1899 Hoffenheim Torklau mit den Zehennägeln

Mann des Abends: Hoffenheims Ishak Belfodil (links).

(Foto: Uwe Anspach/dpa)
Von Tobias Schächter, Sinsheim

Es ging auf Mitternacht zu Freitagnacht, als Andrej Kramaric in den Katakomben der Arena der TSG Hoffenheim Ishak Belfodil im Vorbeigehen auf die Schulter klopfte. Er grinste dabei wie ein Schüler, dem gerade ein toller Streich gelungen war - auch Belfodil grinste. Die beiden Stürmer der TSG Hoffenheim hatten nach dem 4:1-Triumph gegen Bayer Leverkusen allen Grund zur Freude. Hoffenheim kann wieder auf die Europapokal-Teilnahme hoffen, sieben Spieltage vor Rundenschluss beträgt der Rückstand der Badener auf Bayer nur noch einen Punkt.

Eine Niederlage hätte wohl das Ende des Traums von der dritten Europatour in Serie bedeutet. Die Erleichterung war dementsprechend riesig, TSG-Gesellschafter Dietmar Hopp schwärmte beim Gratulations-Gang in die Kabine von einem "sensationellen Spiel". Er übertrieb nicht: Hoffenheim gegen Leverkusen war eines der besten Spiele dieser Saison. Aber die Erleichterung war vor allem auch groß bei Kramaric, denn Belfodil war ihm nicht böse - obwohl der Kroate dem Algerier, ja, man darf das so sagen, ein Tor geklaut hatte.

Zwei Treffer hatte Belfodil schon erzielt, als der Ball sich von seinem Fuß aus erneut unaufhaltsam auf den Weg ins Leverkusener Gehäuse machte - aber kurz vor Überschreiten der Torlinie spitzelte dieser Kramaric die Kugel mit den Zehennägeln seines rechten Fußes dann letztlich ins Netz: 4:1 (79.). "Macht nichts", lächelte Belfodil und scherzte: "Ich habe ihm ein Tor aufgelegt und er mir eines - wir sind quitt."

Beide Teams fordern sich zu Großtaten heraus

Kramarics kesser Torklau wäre ja eine eher unbedeutende Anekdote an diesem aufregenden Abend gewesen, hätte der Kroate dadurch nicht Vereinsgeschichte geschrieben: Mit 47 Toren ist der fintenreiche Stürmer nun Rekordtorschütze der TSG in der Bundesliga, er löste Sejad Salihovic ab. Kramaric versprach, er lade nicht nur Belfodil zum Essen ein, sondern die ganze Mannschaft. Kramaric freute sich zwar über Rekord und Sieg, aber ein bisschen haderte der 27-Jährige auch. Es sei zwar die Europa League noch drin, aber eigentlich müsse eine Mannschaft mit dem Potenzial der TSG in die Champions League einziehen - so wie im vergangenen Jahr.

Es war für die Badener bislang ja tatsächlich eine Saison der verpassten Chancen, sie haben so viele Punkte im Verlauf der Spielzeit verschenkt, dass sie diese gar nicht mehr zählen wollen. Aber gegen Leverkusen zeigten sie endlich jene Effizienz, die sie vorne wie hinten so oft haben vermissen lassen. Und das in einem Schlagabtausch, der die Zuschauer von Anfang an mitnahm. Kramaric meinte, solche ersten zehn Minuten habe er in noch keinem Spiel zuvor erlebt. Das ist eine erstaunliche Einschätzung, immerhin stand er mit der kroatischen Nationalmannschaft vergangenen Sommer im WM-Finale (2:4 gegen Frankreich). Aber was der Stürmer meinte, war: "So laufen Spiele eigentlich in den letzten zehn Minuten."

Es stimmte: Die Partie begann wie eine Schlussphase eines umkämpften K.o.-Spiels, in dem beide Mannschaften mit Vehemenz die Entscheidung suchen. Bevor Kramaric Belfodil das 1:0 auflegte (9.), hätte Leverkusen eigentlich schon 2:0 führen müssen. Aber der überragende TSG-Verteidiger Benjamin Hübner spitzelte Kevin Volland den Ball kurz vor dem Einschuss doch noch vom Fuß (2.); und der schnelle Leon Bailey vertändelte drei Minuten später eine große Chance wie später auch noch einige Male. Der Charakter dieses Spiels wurde von diesem rasanten Beginn geprägt. Es wirkte, als forderten sich die beiden Teams da gegenseitig zu immer neuen Großtaten heraus - nach dem Motto: Wer ist jetzt besser, ihr oder wir? Was garantiert die Oberhand: die Erhabenheit der Leverkusener Ausnahmetalente Kai Havertz und Julian Brandt oder die Schlitzohrigkeit von Kramaric und Belfodil?