„Champagner“ ist ein geschützter Begriff. Nur Schaumwein aus der Champagne im Nordosten Frankreichs darf so genannt werden. Entsprechend wäre nachvollziehbar, dürfte auch „Champagner-Fußball“ nur als solcher bezeichnet werden, wenn er in der Champagne gespielt wird – oder von dort gebürtigen Spielern.
Es könnte also an juristischen Bedenken gelegen haben, dass Bayer Leverkusens Fußballtrainer Kasper Hjulmand vor der jüngsten Bundesligapartie gegen den FC St. Pauli vorsichtshalber angekündigt hatte, es werde in diesem Spiel „kein Champagner-Fußball“ zu sehen sein. Hätte Hjulmand einen solchen Fußball angekündigt, hätten in den Anwaltskanzleien der Champagne womöglich die Alarmsirenen geschrillt.
Tatsächlich aber hatte Hjulmand mit seiner Metapher natürlich etwas anderes im Sinn. Er wollte Druck von seiner Mannschaft nehmen und möglicher Kritik Vorschub leisten. Seine Elf hatte von den vorangegangenen fünf Spielen vier gewonnen und somit champagnerartige Ergebnisse serviert; gespielt hat sie dabei aber allenfalls Sekt-Fußball. Und das ließen ihre Kritiker sie auch stets großzügig wissen.
Entgegen der Ankündigung des Trainers bot Bayer Leverkusen beim 4:0 gegen St. Pauli mit dem zweithöchsten Saisonsieg aber tatsächlich einen prickelnden, geradezu perlenden Sieg. Im Idealfall könnte sich dieser sogar noch als ein korkenknallender Auftakt in Leverkusens relevante Wochen erweisen, mit der Champions League, einem Bundesliga-Duell mit Bayern München und einem DFB-Pokal-Halbfinale. „Diese Leistung war ein guter Push für die nächsten Spiele“, sagte Hjulmand, ersparte sich jedoch einen weiteren Schaumweinvergleich.
Allerdings war es in der BayArena am Samstag derart kalt, dass Hunderte Karteninhaber schlicht nicht erschienen waren. Die Bayer-Fußballer nahmen dies zum Anlass, bei den Abwesenden für eine gewisse Betroffenheit zu sorgen - denn die Treffer von Jarell Quansah (13.), Patrik Schick (14.), Edmond Tapsoba (52.) und Ernest Poku (78.) hätte man doch besser live erlebt.
Keine andere Bundesligamannschaft hat, so wie Leverkusen, in den ersten Viertelstunden der Partien nun schon acht Treffer geschossen. Drei ihrer vier Tore gegen St. Pauli erzielten sie per Kopf, so etwas hatte es in diesem Klub seit fast sechs Jahren nicht mehr gegeben. „Die Dominanz hat mir gefallen“, lobte der Sportgeschäftsführer Simon Rolfes den Auftritt der Mannschaft. Er erhofft sich nun einen direkten Impuls schon für das kommende Spiel, für das es die Leverkusener ins wärmere Südeuropa zieht.
Am Mittwochabend tritt Bayer 04 zum Playoff-Hinspiel bei Olympiakos Piräus an, eine Woche später folgt das Rückspiel daheim. Im Falle eines Weiterkommens ins Achtelfinale würde man sich für ein Duell entweder mit dem FC Arsenal aus London oder mit dem FC Bayern qualifizieren; das wird noch ausgelost. Beides wären Champagnerduelle; auf dem Weg dahin wird Leverkusen aber Piräus nicht unterschätzen dürfen. Mit den Griechen hatte man bereits im Rahmen der Vorrunde zu tun und verlor dabei in Piräus 0:2.
Fünf Siege und ein Unentschieden haben die Leverkusener seither erkämpft und erspielt und dabei 15 Tore geschossen und bloß zwei Gegentreffer zugelassen. Das ist eine bemerkenswerte Bilanz, die der zuvor nicht immer ganz sattelfesten Mannschaft eine Art von Selbstvertrauen vermittelt hat, das sich auch gegen St. Pauli sehen ließ. „Wir haben ein gutes Spiel gemacht und sind zurück in der Erfolgsspur“, sagte der Angreifer Jonas Hofmann und entnahm daraus die Hoffnung, „dass wir in der Champions League noch viele Spiele machen“.
Was das angeht, wären die Leverkusener nämlich nur zu gern zu erheblicher Mehrarbeit bereit und würden ihre Work-Life-Balance dafür hintenanstellen. Acht Pflichtspiele binnen 32 Tagen haben sie bis zur nächsten Länderspielpause Ende März vor der Trikotbrust – und sollten sie gegen Piräus weiterkommen, stiege das Pensum gar auf zehn Spiele binnen 32 Tagen. Ein strammes Programm, das alle Konzentration und Nüchternheit erfordert und somit nicht unbedingt berauschenden Champagner-Fußball. Jedenfalls nicht durchgängig, denn sonst besteht bekanntlich Katergefahr.

