Nachdem in München der Vorstandschef des FC Bayern, Jan-Christian Dreesen, die Entwicklung des ausländischen TV-Geschäfts der Bundesliga beklagt hatte („wir hinken dramatisch hinterher“), hätte sich zur Beruhigung der besorgten Bayern-Mitglieder eine TV-Schalte nach Köln empfohlen. Auch dort äußerte sich gerade ein führender Klubmanager zur Vermarktung des deutschen Fußballs, und anders als Dreesen hatte Thomas Kessler, der Sportchef des 1. FC Köln, einen Hinweis zu bieten, wie die Bundesliga künftig wieder mehr Geld auf ausländischen Fernsehmärkten verdienen könnte: Zum Beispiel, indem Chinesen und Amerikaner öfter solche Spiele wie jenes zwischen den Traditionsklubs 1. FC Köln und Hamburger SV zu sehen bekämen.
Nach Kesslers Auffassung hatte das Duell der beiden Aufsteiger „Riesenwerbung für den Fußball“ geliefert und außerdem bestes Anschauungsmaterial für Marktforscher, die erleben durften, „warum die Leute das Produkt Bundesliga lieben“. Die euphorische Einschätzung einschließlich der Randerscheinungen im Publikum („Bilder, die wir alle sehen wollen“) war eventuell vom 4:1-Erfolg seiner Mannschaft beeinflusst, doch in der Tat war diese Partie nicht nur eine Gegendarstellung zu jenen Produkten im Supermarkt, die knallig „zehn Prozent mehr Inhalt“ verkünden, aber den zwanzig Prozent höheren Preis verschweigen. Sie reflektierte auch gewisse Kontraste im Erscheinungsbild der Bundesliga-Besetzung.
Das frühe Sonntagnachmittagsspiel in Köln-Müngersdorf hatte nach etlichen aufregenden Vorkommnissen so lang gedauert, dass es beinahe zum Abendspiel geriet. Es reichte weit hinein in das nachfolgende Bundesliga-Match, das allerdings vom VfL Wolfsburg und der TSG Hoffenheim bestritten wurde – woraus sich dann ebenfalls ein Beitrag für die Diskussion über Auslands- und Inlandsvermarktung ergibt.
Sechs Minuten VAR-Prüfung, um einen HSV-Treffer zurückzunehmen?
Dass in Köln in Überlänge gespielt wurde, lag an den Entscheidungen, die Schiedsrichter Daniel Schlager zu treffen hatte. Sechseinhalb Minuten benötigte er in Kooperation mit dem Video-Aufseher, um einen Hamburger Treffer zurückzunehmen, der zum Anschluss beim Stand von 0:2 geführt hätte. So lang dauerte die Prüfung, dass sich die gegnerischen Fanblöcke zum Chor verbündeten: „Scheiß De-Ef-Behe“ riefen die Hamburger Anhänger, und die Kölner Anhänger antworteten: „Scheiß De-Ef-Behe“. Ja, das Warten nervte. Die 50 000 im Stadion; die Deutschen, Chinesen und Amerikaner am Fernseher; und ganz besonders den Schützen Fabio Vieira, was Folgen haben sollte. Aber Schlager hatte bei der betreffenden Szene so viele Fragen zu klären, dass er bei der Urteilsverkündung sprachlich stolperte: „Foulspiel, äh Abseits.“ In Wahrheit traf beides mit ungefähr zwei Dritteln zu – in Summe hatte Schlager mathematisch und juristisch korrekt entschieden.
Das 1:2 folgte trotzdem kurz darauf, erzielt durch Jean-Luc Dompé (61. Minute), als sich der HSV in seine stärkste Phase steigerte. Die FC-Abwehr wackelte, aber fiel nicht, und HSV-Trainer Merlin Polzin trauerte später über den Gang der Dinge. Es hätte „ein richtig cooles Fußballspiel“ werden können, wenn nicht „der eine oder andere externe Faktor“ dagegen gewesen wäre, sagte er mit Blick auf die Schiedsrichter. Doch da sprach er eher aus Betroffenheit als aus Weisheit. Verantwortlich für ihre Platzverweise per Doppel-Gelb waren die Empfänger: der Einwechselspieler Immanuel Pherai, wenn auch unter unglücklichen Umständen (79.). Und der Spielmacher Vieira (83.), der sich seit seinem aberkannten Treffer in hochnervösem Zustand befand.
Dass Pherai einen Temporekord für die Bundesliga aufstellte – Gelb-Rot binnen drei Minuten –, wird ihn nicht trösten, verschaffte dem Match aber noch eine spektakuläre Schlussphase. Der HSV kämpfte in doppelter Unterzahl mit großer Courage und mit Daniel Heuer Fernandes in der Doppelrolle als Torwart und Libero um den Ausgleich. Die Kölner antworteten mit Kontern in Räumen, die so frei und weit zu sein schienen wie die Prärie in Texas.
Sie profitierten dabei vom Tempo des eingewechselten Saïd El Mala und von den Energiereserven des Allzweckspielers Jakub Kaminski, den sein Coach diesmal statt als offensiven Linksaußen als defensiven Rechtshinten einsetzte. Erst bediente Kaminski beim 3:1 El Mala, danach servierte El Mala für Kaminski das 4:1, und anschließend prämierte FC-Coach Lukas Kwasniok den „besten Spieler, den wir hier haben“. Er meinte Kaminski. Ein Spieler, für den der VfL Wolfsburg keine Verwendung mehr gesehen hatte (wie vor zwei Jahren übrigens auch für Omar Marmoush), weshalb er ihn nach Köln verliehen hat. Über die Einlösung der sechs oder sieben Millionen Euro schweren Kaufoption werde man demnächst entscheiden, berichtete FC-Sportchef Kessler. Die Tendenz: ein 100-prozentiges Ja.
Mit der Geschichte von Kaminskis Flucht vom VfL samt schlagartiger Verwandlung in einen Spieler, der die Massen begeistert – auch in seiner polnischen Heimat –, schloss sich der Kreis um die gegensätzlichen Sonntagsspiele. Was es mit ihrem Adelsstand als Traditionsmarken zu tun hatte, ist nicht zu klären, aber das furiose Treffen der beiden prominenten Aufsteiger unter der Regie zweier Trainer mit Offensivgeist war eine Attraktion, die aus dem Rahmen des Üblichen in der zum Teil doch sehr mittelständisch geprägten Bundesliga fällt.


