Bundesliga Relegation ist entsetzliche Fußballfolter

Frankfurts Trainer Niko Kovac tröstet Nürnbergs Tim Leibold.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Ist der Druck in der Bundesliga-Relegation zun hoch?
  • Nach zwei Grotten-Kicks zwischen Nürnberg und Frankfurt wünscht sich selbst der siegreiche Trainer einen anderen K.-o.-Modus zum Ligaverbleib.
Von Jonas Beckenkamp, Nürnberg

Noch hat keiner im Fußball das Geld-zurück-Prinzip gefordert, dabei wäre es nach diesen beiden Relegationsspielen zwischen Nürnberg und Frankfurt nur allzu verständlich, wenn die Fans darauf pochen würden. Fußball hat das Potenzial zur Traumfabrik, er kann die Herzen erwärmen und Kindern wie alten Männern große Kulleraugen bescheren - doch er vermag leider auch das Gegenteil anzurichten. Die Art von Fußball, die am Montagabend im Nürnberger Stadion zur Aufführung kam, ist eindeutig mit Nebenwirkungen verbunden.

Der Frankfurter Trainer Niko Kovac sprach die Sache im Kern an. Und wenn man sich die Ironie wegdenkt, dann verbirgt sich in seinen Ausführungen ein fatales Urteil in Sachen Überstrapazierung. Kovac hockte im Männerschweiß-durchtränkten Pressekabuff in Nürnberg und sagte: "Nervlich geht das ins Unermessliche. Glauben Sie nicht, dass ich nicht morgen zum Kardiologen laufe." Dass es Fußballtrainer vor lauter Stress am Herzen kriegen, kann sich keiner wünschen, aber vorstellbar ist es bei diesem Do-or-die-Kick schon.

Insgesamt war diese Relegation 180 Minuten Fußballfolter

Nimmt man beide Relegationsspiele zusammen - ein grottenschlechtes 1:1 in Frankfurt und ein bedenklich niveauarmes 0:1 in Nürnberg - so treten die Symptome in aller Deutlichkeit zu Tage: Relegation ist ein Gemurkse, es ist alles ein entsetzlicher Schmerz, weil zu viel auf dem Spiel steht. Es geht ums Überleben, um Arbeitsplätze, um Millioneneinnahmen durch Fernsehen und Sponsorenverträge. Es geht ausdrücklich nicht um hochklassigen Sport, das führten sowohl Frankfurt als auch der FCN mit 180 Minuten Fußballfolter vor.

Anzeichen von Lähmung gab es genug: Da wäre zum Beispiel die Statistik. Der 1. FC Nürnberg brachte es fertig, in zwei Duellen nicht ein einziges Mal selbst aufs gegnerische Tor zu schießen. Nicht, weil er nicht wollte - sondern, weil er nicht konnte. "Der Qualitätsunterschied war offensichtlich", erklärte Coach René Weiler, "die Frankfurter waren einfach stärker. Wir haben auch ein bisschen Lehrgeld zahlen müssen. Es ist doch noch ein weiter Weg."

Beide versuchten alle möglichen Zeitspiel-Tricks

Nürnberg in der Bundesliga? Dazu fehlte mehr als ein Tor. Dazu fehlte im Grunde alles, was der Fußball so an Ideen erfordert. Es fehlte: Klasse.

Bezeichnend für den allgemeinen Zustand der Relegation war aber auch, dass auf beiden Seiten alle guten Manieren verloren gingen. Selbst der sonst sachliche Weiler versuchte beim Stand von 0:0, Zeit zu schinden, indem er einen Balljungen am Spielfeldrand Arme rudernd zur Gemächlichkeit anwies. Als schließlich die Eintracht führte, bekamen die Zuschauer die ganze Bandbreite an Frankurter Zeitspiel-Tricks zu sehen.

Diese gipfelten in einer Nummer aus dem Komödienstadl, als sich beim Abstoß erst Torwart Lukas Hradecky Gelb fürs Verzögern abholte - und im nächsten Versuch sein Kollege David Abraham. Die Sitten-Eskalation stand am Ende mehrfach kurz bevor: Beide Spielerbänke gingen nach Fouls wie auf dem Rummel aufeinander los, Frankfurts Stürmer Marco Fabián erstaunte bei einem Konter mit einer Blitzgenesung (nachdem er sich zuvor am Boden wälzte) und auf den Rängen loderten die Pyros. Nur Fußball wurde kaum gespielt.

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Zum vierten Mal in Serie gewinnt der Bundesligist

Zum vierten Mal in Serie setzte sich in zwei Krampfspielen nach dem offiziellen Saisonende nun der Erstligist durch - und jedes Mal blieb am Ende der Eindruck, dass eigentlich beide Relegationskandidaten in die 2. Liga gehören, weil sie mit ihrem Fußball selbst die eigenen Fans quälen.

Natürlich war Niko Kovac heilfroh, dass sein Klub erstklassig bleibt. "Die Erleichterung ist immens, denn der Druck war über die Wochen verdammt groß", meinte er. Aber was sagt es über den aktuellen Modus aus, wenn selbst der Siegertrainer hinterher findet: "Warum sollte es in der Bundesliga nicht einmal 20 Vereine geben? Es gibt in anderen Ligen auch 20 Vereine, nur in Deutschland sind es 18. Dann kann man drei absteigen lassen, drei aufsteigen lassen und dann ist's okay. Aber so?"

So geht es halt an die Nieren. So kriegt das Fernsehen zwar Quote, aber die Beteiligten vielleicht irgendwann einen Herzkasper.