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Bundesliga-Relegation:Made in Heidenheim

1. FC Heidenheim: Trainer Frank Schmidt und Marc Schnatterer

Der Trainer und sein Schlüsselspieler: Frank Schmidt (l.) und Marc Schnatterer.

(Foto: imago images/Sportfoto Rudel)

Bei Bremens Relegationsgegner spielt sich viel im Umkreis eines Schnatterer-Schusses ab. Mit den Jahren ist trotzdem alles größer geworden - weil der Klub entgegen einiger Branchen-Mechanismen handelt.

Kommentar von Christof Kneer

Als der VfB Stuttgart am vorletzten Zweitliga-Spieltag in Nürnberg 6:0 führte, ahnten die Stuttgarter Ersatzspieler, dass das nicht mehr schiefgehen würde. Sie wendeten sich also ihren Handys und dort dem Parallelspiel in Heidenheim zu, wo es für Stuttgarts Aufstiegs-Rivalen, den HSV, leider ganz gut aussah. Der erfahrene Ersatzspieler Holger Badstuber wusste aber, dass man sich im Fußball auf eines verlassen kann: Keine Sorge, sagte er also zu den anderen Jungs, der Schnatterer, der macht noch eins.

Badstuber lag damit aber nur fast richtig: Der Schnatterer, der machte keins. Aber er bereitete das 1:1 und das 2:1 für Heidenheim und gegen den HSV vor, und am Ende war der VfB praktisch aufgestiegen. Am vergangenen Sonntag machte er den Aufstieg dann perfekt. Heidenheim verblieb vor dem HSV auf dem Relegationsplatz, der das Schnatterer-Team nun in zwei Duelle gegen Werder Bremen (Donnerstag und Montag, je 20.30 Uhr im SZ.de-Liveticker) um den letzten Bundesliga-Platz führte.

Schnatterer ist ein Spieler-Spieler, die Leute kennen ihn kaum, die Kollegen lieben ihn. Vor Jahren hat ihm Mats Hummels mal ausrichten lassen, er sei ein Fan von ihm; er, Hummels, habe ihn, Schnatterer, extra fürs Team seines Computer-Managerspiels gekauft, weil er, Schnatterer, durch Freistoß- und andere Kunstschuss-Tore so viele Punkte bringe.

Es gibt Thesen, die man sehr dringend aufstellen sollte, weil niemand das Gegenteil beweisen kann, hier kommt eine davon: Schnatterer ist der beste Bundesligaspieler, der nie in der Bundesliga gespielt hat - aber nun, mit 34, könnte er tatsächlich noch mal dort ankommen. Er spielt nicht mehr immer von Anfang an, aber wenn er in ein Spiel kommt, verändert er es immer noch sofort. So eine verzinkte Schuss- und Flankentechnik wie Marc Schnatterer hat nur ... Marc Schnatterer.

Trainer Frank Schmidt leitet den Klub seit 13 Jahren an

Der Zweitligist 1. FC Heidenheim hat sich also tatsächlich für die Aufstiegs-Relegation qualifiziert: In den Zeitungen und im Netz zeigen Landkarten, die bei der Suche nach diesem Heidenheim helfen (es liegt im östlichsten Ostwürttemberg, wo das Netz schlecht ist), manchmal gibt es da auch im Mai noch Bodafroscht (Temperatur der Erdoberfläche unter null; d. Red.). Zudem starten nun die Versuche, zu erklären, was man von diesem Heidenheim lernen kann. Problem: Für Heidenheim gilt dasselbe wie für Schnatterer, der seit zwölf Jahren dort spielt. Vergleichbar ist Heidenheim nur: mit Heidenheim. Und die beste Vergleichsgröße für den Trainer Frank Schmidt, der seit 13 Jahren dort trainiert, ist der Trainer Frank Schmidt.

Für eines aber steht dieses einzigartige Vereinle durchaus: Man kann in einer Zeit, in der über Umverteilungsmodelle beim Fernsehgeld diskutiert und manchmal gejammert wird, auch einfach still seine Arbeit machen. Fast alles ist dort made in Heidenheim, die zwei Großsponsoren kommen von da, ebenso viele Firmen im Pool der Klein- und Mittelsponsoren, Sportchef Holger Sanwald hat in Heidenheim gekickt, der Trainer Schmidt ist nur einen Schnatterer-Schuss vom Stadion entfernt geboren. Schmidt hat den Verein 2007 in der Oberliga übernommen, er sollte nur für zwei Wochen einspringen. Die zwei Wochen dauern noch an.

In Heidenheim ist mit den Jahren einfach alles a bissle mehr und a bissle größer geworden, die Sponsoren- und Transfer-Einnahmen, das Fernsehgeld, das Stadion, der Etat, die Qualität der neuen Spieler. Und der Trainer Schmidt, der den Kopf immer leicht schief hält und im angrenzenden Nacken eine solide Portion Schalk mit sich führt, hat die Mannschaft Jahr für Jahr a bissle besser gemacht, nie gab es ungesunde Ausschläge. Und in den kurzen Krisenmomenten hat der Manager Sanwald immer gleich klar gemacht, dass Schmidt und kein anderer das Team wieder aus der Krise führen wird.

Es ist ein herrlicher Kitsch, der da in Heidenheim aufgeführt wird, kein Sender kann so etwas guten Gewissens übertragen - außer jenem, der Zweitliga- und übrigens auch Erstligafußball sendet.

© SZ vom 27.06.2020/jki
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