Süddeutsche Zeitung

Bundesliga:Als ginge es nicht um Tore

Julian Nagelsmann ist irritiert, wie wenig zielgerichtet seine Leipziger beim 0:0 gegen Hoffenheim auftreten. Als sein Team dann in der 96. Minute doch noch trifft, meldet sich der Video-Schiedsrichter.

RB Leipzig hat sich im Fernduell mit Bayern München den nächsten Patzer geleistet. Das Team von Trainer Julian Nagelsmann kam am Freitagabend gegen die TSG Hoffenheim nicht über ein 0:0 hinaus. Damit verpassten es die Sachsen, die Bayern vor deren kniffliger Aufgabe beim VfL Wolfsburg am Samstag unter Druck zu setzen. Stattdessen liegt RB wieder sieben Punkte hinter dem Rekordmeister.

Nagelsmann hatte zuvor alle drei Duelle mit seinem Ex-Club gewonnen. Doch in der leeren Leipziger Arena fiel seiner Mannschaft erst eine Halbzeit lang fast gar nichts ein, dann ließ sie die wenigen guten Chancen ungenutzt. Hoffenheim bleibt in der Fußball-Bundesliga zwar auch das fünfte Spiel nacheinander ohne Sieg, dürfte den Punktgewinn bei RB aber als Erfolg verbuchen.

In der 6. Minute der Nachspielzeit der zweiten Hälfte sah es zunächst so aus, als hätte der eingewechselte Yussuf Poulsen die Leipziger in buchstäblich letzter Minute gerettet. Er köpfte eine Ecke von Marcel Halstenbergs ins Tor - doch der Videoschiedsrichter entschied: Poulsen köpfte sich den Ball zuvor auf den rechten Arm. Handspiel also, das Tor zählte nicht. Hoffenheims Trainer Sebastian Hoeneß war über den unverhofften Punkt sichtlich glücklich. "Wir haben unfassbar gefightet, wir waren da, wir waren griffig. Am Ende hätten wir uns sogar noch ein bisschen mehr gewünscht", meinte er und schmunzelte: "Beim Kopfball von Poulsen ist mir das Herz schon ein bisschen in die Hose gerutscht."

Nagelsmanns Konzept geht nicht auf

Sein Gegenüber Julian Nagelsmann konnte erstmals seit Mitte Februar wieder auf den umtriebigen und torgefährlichen Angeliño setzen. Der spanische Außenbahnspieler hatte seine Muskelverletzung auskuriert und war wie sein rechter Gegenpart Nordi Mukiele in fast jeden Leipziger Angriff eingebunden. RB versuchte immer wieder, mit langen Diagonalbällen auf die hoch stehenden Außenverteidiger hinter die Hoffenheimer Abwehr zu kommen.

Das Konzept ging zunächst überhaupt nicht auf. Und da auch die TSG trotz ihres wieder in der Startelf stehenden Topscorers Andrej Kramaric wenig zustande brachte, gab es in der ersten Halbzeit zwei Halbchancen. Ein Schlenzer von Robert Skov (27. Minute) ging knapp am Leipziger Tor vorbei, ein Schuss von Marcel Sabitzer (41.) aus gut 20 Metern verfehlte das Ziel auf der anderen Seite.

Leipzig spielt zu kompliziert und zu ungenau

Nagelsmann hatte genug von der faden Darbietung seiner Mannschaft, brachte in Kevin Kampl einen neuen Spielgestalter. Tyler Adams rückte für Mukiele auf die rechte Seite, zudem sollte Amadou Haidara über den linken Flügel für mehr Variabilität sorgen als Angeliño. Bei Hoffenheim kam Ihlas Bebou für das 18 Jahre alte Sturmtalent Georgino Rutter.

Mehr Schwung brachte aber zunächst keine der Maßnahme ins Spiel. Leipzig spielte zu kompliziert und zu ungenau. Hoffenheim verlegte sich weiterhin auf Konter, war dabei zunächst nicht mal im Ansatz torgefährlich. Dann musste die TSG auch noch den offenbar an der linken Schulter verletzten Florian Grillitsch (56.) durch Mijat Gacinovic ersetzen. Leipzig erhöhte den Druck - und brachte durch einen Schuss von Christopher Nkunku (59.) tatsächlich erstmals im Spiel einen Ball aufs Tor. Nur eine Minute später köpfte der völlig ungedeckte Adams am langen Pfosten neben das Tor. Nagelsmann tigerte an der Seitenlinie ungeduldig auf und ab, brachte in Alexander Sörloth (62.) endlich einen gelernten Stürmer. Und weil das immer noch nicht langte, kam mit Yussuf Poulsen (72.) der nächste zeitnah hinterher. Mit dem bekannten Ergebnis.

Emotionaler Knockout

In so einem Fall "sieht man ein bisschen die negative Seite des Videobeweises", ärgerte sich Nagelsmann nach der großen Aufregung, "weil du von der maximalen Emotion auf die minimale runtergeschraubt wirst, innerhalb von wenigen Sekunden", sagte Nagelsmann und gab Einblicke in sein Innenleben. Seine Spieler hatten an der Seitenlinie schon ausgelassen gefeiert, ehe Schiedsrichter Manuel Gräfe (Berlin) das Kopfballtor von Yussuf Poulsen (90.+6) doch noch zurücknahm. Der Däne hatte sich an den Unterarm geköpft, ehe der Ball ins Tor sprang. Die Regel sei korrekt angewandt worden, musste Nagelsmann anerkennen. RB-Sportdirektor Markus Krösche räumte ein: "So sieht es das Regelwerk vor."

Dennoch hätten solche Momente des emotionalen Umschwungs klare Konsequenzen für den Fußball, prophezeite Nagelsmann. Die Folge sei, dass man sich nie mehr so richtig über ein Tor freuen könne, weil man immer lange warten müsse, ob das Tor jetzt zählt oder nicht. "Das macht den Sport zwar fairer, aber nicht zwingend schöner", urteilte der Coach. Letztendlich aber, und das wusste auch Nagelsmann, hatte seine Mannschaft in den 95 Spielminuten zuvor den wichtigen Sieg bei der Jagd auf Tabellenführer Bayern München verpasst. Kaum Torchancen, viel zu wenig Tempo. "Wir haben Ballbesitzfußball wie Sieben gegen Sieben plus vier gespielt", ärgerte sich der Coach und ergänzte: "Wir haben teilweise gespielt, als wären da keine Tore."

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