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Hertha BSC:Im "Muss-Spiel" schaut der Stabilisator zu

Sami Khedira wird verletzt behandelt. Dr. Schleicher / / Fußball Fussball / DFL erste 1.Bundesliga Herren / Saison 2020

Erste Hilfe für Herthas Hoffnungsträger - aber es half nichts, Sami Khedira musste verletzt raus.

(Foto: O.Behrendt/imago)

Die Hertha sehnt sich nach einem Sieg, doch für das wichtige Spiel gegen Augsburg fällt Sami Khedira aus. Trainer Pal Dardai prüft die Druckresistenz der verbliebenen Profis.

Von Javier Cáceres

Die 0:2-Niederlage beim VfL Wolfsburg war gerade erst zur Gewissheit geworden, da schlug Trainer Pal Dardai schon den Bogen zur nächsten Partie. Er nahm seine Mannschaft in die Pflicht. Am kommenden Wochenende wird der FC Augsburg nach Berlin zu Hertha BSC reisen, und Dardai nannte die Veranstaltung ein "Muss-Spiel": eine Begegnung also, in der sein Team endlich den zweiten Sieg des laufenden Kalenderjahres verbuchen müsse. Er werde das Wort "muss" auch in den kommenden Tagen ganz bewusst strapazieren, sagte Dardai dann am Sonntag und lud die Medien ausdrücklich ein, den Druck auf die Hertha zu erhöhen: "Muss, muss, muss!", diktierte er den Journalisten bei einer Pressekonferenz.

Nicht, dass Dardai ein Zyniker wäre, der ein Gefallen daran finden würde, seine Spieler mit dem Aufbau eines Erwartungshorizonts zu quälen. Im Gegenteil. Fußball jedoch ist bisweilen auch ein Gemütszustand - und eine Mannschaft ein Gebilde mit vielen, zumeist unerforschten Nervenenden. Der erst seit fünf sieglosen Spielen amtierenden Dardai weiß, dass er dringend zu prüfen hat, wen er wie zu stimulieren hat, wer Druck aushält und wer nicht. "Ich will spüren, wie sie damit klarkommen", erläuterte er am Sonntag. Denn die Spiele, in denen es um alles oder nichts geht, kommen erst noch, am Ende einer Saison, die jetzt schon als missraten angesehen werden kann.

Das 0:2 in Wolfsburg stand nicht in jeder Hinsicht exemplarisch für die laufende Spielzeit. Ein paar Elemente waren doch zu begutachten, die erklären, warum Hertha in der Tabelle so weit unten steht. Trotz der vergleichsweise sagenhaften Investitionen des vergangenen Jahres übrigens. Die Millionen von Investor Lars Windhorst machten aus Hertha den einkaufslustigsten Bundesligisten des Kalenderjahres 2020.

Wo die Fehler liegen: Hertha hat 17 Gegentreffer nach Standardsituationen hinnehmen müssen

Beispielhaft war in Wolfsburg etwa die neuerliche Erfolgslosigkeit vor dem gegnerischen Tor. Seit dem bislang letzten Saisonsieg (3:0 gegen den FC Schalke am 3. Januar 2021) hat Hertha gerade einmal sechs Tore geschossen, und es war zwar nicht wirklich zu erwarten, dass ausgerechnet in Wolfsburg viel dazukommt. Die Niedersachsen sind in der Liga seit nunmehr 666 Minuten ohne Gegentreffer, und auch deshalb nehmen sie geradewegs Kurs auf die Champions-League-Plätze. Wirkliche Wucht entfaltete die Torlosigkeit am Samstag aber erst dadurch, dass sich die Herthaner einmal mehr ins eigene Knie schossen, diesmal in Form eines Eigentors durch Lukas Klünter (37.). Das 0:2 durch Maxine Lacroix (89.) war ebenfalls bezeichnend, weil es im Anschluss an eine Ecke fiel, was unter anderem bedeutete, dass Hertha nun gemäß der Statistik des Fachmagazins Kicker 17 Gegentore aus Standardsituationen hinnehmen musste. Nur eine Mannschaft ist ligaweit bei Standards anfälliger: Schalke. Und dann war da noch die Aberkennung eines Strafstoßes durch den Videoschiedsrichter sowie die Verletzung dreier Profis.

Denn rund um die Halbzeitpause meldeten sich Winterzugang Nemanja Radonjic, vor allem aber Matheus Cunha und Sami Khedira ab. Alle klagten über muskuläre Probleme, ihr Einsatz am Samstag im "Muss-Spiel" gegen Augsburg sei ausgeschlossen, bestätigte Hertha. Für den Klub sind vor allem die Ausfälle von Cunha und Khedira misslich. Dardai betonte zwar, dass "keine Chaos-Momente" zu beobachten waren, nachdem die beiden in Wolfsburg den Platz verlassen hatten; sein Team spielte diszipliniert und gar nicht mal so schlecht weiter. Aber dass Khedira in den wenigen Spielen, die er seit seinem Wechsel absolviert hat, die Hertha stabilisierte, war trotz der kargen Ausbeute von einem Punkt aus vier Spielen augenscheinlich: "Er spielt kaum Fehlpässe, er gibt der Mannschaft Ruhe", sagt Dardai.

Er bot Khedira nicht grundlos trotz augenscheinlicher Verletzungsgefahr auf. Sie ergab sich allein daraus, dass Khedira im Februar im Grunde bar jeder Wettkampfpraxis nach Berlin gekommen war. Im Kalenderjahr 2020 hatte er bei seinem vormaligen Klub Juventus Turin nur in einer Partie mitgewirkt und sich ansonsten den Ruf eines zerbrechlichen Fußballers erworben. Das Fehlen Cunhas würde die Hertha ebenfalls treffen: Der Brasilianer ist Herthas Top-Scorer. Dafür aber ist der kolumbianische Stürmer Jhon Córdoba wieder gesund, sein Partner Krzysztof Piatek traf in der zweiten Halbzeit immerhin den Pfosten. Dieser Treffer war sinnbildlich für die Fortune, die Dardai am Samstag vermisste. Er ist sich sicher, dass sie kommt. Weil: "Es kann nicht sein, dass es nicht kommt."

© SZ/bkl/tbr
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