im Dienst des DFB, bei dem er als Coach des U-20-Teams fungierte. Am Abend traf sich Baum mit Norbert Elgert, dem ewigen Schalker Nachwuchstrainer, und am Samstagnachmittag schaute er zwar ein Spiel des FC Schalke 04 an, aber er saß im neu möblierten alten Parkstadion beim 1:2 der U 23 gegen Regionalligist Straelen und nicht in der Arena beim 1:3 der Profis gegen Werder Bremen, das den Amtsinhaber David Wagner den Posten kostete.

Man könnte hinter diesem Zufall natürlich Methode vermuten, aber die Schalker versichern hoch und heilig, dass das Engagement von Manuel Baum beim derzeitigen Tabellenletzten wirklich eine höchst kurzfristige Sache war. Das wäre einerseits ehrenwert, weil es bedeutete, dass man nicht hinter Wagners Rücken den Nachfolger bestimmt hatte; andererseits wäre es auch ein wenig erstaunlich, dass der Verein nicht ein wenig vorgesorgt hatte nach dem katastrophalen Start in die Saison und Wagners belasteter Vorgeschichte.

Immerhin waren die Verantwortlichen zügig beim Namen Baum angelangt, als sie den neuen Mann ausfindig zu machen versuchten. Baum stehe "für Expertise, Inhalte, Struktur und klare Ordnung, die wir in dieser schwierigen Situation brauchen", erklärte Sportvorstand Jochen Schneider. Man habe darüber "viele Informationen eingeholt", erklärte er, unter anderen erhielten aktuelle und ehemalige Augsburger Profis wie Alfred Finnbogason, Rani Khedira, Philipp Max und Daniel Baier Anrufe der Schalker Rechercheure. Die Antworten wurden als Bestätigung aufgefasst, dass Baum der richtige Mann sein könnte.

Dass die Anhängerschaft der Königsblauen das möglicherweise anders sieht, das weiß Manuel Baum auch. "Der eine oder andere mag sich fragen: Es ist eine große Aufgabe, ob der Baum nicht zu klein dafür ist?", so gab er selbst die Bedenken wider. Die Antwort gab er ebenfalls selbst: "Lasst mich mal machen, ich weiß, was ich tue." Mit dieser entgegenkommenden Einlassung dürfte der Trainer Sympathiepunkte gemacht haben. Zumal er die große Aufgabe erklärtermaßen optimistisch angeht. Die Mannschaft habe "deutlich mehr Potenzial", als ihr jüngstes Auftreten und der aktuelle letzte Tabellenplatz das nahelegten, versicherte er selbstbewusst.

Nachdem Baum sich, wie er sagte, schnell für das Angebot aus Gelsenkirchen zu begeistern wusste, war es der DFB, der den Wechsel ermöglichte, indem er den Trainer aus seinem Vertrag entließ.

Den großen Namen, den sich mancher Fan erhofft haben mag, konnten die Schalker im Übrigen trotzdem präsentieren. Neben dem Assistenztrainer Rainer Widmayer, der aus jahrelangen Einsätzen beim VfB Stuttgart, der TSG Hoffenheim und Hertha BSC viel Routine mitbringt, verpflichtete der Klub den ehemaligen Profi Naldo als Verstärkung für den Trainerstab. "Naldo bringt hoffentlich ein Stück weit die Sonne zurück nach Gelsenkirchen", sagte Jochen Schneider. Obwohl es demnächst nach Dortmund geht, wo sich Naldo einst beim legendären 4:4 als Torschütze verewigte, ist ein Comeback auf dem Platz nicht geplant, stattdessen soll er dazu beitragen, die verunsicherte Elf emotional aufzumuntern. "Er steht für Mentalität, Führungsstärke, Persönlichkeit", so Schneider.

Kritischer Punkt: Finanzen

Dieser Mittwoch war nicht zuletzt auch für die Medienabteilung am Ernst-Kuzorra-Weg ein harter Arbeitstag. Sie hatte enorm viel mitzuteilen. Die erste Bekanntmachung betraf den Mittelstürmer Guido Burgstaller, 31, der einst von Markus Weinzierl aus Nürnberg nach Gelsenkirchen geholt wurde und sich dort stets als Schwerarbeiter hervortat, zuletzt aber kaum noch als Torjäger. In der vorigen Saison blieb er in 21 Einsätzen ohne Treffer, und im Sommer musste er erleben, dass ihm der Verein in Gestalt von Vedad Ibisevic und Goncalo Paciencia zwei Konkurrenten vor die Nase setzte.

Deutlicher hätte ihm die sportliche Führung nicht verständlich machen können, dass er sich besser anderweitig orientieren sollte, und so entschied sich der zwischenzeitlich sehr, später aber nicht mehr so populäre österreichische Angreifer jetzt für einen Wechsel zum FC St. Pauli. Der Vertrag mit Schalke, den der Verein im Frühjahr 2019 aus noch immer rätselhaften Beweggründen um ein weiteres Jahr bis 2022 verlängert hatte, wurde aufgelöst. Burgstaller dürfte zum Abschied eine Abfindung erhalten haben.

Die Cheftrainer des FC Schalke 04 seit 2006

Mirko Slomka 1 / 2006 - 4 / 2008

Mike Büskens 4 / 2008 - 6 / 2008

Fred Rutten 7 / 2008 - 3 / 2009

Mike Büskens 3 / 2009 - 6 / 2009

Felix Magath 7 / 2009 - 3 / 2011

Ralf Rangnick 3 / 2011 - 9 / 2011

Huub Stevens 9 / 2011 - 12 / 2012

Jens Keller 12 / 2012 - 10 / 2014

Roberto Di Matteo 10 / 2014 - 6 / 2015

André Breitenreiter 7 / 2015 - 5 / 2016

Markus Weinzierl 7 / 2016 - 6 / 2017

Domenico Tedesco 7 / 2017 - 3 / 2019

Huub Stevens 3 / 2019 - 6 / 2019

David Wagner 7 / 2019 - 9 / 2020

Manuel Baum ab 9 / 2020

In der zweiten Mitteilung des Tages ging es um eben dieses Thema: Finanzen. Demnach hat der Verein im ersten Halbjahr 50 Prozent weniger umgesetzt als im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres, was natürlich mit Corona zu tun hatte, die Lage aber nicht besser macht. Statt 150 Millionen wie 2019 bewegte Schalke nur 100 Millionen Euro, kurz- und langfristige Verbindlichkeiten lagen zum Halbjahr bei 205 Millionen Euro, im zweiten Halbjahr kommt ein weiterer Fehlbetrag im "mittleren zweistelligen Millionenbereich" hinzu. Die Finanzierung der Saison konnte durch einen Kredit sichergestellt werden.

Spielerkäufe gegen Cash-Zahlung sind somit für Schalke weiterhin tabu, aber eine Verstärkung haben die Schalker gegen Mittag dennoch vermelden können: Während Frederik Rönnow, der Ersatztorwart der Frankfurter Eintracht, zu Schalke kommt, geht Markus Schubert zur Eintracht, beide vorerst als Leihgaben für ein Jahr. Rönnow, 28, soll aber möglichst langfristig mit Ralf Fährmann um den Stammplatz im Tor konkurrieren; Schubert, 21, soll in Frankfurt sein Repertoire vervollkommnen, bis er womöglich an die Stelle von Kevin Trapp treten kann.

Zudem ist ein weiterer Import aus Frankfurt im Gespräch: Danny da Costa, 27, könnte ebenfalls noch kurzfristig die Seiten wechseln, falls es Schalke gelingt, Platz im Kader zu schaffen und damit etwas Geld locker zu machen. Den neuen Trainer würde es garantiert freuen, denn ein richtiger Rechtsverteidiger wird in seiner Mannschaft dringend vermisst. Sebastian Rudy fungierte bisher als Aushilfe, das Ergebnis war bedauerlich.

Die letzte Neuigkeit zum FC Schalke kam nicht aus der Vereinszentrale, sondern vom Sportgericht des DFB. Dieses sperrte Verteidiger Ozan Kabak wegen dessen versuchter Spuckattacke gegen den Bremer Ludwig Augustinsson für vier Pflichtspiele. Ein weiteres Spiel wird er wegen einer gelb-roten Karte verpassen. Schneider erklärte, man habe das Urteil akzeptiert. Kabak sei "ein anständiger Kerl mit einem sauberen Charakter, aber die Bilder sahen nicht gut aus".

© SZ vom 01.10.2020/ska
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