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RB Leipzig:Sächsische Akupressur

Bundesliga - RB Leipzig v Borussia Moenchengladbach

Hoch, höher, Sörloth - aber warum steht der Leipziger Siegtorschütze (Nummer 19) so weit über dem Gladbacher Valentino Lazaro in der Luft? Das ist die Frage, über die sich viele Gladbacher echauffierten.

(Foto: Annegret Hilse/Reuters)

Gegen Gladbach gerät Leipzig daheim 0:2 in Rückstand, stellt dann aber um von Angriff auf Spezialdruck-Behandlung. Das 3:2 hält die Liga an der Tabellenspitze spannend - und lädt das Pokalspiel gegen Dortmund für Borussia-Trainer Rose zusätzlich auf.

Von Cornelius Pollmer, Leipzig

Zum Schluss der Sprechstunde mit Julian Nagelsmann, Doktor des Fußballs und praktizierender Cheftrainer am Sportforum Rasenball in Leipzig, kam das Wort noch einmal auf den Patienten Angeliño und dessen aktuelle Krankengeschichte. Nagelsmann berichtete von einer Visite vor dem turbulenten 3:2-Heimsieg gegen Borussia Mönchengladbach am Samstagabend. Der Trainer versicherte, die Ärzte hätten "vom MRT-Bild her eine klare Muskelverletzung" mit einer sichtbaren "kleinen Einblutung" festgestellt - und deshalb von einem Einsatz des spanischen Leistungsträgers und Feuerläufers abgeraten.

Diesem Rat war Nagelsmann gefolgt, obwohl er eingestand, dass das Bild für ihn selbst nicht ganz so klar gewesen sei: "Da ist irgendwas 'n bissel weißer und ein anderes 'n bissel dunkler", schilderte er, und dass man wohl studiert haben müsse, um das Schattenspucken des Magnetresonanztomographen einigermaßen deuten zu können. Weil aber auch Angeliño selbst nie ein Student der Magnetresonanztomographie gewesen ist, fiel auch dessen eigene Resonanz auf das angeblich so klare Bild eher gering aus: "No muscle issue, I'm fit", teilte der Spieler noch vor Anpfiff digitalöffentlich mit, von wegen Muskelschaden, er sei fit!

Dass die Resonanz darauf wiederum sehr groß ausfiel, erklärte sich von selbst und nicht nur Leuten, die studiert haben. Der so lautende Tweet jedenfalls sei "nicht das Cleverste" gewesen, sagte auch Nagelsmann nach dem Spiel. Aber er sagte es schon wieder mit einem begründeten Lächeln. Denn dieser Leipziger Sieg gegen Gladbach belichtet die beteiligten Teams in sehr unterschiedlicher Weise, es ergibt sich ein ungewohnt klares Bild: Da ist irgendwas 'n bissel weißer bei RB. Die Nagelsmann-Elf hat jetzt zwar in Gegentoren gemessen nach Wolfsburg nur noch die zweitbeste Defensive der Liga. Sie hat aber, viel wichtiger noch, weiterhin nur zwei Punkte Rückstand auf den FC Bayern. Sie weist nun fünf Ligasiege in Serie auf - und erhält die Spannung an der Tabellenspitze.

Leipzig geht auch deswegen gestärkt in das DFB-Pokal-Viertelfinale am Mittwoch gegen besagte Wolfsburger, weil die Art und Weise des Spiels gegen Gladbach noch mehr Grund zur Freude gab als das pure Ergebnis. Und das, obwohl RB in der ersten Halbzeit durch gröbere Torheiten, vor allem von Dayot Upamecano, in Schwierigkeiten geraten war. Ein unnötiges Foul des künftigen Münchners führte zu einem schmeichelhaft verwandelten Elfmeter von Jonas Hofmann (0:1/6.), und beim aus Leipziger Sicht noch unglücklicheren 0:2 (19.) trat Upamecano in einer Komparsenrolle auf und bestaunte aus nächster Nähe, wie der Ball von der goldenen Schulter des angeköpfelten Marcus Thuram ins Tor fiel.

So ging es in die Halbzeit, so ging es aber nicht weiter. Das optisch auch zuvor schon überlegene Leipzig erhöhte gleichmäßig, aber unerbittlich den Druck. In der Arena konnte man nun eine Art Akupressur erleben, eine in der traditionellen fachchinesischen Medizin fortan als sächsisches Shiatsu zu führende Behandlungsmethode des Doktors Nagelsmann. Wie also wurde gedrückt? Stumpf einerseits im Sinne von konstant und immer mehr. Gezielt andererseits im Sinne von mehr noch als sonst mit Flanken, weil Gladbach sich nicht erst beim 0:2 gegen Manchester City in der Champions League unter der Woche als in dieser Weise anfällig gezeigt hatte.

Mittelstürmer Sörloth wird zum Spielentscheider

Dieses Shiatsu führte bald nach der Pause zum 1:2 durch Christopher Nkunku, nach Hereingabe des eingewechselten Alexander Sörloth (57.). Es führte zum 2:2-Ausgleich durch Yussuf Poulsen nur neun Minuten später, der mit einer Mischung aus Schuss und Golfschlag sowie unter Schützenhilfe des linken Innenpfostens das 2:2 erzielte. Leipzig, das sein Hinspiel in der Champions League schon in der Vorwoche ausgetragen hatte, lief nun frischer als Gladbach und noch druckvoller an. Und weil RB damit bis in die dritte Minute der Nachspielzeit nicht aufhörte, passierte zum Schluss Folgendes: Flanke Nkunku, noch einmal über links, Kopfball von Eurer Lufthoheit Sir Alexander Sörloth: Tor, Schluss, Sieg!

Der Norweger Sörloth, der bisher oft glücklos agiert hat, war also endlich mal aus Leipziger Sicht der Matchentscheider, auch wegen seiner Zuarbeit zum 1:2 - und sein Trainerdoktor brüllte draußen beim Anpfiff vor Freude wie ein Löwe. Und auch zur Tweet-Posse um Angeliño, von manchen zum "Eklat" hochgeköchelt, sagte Nagelsmann ganz lässig schmunzelnd: Grundsätzlich liebe er einen Spieler, "der so heiß ist, dass er immer spielen will", also auch dann, wenn die Ärzte abraten.

'N bissel dunkler ist das andere Bild des Abends: der Zustand der Arbeitsbeziehung von Mönchengladbach und dem in Leipzig geborenen Trainer Marco Rose. Gladbach ging mit sechs Wechseln in das Spiel gegen RB, Rose wechselte in den 90 Minuten fünf Mal, inklusive Systemumstellung. Dennoch konnte sein Team in Halbzeit zwei den Eindruck nicht vermeiden, dass es nach den aufreibenden vergangenen Wochen unter einigen muskulären und vielleicht auch geistigen Verhärtungen leidet.

Der Zugriff auf das obere Tabellendrittel und damit verbundene Qualifikationschancen ist nicht mehr gesichert. Die Diskussion um den Wechsel von Rose nach Dortmund wird sich schon deswegen nicht schnell beruhigen, weil dessen derzeitiger und dessen künftiger Arbeitgeber schon am Dienstag im Pokal aufeinandertreffen. Eine Art Familienaufstellung, die auch zwischenmenschlich für einige Beteiligte durchaus fordernd sein wird.

Der Druck steigt für Gladbach also auch auf der Metaebene. Es geht es am kommenden Dienstag noch mehr als am vergangenen Samstag darum, ob aus einer bislang in Summe immer noch beachtlichen Saison womöglich noch eine tieftraurige wird und am Ende eine Diagnose steht, die im medizinischen Standardwerk Pschyrembel unter M wie Matthäus-Syndrom zu lesen ist: Ich habe gleich gemerkt, das ist ein Druckschmerz, wenn man draufdrückt.

© SZ/mok/tbr
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