Es war weder zu übersehen noch zu überhören, welche Bedeutung dieser Befreiungsakt für alle Beteiligten beim FSV Mainz 05 besaß. Der kurz vor Spielende ausgewechselte Nadiem Amiri rannte mit Schlusspfiff auf den zerfurchten Rasen, er ballte die Fäuste, und noch ehe sich der beste Fußballer dieses mit Ach und Krach und 2:1 Toren gewonnenen Kellerduells gegen den 1. FC Heidenheim eine Jacke übergestreift hatte, feuerte der er bereits die Fankurve an. Als wenig später der neue Mittelstürmer Phillip Tietz die Kabinengänge betrat, ertönte ein lautes „Yes“. Eine gebrüllte Botschaft, dass Mainz im Abstiegskampf auch diesmal so schnell nicht kleinzukriegen ist.
Amiri, 29, und Tietz, 28, gingen nach dem ersten Mainzer Heimsieg seit elf Monaten – einem 2:0 gegen St. Pauli am 22. Februar 2025 – mit ihrer Attitüde demonstrativ voran. „Ich habe das Gefühl sehr vermisst. Es war viel Druck auf dem Kessel. Wir sind wieder rangerutscht, haben den letzten Platz sogar verlassen“, berichtete Amiri am Sky-Mikrofon wahrheitsgemäß. Zugleich lobte er seinen neuen Spielgefährten in vorderer Linie: Der beim Ligarivalen Augsburg überzählige Stürmer Tietz verkörpere genau jene Haltung, die einen Anführer im Abstiegskampf auszeichne: „Brutal, was Phillip vor allem menschlich mitbringt. Er hat uns eine ganz neue Energie in die Mannschaft gebracht. Man sieht auch auf dem Platz, dass wir eine tolle Verbindung haben.“
Tatsächlich entsprang das vom Nationalspieler Amiri mit einer Direktabnahme erzielte 2:0 (49.) einer sehenswerten Koproduktion mit Tietz. „Die Connection funktioniert schon gut“, fand auch der Sturmkollege, der sich nach eigenem Bekunden „peu à peu“ seinem ersten Tor-Erfolgserlebnis annähere.
Während die Mainzer also ihren zweiten Saisonsieg in der Bundesliga genossen, wähnten sich die Gäste von der schwäbischen Ostalb mit Hinrundenabschluss am Tiefpunkt. „Wir sind verdient Letzter“, räumte Heidenheims Trainer Frank Schmidt zerknirscht ein. Dies liege nicht am „Einsatz“ oder „Charakter“, betonte Schmidt, sondern daran, dass man sich zu viele individuelle Aussetzer leiste. Wie den fatalen Fehlpass von Torwart Diant Ramaj vor dem 0:1, als Silvan Widmer nach Flanke des handlungsschnellen Jae-Sung Lee einschoss (30.). „Das ist hoffentlich der Startschuss für viele Siege“, betonte der Mainzer Kapitän, der schon den kommenden Gegner, den 1. FC Köln, im Visier hat: „Am Samstag bietet sich eine gute Gelegenheit, den nächsten Schritt zu machen.“
Fast hätten die Mainzer erneut einen 2:0-Vorsprung verspielt
Die Mainzer Zuversicht hat auch mit dem neuen Trainer Urs Fischer zu tun, der einen ziemlich identischen Weg wie einst mit Union Berlin eingeschlagen hat. Auch dieses Mainzer Team ist zuerst darauf erpicht, die Fehlerquote in der Defensive auf ein Minimum zu reduzieren – und darauf basierend Nadelstiche in der Offensive zu setzen. Fischer hat bislang keines seiner sechs Pflichtspiele mit den Nullfünfern verloren. „Wir haben einen Schritt gemacht, aber das reicht bei Weitem noch nicht“, mahnte der 59-jährige Schweizer in der ihm eigenen Tonalität.
Erneut, wie zuletzt an der Alten Försterei beim 2:2 gegen Union Berlin, lief Mainz nach dem Anschlusstreffer von Stefan Schimmer (60. Minute) Gefahr, einen 2:0-Vorsprung zu verspielen. Doch beim abgefälschten Schuss von Heidenheims Arijon Ibrahimovic prallte der Ball von der Lattenunterkante vor die Linie (85.). Fischer erklärte, das Selbstverständnis „gewinnst du nur zurück, indem du Spiele gewinnst“. Denn: „Siege und Punkte geben Zuversicht.“ Zudem erleichtern sie das Anwerben weiterer Verstärkungen für die Rückrunde, wie Sportchef Niko Bungert anmerkte: „Wir wollen noch den einen oder anderen Spieler finden, der sich uns anschließt. Wir können glaubhaft versichern, dass bei uns die Uhren anders ticken.“
Gut wäre nur, wenn in Zukunft nicht mehr so große Lücken auf den Tribünen klaffen wie am Dienstagabend. Offiziell 24 500 Besucher bedeuteten in dieser Saison eine neue Minuskulisse für die Mainzer, die in der unterhaltsamen Phase unter Coach Bo Henriksen ihren Zuschauerzuspruch eigentlich deutlich gesteigert hatten. Schon im nächsten Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg werde es wieder voller auf den Rängen, versprach Bungert, der lieber hervorheben wollte, „was die Fans, die da waren, geleistet haben“. Die schickten Nadiem Amiri und Co. auf eine Ehrenrunde und sangen Karnevalslieder.

