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Niederlage für Mainz:Gesprächsbedarf mit der Gegentribüne

17.10.2020, xhbx, Fussball 1.Bundesliga, FSV Mainz 05 - Bayer 04 Leverkusen emspor, v.l. Trainer Jan-Moritz Lichte (FSV

Hitziges Wortgefecht: Der Mainzer Trainer Jan-Moritz Lichte stellte sich nach der Heimniederlage gegen Leverkusen den Fans auf der Gegentribüne.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Viertes Spiel, vierte Niederlage: Dennoch sieht der neue Mainzer Trainer Jan-Moritz Lichte beim 0:1 gegen Bayer Leverkusen erste Fortschritte - und legt sich dafür auch mit den Zuschauern an.

Von Frank Hellmann

Torwart Robin Zentner brüllte die Botschaft kurz vor Spielende voller Inbrunst über den Platz: "Männer, wir kriegen noch unsere Chance!" Es lief die vierte Minute der Nachspielzeit, in der der Torwart des 1.FSV Mainz 05 die letzte Möglichkeit witterte, die vierte Niederlage im vierten Bundesligaspiel irgendwie abzuwenden. Dummerweise ertönte nur Sekunden danach der Schlusspfiff, weshalb sich der Schlussmann mit den blondierten Haaren und der mintgrünen Arbeitskleidung flugs zu Schiedsrichter Bastian Dankert begab, um seine Beschwerde über eine zu kurze Nachspielzeit anzubringen.

Die 0:1 (0:1)-Heimniederlage gegen den immer noch weit unter seinen Möglichkeiten spielenden Gegner Bayer Leverkusen vergrößert nicht nur die Sorgen am Standort Mainz, sondern steigert auch wieder den Redebedarf. Unter den ohnehin nur 250 zugelassenen Zuschauern beschwerten sich offenbar zwei Anhänger aus der Gruppierung "Mainzer Metzger" über die zu defensive Spielweise, weshalb Trainer Jan-Moritz Lichte den direkten Dialog vor der Gegentribüne wählte, um die lautstarken Kritiker zu belehren. Seine ausladenden Handbewegungen verrieten hohen Erregungsgrad.

Lichte, 40, sprach hinterher von "Meinungsverschiedenheiten" bei der Bewertung, ob sich die Mainzer echte Torgelegenheiten herausgearbeitet hatten. Seine Replik: "Ich habe ihnen gesagt, dass wir es nur gemeinsam schaffen. Es gab keine Beleidigungen oder Beschimpfungen, aber ich hatte das Gefühl, wir müssen darüber sprechen." Die restlichen Fans spendeten ohnehin artig Applaus, weil es ihnen reichte, wie die Nullfünfer mit einfachen Mitteln einen fußballerisch besseren Gegner auf ihr Niveau runterzogen - und damit ein äußerst chancenarmes Bundesligaspiel erzwangen. Der erst einmal vorübergehend beförderte Mainzer Fußballlehrer war darüber aber nicht unzufrieden: "Wir haben sehr, sehr viel investiert", sagte Lichte, "an den Daten sieht man aber auch, dass Leverkusen sehr viel investieren musste, um das Spiel zu gewinnen."

Mainz hofft, dass bald bessere Zeiten anbrechen

Im Grunde entschied eine einzige Unaufmerksamkeit die Partie zugunsten der bis dato noch sieglosen Gäste: Lucas Alario stand nach einem Eckball von Leon Bailey recht frei, um zum 1:0 einzunicken. Keeper Zentner bekam die Kugel erst hinter der Linie zu fassen (30.). Solche Aussetzer bei ruhenden Bällen dürfen nicht passieren, wenn bei den Rheinhessen die durch den Spielerstreik um den mittlerweile wieder begnadigten Stürmer Adam Szalai und die frühe Ablösung von Cheftrainer Achim Beierlorzer ausgelöste Krise sich nicht ausweiten soll.

"Dieser eine Standard ärgert uns maßlos", sagte Sportvorstand Rouven Schröder, der ansonsten am Mainzer Europakreisel schon allerlei Durchhalteparolen vortrug: "Die Mannschaft hat gemeinschaftlich den Willen gehabt, jedem Ball nachzujagen. Es war wichtig, weil wir da in der Vergangenheit unsere Defizite hatten." Wichtig sei es, mit Blick auf das nächste Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach den Glauben zu behalten: "Das war ein erster Schritt, der hoffentlich bald mit Punkten belohnt wird. Dann wird es bald auch bessere Zeiten geben."

Lichte hatte bei seinem Heimdebüt als Cheftrainer - anders als bei der grandios vergeigten Premiere bei Union Berlin (0:4) - seine Handschrift durchgebracht. Torsicherung ist erste Bürgerpflicht für eine Mannschaft. U21-Nationalspieler Luca Kilian, Zugang aus Paderborn, verteidigte mit Moussa Niakhaté im Abwehrzentrum, Jeremiah St. Juste rückte auf die rechte Seite. Insgesamt arbeitete die Heimelf in zwei eng miteinander verzahnten Viererketten gegen den Ball, stand dabei teilweise extrem tief. "Das muss auch die nächsten Wochen die Basis sein", erklärte Lichte, "wir können nicht immer drei, vier Gegentore kriegen." Man sei schon nah dran gewesen, bei nur einem Gegentreffer vielleicht ein glückliches Remis zu ergattern. Und dann tischte der gebürtige Kasselaner noch eine gewagte These auf: "Es hört sich vielleicht komisch an: Auch unser Plan im Offensivbereich ist halbwegs aufgegangen."

Wenn dem so ist, bewegt sich der Spaßfaktor bei Bundesligapartien mit Beteiligung des selbst ernannten Karnevalsvereins auf unterem Niveau: Zuspiele, Pässe und Flanken im letzten Drittel gerieten fast regelmäßig zu unpräzise, so dass es gerechtfertigt schien, dass der Leverkusener Torwart Lukas Hradecky trotz zweistelliger Temperaturen mit einem wärmenden Unterziehpullover aufgelaufen war. In der einzigen brenzligen Situation klärte für ihn der unverwüstliche Sven Bender gegen den einschussbereiten Levin Öztunali (55.). Mehr ließen die Gäste nicht zu, die einmal Glück hatten: als der bereits mit roter Karte wegen Notbremse vom Platz gestellte Edmond Tapsoba doch auf dem Feld bleiben durfte. Passempfänger Karim Onisiwo hatte knapp im Abseits gestanden, wie Videoassistent Marco Fritz richtigerweise aus dem Kölner Kontrollraum übermittelte (78.).

© SZ vom 18.10.2020/dsz/ebc

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