Die Deutsche Fußball Liga (DFL) präsentierte am Mittwochnachmittag bei ihrer turnusmäßigen Bilanzbetrachtung viele aus Sicht der Branche erfreuliche Zahlen. Zum Beispiel haben die 36 Klubs der ersten und zweiten Liga in der vorigen Saison mehr Eintrittskarten verkauft als jemals zuvor, fast 21 Millionen, und wenn man den Studien der von der DFL beauftragten Marktforscher glaubt, dann gehören jene Menschen, die sich hierzulande nicht für Fußball interessieren, zu einer immer kleiner werdenden, beinahe zu bedauernden Minderheit.
Bloß 39 Prozent der Deutschen wagen es noch, keinen Anteil am Volkssport Nummer eins zu nehmen – fast ein Rekordwert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2002. In der Gruppe der Heranwachsenden zwischen 14 und 18 Jahren, die angeblich der Zerstreuung auf Tiktok so viel nähersteht als der Kicker-Kleinkunst Tiki-Taka, sind angeblich sogar 71 Prozent vom Fußball angetan.

Exklusiv WM-2006-Affäre:DFB legt Revision gegen Bußgeldurteil ein
Der juristische Streit in der Affäre um die WM 2006 setzt sich fort: Der DFB geht gegen das Urteil des Landgerichts Frankfurt vor – die Sache wird nun ein Fall für den BGH in Karlsruhe.
Auch im wirtschaftlichen Vergleich mit den anderen führenden Ligen in Europa steht die Marke Bundesliga gut da, nämlich unverändert an zweiter Stelle. Zwar mit eklatantem Rückstand auf die übermächtige englische Premier League, die dank enormer Medienerlöse fast sieben Milliarden Euro umsetzt und damit fast den doppelten Betrag erwirtschaftet (Bundesliga: 3,83 Milliarden). Aber auch mit gutem Vorsprung auf die spanische Primera División (3,53), die italienische Serie A (2,85) und die deutlich zurückliegende französische Ligue 1 (2,37).
Allerdings bringt die jüngste Jahresauswertung des Liga-Dienstleisters DFL auch Erkenntnisse hervor, die der Branche weniger schmeicheln: Dabei geht es ums Essenzielle, um den Fußball an sich, und um Zahlen, „die wir lieber nicht zeigen würden“, wie der fürs Sportliche zuständige DFL-Geschäftsführer Marc Lenz gestand. Denn bei der Talententwicklung liefern die deutschen Ligen Ergebnisse, die in Europa ihresgleichen suchen – allerdings in negativer Hinsicht. So vermittelt laut einem Langzeitvergleich unter 15 europäischen Fußballligen lediglich Schottlands Premiership weniger als wertvoll eingestufte Nachwuchsspieler ins oberste Profi-Fach als das deutsche System. Während es in der englischen Premier League binnen fünf Jahren (2018 bis 2023) 332 und in Italien 318 Junioren mit hohem Marktwert aus dem eigenen Klubnachwuchs in die erste Klasse schafften, waren es in Deutschland bloß 141. Quelle der Erhebung ist die europäische Klub-Vereinigung ECA, eine glaubwürdige Instanz.
Generell obliegt die Nachwuchsarbeit den Vereinen und dem Deutschen Fußball-Bund
Die DFL, die sich bisher vor allem auf Finanzen und Vermarktung konzentriert hat, will deshalb ihre Zurückhaltung beim Thema Sport aufgeben und selbst Schwerpunkte setzen: Man werde Themen des Fußballs künftig „wesentlich enger begleiten“, kündigte Lenz an. „Strategisch wie inhaltlich“ werde die DFL „mehr Verantwortung übernehmen – wir müssen uns da anders aufstellen“.
Bisher obliegt die Nachwuchsarbeit den Klubs und deren Leistungszentren sowie dem DFB, der zuletzt mit einer umfassenden Jugendfußball-Reform einen Glaubenskampf unter Amateur- und Profiklubs auslöste. Wo auf diesem nicht einfachen Feld die DFL tätig werden möchte, das vermochte Lenz noch nicht zu sagen. Als Möglichkeit nannte er „neue Wettbewerbe“ in den Nachwuchsrunden. Einen „Sportchef“, wie es der heutige DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig früher mal war, wird die DFL aber nicht in ihre Führung aufnehmen. Lösungen sollen eher aus der hauseigenen „Kommission Fußball“ hervorgehen, der Ligamanager wie Max Eberl, Markus Krösche und Sebastian Kehl angehören.
Wie problematisch es um die Nachfrage für den hiesigen Nachwuchs bestellt ist, wird beispielhaft an den aktuellen Investitionen der ambitionierten Klubs Bayer Leverkusen und RB Leipzig deutlich. Jugendliche Talente sind dort zwar willkommen und werden teuer eingekauft, aber sie kommen im Fall Bayer 04 aus Frankreich, Schweden, der zweiten spanischen Liga oder aus Mali. RB Leipzig bezahlte für den 18-jährigen Ivorer Yan Diomande vom spanischen Absteiger CD Leganes und den gleichaltrigen Serben Andrija Maksimovic von Roter Stern Belgrad soeben weit mehr als 30 Millionen Euro.
Ein paar der strukturellen Probleme, die der Nachwuchspflege im Weg stehen, sind offensichtlich: Dazu gehören etwa die Abschaffung der U-23-Teams in einigen Profiklubs, ein zum Teil ungesunder Konkurrenzkampf um Talente samt entwicklungsschädlicher kommerzieller Auswüchse oder auch die Praxis, die sich vor allem die europäisch orientierten Klubs beim Handel mit ihren jungen Spielern angeeignet haben. Dass die großen Vereine Garantien für Rückkaufrechte, Verkaufsbeteiligungen und andere Privilegien diktieren, das trägt bei den Abnehmern gewiss nicht zur Motivation für engagierte Nachwuchsförderung bei.
Dass sich konsequente Arbeit mit jungen (deutschen) Spielern sportlich und finanziell lohnt, belegte zuletzt der 1. FC Nürnberg. Dessen Sportvorstand Joti Chatzialexiou verantwortete früher beim DFB die Nachwuchsarbeit. Die Klage der DFL über den Mangel an Exzellenz in der Ausbildung habe ihn nicht überrascht, erklärte er jetzt der Frankfurter Rundschau: „Wir schaffen es einfach mit den Kapazitäten unserer Nachwuchsleistungszentren nicht, ausreichend Ausnahmespieler auszubilden. Wir haben seit Lothar Matthäus keinen deutschen Weltfußballer mehr erlebt. Für eine Fußballnation wie Deutschland ist das einfach zu wenig.“ Für die DFL ist das nicht nur eine Frage von Ruhm und Ehre – sie sieht auf Dauer die Wettbewerbsfähigkeit der Liga bedroht.

