Hertha BSC:In die Kabine statt in die Kurve

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Der Linienrichter hob zwar die Fahne, aber ein wenig später durfte Herthas Angreifer Davie Selke seinen frühen Treffer zum 1:0 bejubeln. (Foto: Annegret Hilse/Reuters)

Nach dem 2:0 von Hertha BSC gegen den Abstiegsrivalen Stuttgart ist der Klassenerhalt plötzlich ganz nah. Doch nach dem Abpfiff gibt es wieder Aufregung um das Fan-Thema - die Mannschaft revanchiert sich für den Trikot-Eklat nach der Derby-Niederlage.

Von Javier Cáceres, Berlin

Es gibt Dinge, von denen behauptet Felix Magath, sie bedeuteten ihm nicht viel. Zum Beispiel: Der ja doch bemerkenswerte Umstand, dass er nun 500 Bundesligaspiele als Trainer geleitet hat. Die letzten fünf davon hat er als Coach der akut abstiegsgefährdeten Hertha bestritten, drei gerieten siegreich. Darunter auch die Partie, die Hertha am Sonntagabend gegen den VfB Stuttgart austrug.

Die Berliner siegten durch ein frühes Tor von Davie Selke und einen späten Treffer von Ishak Belfodil mit 2:0 - und verschafften sich damit drei Spieltage vor Schluss der Saison eine gute Ausgangsposition, um die Klasse zu halten. Die Hertha liegt nun als Tabellen-15. vier Punkte vor den Schwaben und sechs vor dem Vorletzten Arminia Bielefeld. "Das Herz ist erleichtert", sagte Selke nach dem Spiel bei Dazn: "Ich brauche nicht erklären, wie wichtig dieser Sieg war."

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Fürths Abstieg aus der Bundesliga war schon lange klar - die Frage, wie es jetzt weitergeht, ist es nicht.

Dabei rückte rund um das Spiel auch das Fan-Thema wieder in den Blickpunkt. Hertha hatte den rund 40 000 Klubmitgliedern als Dankeschön für die Unterstützung in dieser bislang so missratenen Saison (und um das große Stadion möglichst viel zu füllen) je zwei Gratis-Tickets für das Abstiegsduell zur Verfügung gestellt. Voll wurde das Stadion nicht. Und die 54589 anwesenden Zuschauer mussten nach der Partie auch noch auf ein übliches Siegerritual verzichten. Kaum war das Spiel abgepfiffen, marschierten die Hertha-Kicker in die Kabine. Das war eine Reaktion der Profis auf jene Szenen nach der Derby-Niederlage gegen Union vor zwei Wochen, als radikale Berliner Anhänger die Fußballer dazu zwangen, das Vereinstrikot abzulegen. "Wir haben uns als Mannschaft entschieden, erst mal nicht in die Kurve zu den Fans zu gehen. Gegen Union war das nicht okay", sagte Torwart Marcel Lotka.

Dessen Mitspieler hatten sich für die Partie gegen den VfB in die dunkelblauen Auswärtstrikots gekleidet - wie in der Vorwoche in Augsburg, als die Hertha durch ein feines Zaubertor von Suat Serdar drei wichtige Punkte holte. Frei nach dem Motto: Never change a winning shirt.

Tousart und Ascacíbar zermürben die Stuttgarter Kreativabteilung

Unmittelbar vor dem Anpfiff hatten die Augsburger die Ausgangslage für Hertha und Stuttgart verschärft. Denn der FCA siegte beim VfL Bochum mit 2:0 und machte damit einen wichtigen Schritt in Richtung Klassenverbleib. In dieser Gemengelage war es nicht die übelste Idee, möglichst früh und laut mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Der Hertha gelang das auf vortreffliche Weise.

Erlöste die Hertha in der Nachspielzeit: Stürmer Ishak Belfodil. (Foto: John Macdougall/AFP)

Schon in der zweiten Minute trat Marvin Plattenhardt eine Ecke scharf in den Fünfmeterraum; ausgerechnet der im Winter aus Stuttgart nach Berlin gewechselte Marc Oliver Kempf verfehlte das Tor der ehemaligen Kollegen mit einem Kopfballaufsetzer nur knapp. Wenige Sekunden später war Stuttgarts Torwart Florian Müller doch geschlagen. Nach einer Flanke von Plattenhardt - diesmal von links - kam Herthas Mittelstürmer Davie Selke an den Ball und bugsierte ihn mit ausgestrecktem Bein zur 1:0-Führung ins Tor. Der Linienrichter hob die Fahne, doch mit kalibrierten Linien wissen sie im Videoschiedsrichter-Raum umzugehen.

Das Tor zählte und gab der Hertha zu gleichen Anteilen Sicherheit und Zutrauen, zumal sie mit Resolutheit in die Zweikämpfe gingen und solidarisch verteidigten. Abzüglich zweier Distanzschüsse von Wataru Endo und Chris Führich vermochten es die Stuttgarter nicht, sich in den Strafraum der Berliner zu kombinieren. Die beiden defensiven Mittelfeldspieler der Hertha, Lucas Tousart und Santi Ascacíbar, zermürbten die Stuttgarter Kreativabteilung so sehr, dass Herthas Viererabwehrkette die letzten Reste schwäbischer Angriffsbemühungen nur noch auskehren mussten.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit wird Stuttgart etwas aufdringlicher

An der Seitenlinie forderte der schottische Assistent von Hertha-Coach Magath, Mark Fotheringham, die Mannschaft immer wieder gestenreich auf, nach vorn zu rücken. Die Wege für die Stuttgarter zum Tor der Hertha wurden dadurch länger und länger. Es gab bis zur Halbzeit allerdings auch für die Hertha kaum Chancen. Wohl aber beim Weg in die Kabine Applaus.

Feierte einen Sieg im 500. Spiel als Cheftrainer: Hertha-Coach Felix Magath. (Foto: Andreas Gora/dpa)

Zu Beginn der zweiten Halbzeit wurde der VfB etwas aufdringlicher. Nach einem Ballgewinn im Mittelfeld durchquerte Verteidiger Konstantinos Mavropanos das halbe Feld, sein Schuss aber landete leicht abgefälscht überm Tor. Führich und Erik Thommy versuchten sich ohne Fortune, die Hertha kam erst nach der Einwechslung von Ishak Belfodil für Kevin-Prince Boateng wieder zu Entlastungsangriffen - etwa durch einen Distanzschuss von Peter Pekarik (68.).

Alles in allem aber blieb die Partie eine überaus zähe Angelegenheit, in der sich die Hertha zunehmend darauf versteifte, den Vorsprung über die Zeit zu retten, und dem aufopferungsvoll kämpfenden VfB die Ideen abgingen, um die Defensive der Hertha vor wirkliche Aufgaben zu stellen. Am Ende war es Belfodil, der mit Eiseskälte im Fünfmeterraum vier Stuttgarter ins Leere laufen ließ - und in der Nachspielzeit das 2:0 erzielte. Nun müssen die Stuttgarter nach vier Spielen ohne Sieg versuchen, es gegen Wolfsburg, in München und gegen Köln zu richten. Der Hertha stehen noch Spiele in Bielefeld, gegen Mainz und - am letzten Spieltag - eine Visite in Dortmund bevor. Noch ist nichts gewiss, aber es sieht schwer danach aus, dass der Sieg gegen Stuttgart ein wirklicher Big Point war.

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