Affäre um Investor:Herthas Kurve stellt sich gegen Windhorst

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Affäre um Investor: Die Fans von Hertha BSC haben eine klare Botschaft für Investor Lars Windhorst.

Die Fans von Hertha BSC haben eine klare Botschaft für Investor Lars Windhorst.

(Foto: Andreas Gora/dpa)

In der Spionage- und Desinformationsaffäre um den Investor positionieren sich die aktiven Fans klar - und werfen ihm den "eklatanten Bruch sämtlicher Werte" des Klubs vor.

Von Javier Cáceres, Berlin

An einem Sonntag, an dem der Herbstwind dazu einlud, den Kragen hochzuschlagen und im Stile von Spionen den Schlapphut aufzusetzen, hat die affärengeschüttelte Hertha gegen die TSG 1899 Hoffenheim ein 1:1 erzielt. Nachdem Stürmer Andrej Kramaric in der 25. Minute die verdiente Führung für die Hoffenheimer erzielt hatte, entpuppte sich der spanische Außenbahnspieler José Ángel Esmorís Tasende, besser bekannt unter dem Decknamen Angeliño, als Doppelagent der Hertha. Mit einem haarsträubenden Fehlpass auf Chidra Ejuke leitete er den Ausgleich für die Hertha ein, den der belgische Stürmer Dodi Lukébakio erzielte (37.). Hoffenheim fiel damit aus den Champions-League-Rängen, Hertha verpasste den Sprung aus dem unteren Tabellendrittel ins Mittelfeld - nach einem Spiel, dessen Unterhaltungswert mit dem Thriller rund um Investor Lars Windhorst nicht mithalten konnte.

Wobei: Die Hürde ist nicht ganz so einfach zu nehmen.

Zur Erinnerung: Am Donnerstag hatte die britische Wirtschaftszeitung Financial Times berichtet, dass eine israelische Sicherheitsfirma namens Shibumi sowohl Windhorst wie auch eine Filiale seiner Tennor Group in Tel Aviv verklagt hatte - wegen angeblich ausbleibender Honorarzahlungen für eine vermeintliche Undercover-Aktion gegen den im Mai 2022 zurückgetretenen Hertha-Präsidenten Werner Gegenbauer. Es sei im Internet eine konzertierte Kampagne gegen Gegenbauer gefahren worden, zudem soll der Unternehmer Spitzeleien ausgesetzt gewesen sein, hieß es. Windhorst nannte den Bericht "Unsinn", der Eigner von Shibumi dementierte ebenfalls. Aber: Die israelische Justiz bestätigte die Existenz einer Klage von Shibumi gegen Windhorst und Tennor und ebenso, dass diese zu den Akten gelegt wurde, just nachdem die FT die Geschichte öffentlich gemacht hatte. Warum der Fall geschlossen wurde, blieb mysteriös. Doch die Affäre ist damit noch lange nicht ausgestanden.

Windhorst meldet sich einigermaßen pikiert zu Wort

Am Freitag forderte die Hertha eine detaillierte Stellungnahme von Tennor an; zudem wurde eine Rechtsanwaltskanzlei beauftragt, den Vorgang zu prüfen und zu bewerten. Eine für Dienstag angesetzte Pressekonferenz mit dem neuen Präsidenten Kay Bernstein, den Geschäftsführern Fredi Bobic und Thomas E. Herrich und Windhorst wurde abgesagt. Der Anlass wäre die 100-tägige Amtszeit von Bernstein gewesen.

Windhorst wiederum meldete sich am Samstag zu Wort - einigermaßen pikiert. "Die Entscheidung der Hertha-Vereinsführung, eine Pressekonferenz zu verschieben sowie Berliner Anwälte recherchieren zu lassen, nehme ich zur Kenntnis", schrieb Windhorst in einer Facebook-Gruppe. "Extrem bedauerlich ist allerdings, dass nicht versucht worden ist, im gemeinsamen internen Gespräch offene Fragen zu klären. Stattdessen wurde wie in der Vergangenheit mit Durchstechereien und Indiskretionen in der Presse gearbeitet", schrieb Windhorst, der seit Sommer 2019 bei der Hertha 374 Millionen Euro investiert hat und damit zwei Drittel der Anteile an der Profiabteilung erwarb. "Die Möglichkeit, die in dem Brief gestellte Frage vereinsintern zu beantworten, gab es nicht. Dies alles hat mit Neuanfang und Respekt nichts zu tun." Am Sonntag sagte Manager Bobic: "Da reagiere ich gar nicht drauf." Und die Mannschaft? Es sei klar, dass jeder einzelne das mitbekommen habe, sagte Trainer Sandro Schwarz nach dem Schlusspfiff; "aber ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass sich die Jungs in den Trainingseinheiten oder in der Kabine groß damit beschäftigt hätten". Dafür reagierten die Fans.

Die Ostkurve meldete sich mit einer Stellungnahme zu Wort, die im Grunde eine kaum verbrämte Aufforderung zur Einleitung eines Verfahrens zum Vereinsausschluss darstellte. Sollten die Berichte zutreffen, hätte sich Windhorst eines "eklatanten Bruchs sämtlicher Werte von Hertha BSC" schuldig gemacht und "dem Verein in kaum zu glaubender Weise geschadet", schrieb die aktive Fanszene, die Gegenbauer sehr kritisch gegenüberstand.

Affäre um Investor: Die Hertha-Fans positionieren sich klar gegen den Investor Lars Windhorst.

Die Hertha-Fans positionieren sich klar gegen den Investor Lars Windhorst.

(Foto: Sebastian Räppold/Matthias Koch/Imago)

"Wenn wir Herthafans dies nun durchgehen lassen, weil es mit Werner Gegenbauer den vermeintlich richtigen getroffen hat, würden wir das Zeichen setzen, dass diese Methode funktioniert", hieß es weiter. In der Ostkurve hing dann bei Spielbeginn ein Transparent, auf dem das alles nochmal zusammengefasst zu lesen war: "Schmutzkampagnen, Detektive und Millionen werden es nicht beenden. Hertha BSC bleibt fest in unseren Händen." Später war auch ein durchgestrichenes Windhorst-Porträt zu sehen.

Hertha findet in der zweiten Hälfte ins Spiel

Das Spiel, was sich dann entspann, war durchaus abwechslungsreich. Es gab erst Abschlüsse für die Hertha durch Wilfried Kanga und Lukébakio (8./16.), dann aber münzte Hoffenheim die Überlegenheit in Chancen um, die Kramaric (20.) und Munas Dabbur (21.) nicht nutzen konnten. In der 26. Minute aber kam die Führung der Hoffenheimer: Einen Außenristpass von Angeliño in den Rückraum legte sich der aufgerückte Innenverteidiger Ozan Kabak zurecht, dessen Schuss lenkte Kramaric ins Tor. Hertha glich nach dem Fehler von Angeliño wieder aus: Der Außenbahnspieler der Hoffenheimer schlug einen Pass ins Zentrum, den Chidera Ejuke abfing. Der Nigerianer passte auf Lukébakio, der Torwart Oliver Baumann keine Chance ließ.

Kurz vor der Pause gab es noch mal Aufregung: Nach einem neuerlich brillanten Pass von Angeliño jagte Kramaric den Ball volley unter die Latte, den Abpraller drückte Grischa Pröml per Kopf Richtung Tor, doch Hertha-Verteidiger Marc-Oliver Kempf schlug ihn von der Linie. Nach der Pause war die Überlegenheit der Hoffenheimer aus der ersten Halbzeit nahezu weggeweht, Trainer Andreas Breitenreiter war deshalb an seinem 49. Geburtstag am Ende mit der Punkteteilung einverstanden. "Wir müssen uns vorwerfen, dass wir den Sack nicht eher zugemacht haben. In der zweiten Halbzeit kommt Hertha dann besser rein und wir sind etwas zu passiv", sagte Breitenreiter.

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