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FC Schalke 04:Der nächste Verzweifelte

Trainer David Wagner (FC Schalke 04) 18.08.2020, Fussball GER, 1. Bundesliga, 3. Liga, Saison 2020 2021, Testspiel, FC

Mit seinem Fußballdeutsch am Ende: Schalkes Trainer David Wagner hatte eine finstere Serie zu verantworten.

(Foto: imago images)

Auch David Wagner ist es nicht gelungen, den chronisch unruhigen Traditionsklub Schalke 04 zu zähmen. Der Trainer muss gehen, die ersten Nachfolge-Kandidaten sagen schnell ab.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Wer auch immer den Lautstärkeregler in der Schalker Arena bediente, der hatte entweder die Technik nicht im Griff - oder bösartigen Sinn für Sarkasmus. Denn nie war es an diesem Samstagabend so laut wie in dem Moment, als Mark Uth das 1:3 für Schalke 04 gegen Werder Bremen erzielt hatte. Der Jubel-Jingle dröhnte mit einem Volumen durch die Halle, dass man damit die komplette Stadt Hongkong hätte beschallen können. Der künstliche Frohsinn des Einspielers und der groteske Krach legten sich wie ein Moment des Wahnsinns auf das deprimierte Schalker Gemüt. Dass der Schiedsrichter gleich nach diesem einzigen 04-Treffer die Partie beendete, auch das wirkte wie ein höhnischer Kommentar zur Situation.

1:3 verlor Schalke nach einem Duell mit dem SV Werder, dem man angeblich im sportlichen Elend verbunden war, und der sich auf seine Weise dennoch als ähnlich überlegener Gegner erwiesen hatte wie eine Woche zuvor der FC Bayern beim 0:8. "Es war kein Sahnespiel", sagte der Trainer, aber das sagte nicht Schalkes David Wagner, sondern der Bremer Florian Kohfeldt, der den Erfolg somit korrekt einordnete: ein Pflichtsieg, mehr nicht.

Die Vorgaben der DFL verlangten, dass Wagner anschließend den üblichen Gang vor die Kameras antrat. Der Trainer äußerte Entschlossenheit, die Arbeit fortzusetzen. Er sehe sich "als Teil der Lösung", sagte er, "die Mannschaft steht noch zusammen, und ich bin Teil der Mannschaft". Aber er dürfte geahnt haben, dass ihm der Klub diese Zugehörigkeit bald entziehen würde. Am Sonntag um 10:18 Uhr teilte Schalke die Beurlaubung des 48 Jahre alten Instrukteurs mit. "Wir alle hatten gehofft, dass wir die sportliche Wende mit David Wagner schaffen können. Leider haben die ersten beiden Spieltage nicht die notwendigen Leistungen und Resultate erbracht", ließ sich Sportchef Jochen Schneider zitieren. Daher habe man sich für "einen personellen Neuanfang" entschieden. Über die Nachfolge werde der Verein in den kommenden Tagen informieren.

Das Spiel war kaum vorbei, da liefen aber bereits erste Absagen von Nachfolger-Kandidaten ein, die erste überraschenderweise von Chuck Norris. Jener mittlerweile 80 Jahre alte Kampfsportler und Serienstar ist bekanntlich ein Mann der unbegrenzten Möglichkeiten, hunderte Witze zeugen davon: Chuck Norris hat sich einmal im Wald verirrt - niemand hat den Wald jemals wiedergesehen. Chuck Norris hat bis unendlich gezählt - zweimal. Chuck Norris spricht während der Fahrt mit dem Busfahrer. Chuck Norris isst chinesisches Essen mit einem Stäbchen. Norris ist vor zehn Jahren gestorben, aber der Tod traut sich nicht, ihm das zu sagen.

Und nun kursierte dieses Foto von Chuck Norris vor dem Schalke-Emblem mit einem Satz, den er zuvor nie gesprochen hat: "Das schaffe ich nicht."

Natürlich tauchen jetzt allerlei Namen auf

Ein altes Motiv der Bundesliga wurde damit wach. Wer schafft Schalke? Im Moment sieht es wieder so aus, als ob Schalke die Instanz ist, die all jene schafft, die es versuchen. Ein Beispiel gab dafür am Samstag Verteidiger Ozan Kabak, 20. Den hatten die Gelsenkirchener vorigen Sommer für 15 Millionen Euro aus Stuttgart geholt, und wenn es einen Spieler gab, der in der schrecklich missratenen Rückrunde der Vorsaison einen Lichtblick bot, dann war es der Türke. Immer wieder tauchten im Sommer Gerüchte auf, die ihn mit Großklubs in Verbindung brachten, Liverpool und Inter wurden zuletzt genannt, 40 Millionen Euro Ablöse waren im Gespräch.

Am Samstag schaffte es Kabak, in einer Abwehr negativ aufzufallen, die mit den überforderten Außenverteidigern Rudy und Oczipka und dem teilweise wie im Fieber umherirrenden Stambouli deutlich unter Liganiveau agierte. Außer durch falschen Eifer und taktische Fehler fiel Kabak durch sein unbeherrschtes Temperament auf - und beendete mit einem ebenso plumpen wie offensichtlichen Elfmeterfoul an Niklas Füllkrug die kurze Phase, in der sich Schalke anschickte, den Bremern die 2:0-Pausenführung streitig zu machen. Ein paar Minuten vor Schluss setzte er seinem Kurs das konsequente Ende, indem er sich mit der zweiten gelben Karte einen Platzverweis einhandelte. Ein Nachspiel dieses unseligen Abends wird ihm womöglich auch nicht erspart bleiben: Der DFB dürfte Ermittlungen aufnehmen, nachdem Kabak in Richtung seines Gegenspielers Augustinsson gespuckt hatte.

Kohlfeldt ordnete die Szene als "grobe Unsportlichkeit" ein, aber er zeigte auch Verständnis. Schalkes "nicht ganz entspannte Situation" gehe an einem jungen Spieler wie Kabak nicht spurlos vorbei, meinte er. Eine Mutmaßung, die sich auf die ganze Mannschaft übertragen lässt. Je länger die Partie dauerte, desto weniger Anlass gab es für die Schalker, die von der Stadt verordnete Abwesenheit der Fans zu bedauern. Die Mannschaft hätte keine Blumen erwarten dürfen, nur deftige Enttäuschung und Pfiffe. Übernervös und phasenweise wie zerrüttet präsentierte sich die Mannschaft in der ersten Halbzeit. Erst die Einwechslung von Vedad Ibisevic und Salif Sané zur Pause beendete vorübergehend das konfuse Treiben, auch Goncalo Paciencia gefiel mit guten Momenten. Bis Kabak eingriff und die Partie mit dem Elfmeterfoul nach einer Stunde beendete.

Natürlich tauchen jetzt allerlei Namen auf, die für eine Nachfolge von Wagner in Frage kommen. Eine steile These verbreitete "Sky" am Sonntagmorgen mit der Meldung, dass beim nächsten Punktspiel, am Samstag in Leipzig, der altgediente Nachwuchstrainer Norbert Elgert vorübergehend die Mannschaft coachen würde, um Zeit für die Abwerbung von Manuel Baum zu gewinnen, der nach seinem Engagement in Augsburg beim DFB gelandet ist. Elgert dementierte dies bereits. Baum hat sich bisher nicht geäußert.

© SZ vom 28.09.2020/ska
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