Iran und die Bundesliga:Wie Azmoun und Ali Karimi den Protest unterstützen

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Iran und die Bundesliga: Sardar Azmoun verzichtete beim unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden Länderspiel gegen Senegal auf einen Torjubel - ihm könnten Konsequenzen drohen.

Sardar Azmoun verzichtete beim unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden Länderspiel gegen Senegal auf einen Torjubel - ihm könnten Konsequenzen drohen.

(Foto: Johannes Friedl/GEPA pictures/Imago)

Die iranischen Demonstranten bekommen bei ihrem Aufbegehren gegen das Mullah-Regime Unterstützung. Einige Spieler positionieren sich eindeutig - vor allem ein Leverkusener und ein früherer Profi des FC Bayern.

Von Tomas Avenarius und Felix Haselsteiner

Es könnte durchaus sein, dass Sardar Azmouns Karriere in der iranischen Nationalmannschaft am Dienstagnachmittag in einem Vorort von Wien zu Ende gegangen ist. Bei einem Testspiel gegen Senegal wurde Azmoun eingewechselt, kurz darauf erzielte er sein 41. Tor in seinem 65. Spiel fürs Team Melli, zum 1:1-Endstand. Kaum jemand sah dem 27-Jährigen, im Hauptjob Angreifer bei Bayer Leverkusen, dabei zu, wie er anschließend auf einen Jubel verzichtete und nur kurz Umarmungen seiner Mitspieler entgegennahmen. Zuschauer nämlich waren im Mödlinger Stadion nicht zugelassen worden, man hatte Proteste auf den Tribünen vermeiden wollen. Doch dass Azmouns Einsatz und sein Tor auch ohne Menschen auf den Rängen einen besonderen, hochpolitischen Kontext hatten, dafür hatte er bereits vor dem Anpfiff gesorgt.

"Schämt euch alle, wie leichtfertig Menschen ermordet werden. Lang leben die iranischen Frauen", hatte Azmoun in einem Statement auf Instagram geschrieben und sich damit den Protesten gegen das Mullah-Regime angeschlossen - obwohl ihm das offenbar nicht erlaubt war: "Wegen der Regeln der Nationalmannschaft durften wir nichts sagen, aber ich kann kein Schweigen mehr ertragen."

Azmoun spielte damit auf die Bilder aus Iran an, die derzeit in den sozialen Medien zu sehen sind. Junge und Ältere, die sich vor laufenden Instagram-Kameras die Haare abschneiden, singend und tanzend ihr Kopftuch auf öffentlichen Scheiterhaufen verbrennen. Brennende Autos und Müllcontainer, nächtliche Straßenschlachten, Polizisten, die nicht nur Tränengas verfeuern, sondern auch scharf schießen. Tausende Männer und Frauen treten den schlagstockschwingenden Prügel-Polizisten der Spezialkommandos und den Basidschis - den gefürchteten Milizionären - in Zivil entgegen, beschützen andere Frauen, drängen andere Sicherheitskräfte zurück, riskieren sehr viel. Manchmal auch ihr Leben. Bis zu 70 Menschen sollen schon umgekommen sein bei den Protesten. Nicht alle sind Demonstranten, auch Basidschis und Polizisten sterben.

Ausgelöst wurden die Proteste durch den völlig sinnlosen Tod einer jungen Frau. Mahsa Amini war zu Besuch in der Hauptstadt, sie kam aus der Provinz, sie wollte mit ihrem Bruder zu Verwandten. Was mit der 22-Jährigen, die den kurdischen Vornamen Jina trug, am 13. September in Teheran dann geschah, ist das, was Millionen Iranerinnen in den mehr als drei Jahrzehnten seit der Islamischen Revolution immer wieder widerfahren ist: Weil ihr Kopftuch angeblich nicht richtig saß - ob mit Absicht oder schlicht aus einem Mangel an Aufmerksamkeit -, stellten Angehörige der Religionspolizei sie zur Rede. Sie nahmen die junge Frau fest, wollten mit ihr ein "Erziehungsgespräch" über die islamische Sitten- und Kleiderordnung führen, doch dazu kam es nie.

Ein Video zeigt, wie Mahsa Amini in der Polizeistation zusammenbricht. Schon im Koma eingeliefert, stirbt sie im Krankenhaus drei Tage später. Was vorher geschehen ist, bleibt offiziell umstritten. Das iranische Innenministerium beharrt auf seinem - wenig glaubwürdigen - Standpunkt: ein Herzversagen. Es habe keine Schläge gegeben, keine Misshandlungen.

Aber andere stellen es anders dar. Angeblich wurde die junge Kurdin bei der Festnahme geschlagen, mit dem Kopf mehrmals brutal gegen das Fenster des Polizeiwagens gestoßen. Das will der jüngere Bruder gesehen haben, der immerhin dabei war. Der Vater erklärte, seine Tochter sei kerngesund gewesen. Und ein aus dem Krankenhaus stammendes CT-Bild soll schwere Hirnverletzungen und einen Schädelbruch zeigen. Daran, so die Familie und die Protestierenden, sei die junge Frau gestorben, nicht an einem schwachen Herzen.

Seitdem ist das Gesicht der jungen Frau zum Symbol geworden für einen Protest gegen das Regime: eine Jugend ohne Perspektiven, eine hoch gebildete, aber verarmende Mittelklasse, eine wegen der Atomwaffengelüste des Regimes durch internationale Sanktionen strangulierte Wirtschaft, allumfassende Korruption, deshalb gehen die Menschen auf die Straße, meist zu spontanen, heterogenen Protesten. Was noch fehlt, sind die bekannten Gesichter und Anführer, die dafür stehen, dass der Protest eine Ebene erreicht, auf der sie nicht mehr zu stoppen sind - und auf der die Islamische Republik möglicherweise scheitern könnte.

In diesem Kontext kommt nun dem Fußball - wieder einmal - eine besondere Rolle zu. In der Geschichte Irans waren Fußballer zuletzt im Jahr 2010 an Protesten beteiligt, als einige Mitglieder der Nationalmannschaft grüne Bänder um ihre Hände banden, um ihre Unterstützung für den damals unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir Hussein Mussawi auszudrücken. Bekannte Gesichter aus der Bundesliga waren darunter: Vahid Hashemian, der in seiner Karriere beim FC Bayern und beim VfL Bochum spielte, Mehdi Mahdavikia, der unter anderem bei Eintracht Frankfurt und beim Hamburger SV aktiv war, und Ali Karimi, der beim FC Bayern und kurz bei Schalke 04 gespielt hatte.

Insbesondere Karimi ist auch nun wieder im Fokus. "Hab keine Angst vor starken Frauen. Vielleicht kommt der Tag, an dem sie deine einzige Armee sind", schrieb Karimi vor einigen Tagen bei Twitter und solidarisierte sich damit mit den Protestierenden. Karimi hat mehr als zwölf Millionen Follower auf Instagram, er war über lange Jahre der beliebteste Sportler seines Heimatlandes und der Nationalspieler mit den drittmeisten Einsätzen.

Seit einiger Zeit lebt er mit seiner Familie aber offenbar in Dubai, weil das iranische Regime ihn immer wieder bedrohte - zuletzt sogar mit einer Festnahme, wie das Portal Persian Soccer berichtete. Zudem wurde vom Mullah-Regime offenbar auch sein Haus in einem Vorort von Teheran beschlagnahmt, offenbar auch als Reaktion auf seine Postings. "Ein Haus ohne Boden ist wertlos", schrieb er daraufhin vielsagend bei Twitter.

Seine ehemaligen Kollegen sprangen ihm in den sozialen Medien zur Seite. "Er hat jahrelang in der heiligen Uniform der Nationalmannschaft für unser Land gespielt und uns stolz gemacht", schrieb Hashemian zu einem Foto von Karimi; dieser sei "ein Patriot und Liebhaber des Iran". Mahdavikia, der als Fifa-Botschafter die iranische Delegation bei der Weltmeisterschaft anführt, solidarisierte sich ebenfalls mit den Protesten. Er teilte wie Karimi einen Beitrag des iranischen Schauspielers Reza Kianian.

Nach den Band-Protesten im Jahr 2010 hatten alle drei Spieler vorerst ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gegeben, nur Karimi kehrte später noch einmal auf das Spielfeld zurück. Mahdavikia und Hashemian leisteten später allerdings als Trainer im Verband einen Beitrag zum Nachwuchsfußball in Iran.

Alle drei befanden sich damals nicht in der Situation, die Sardar Azmoun nun aushalten muss: In knapp zwei Monaten beginnt die Weltmeisterschaft in Katar, mit seinen politischen Äußerungen riskiert der Leverkusener Stürmer nun auch seine Teilnahme am Turnier. Um diese zu sichern, schweigen viele andere Mitglieder der iranischen Nationalmannschaft derzeit wohl; oder verzichten zumindest darauf, sich klar zu positionieren.

Aber sportliche Konsequenzen, das betont Azmoun auch, wären unter den grausamen Umständen, die gerade in Iran herrschen, natürlich hinzunehmen: "Die ultimative Bestrafung wäre, dass sie mich aus dem Team werfen", schrieb er: "Was aber ein kleines Opfer im Vergleich zu jeder einzelnen Haarsträhne einer iranischen Frau wäre."

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