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Pal Dardai bei Hertha BSC:Ironie, Ambition und Gefühl

Fussball, Herren, Saison 2020/2021, 1. Bundesliga, Hertha BSC, Training, v. l. Niklas Stark (Hertha BSC), Trainer Pal D

Die sind ja gar nicht so bissig: Pal Dardai (Mitte) fordert seine Spieler Niklas Stark (links) und Sohn Marton heraus.

(Foto: Matthias Koch/Imago)

Der neue, alte Hertha-Trainer Pal Dardai beginnt seine Mission beim kriselnden Hauptstadtklub. Hundertprozentig sicher, ob wirklich alle den Ernst der Lage erkannt haben, ist er sich nicht.

Von Javier Cáceres, Berlin

Niemand weiß, über wie viele Punkte Hertha BSC am Ende der laufenden Spielzeit verfügen wird. Aber wenn sich authentische Emotionen und Herzblut ummünzen lassen sollten, dann darf mit den Berlinern wieder gerechnet werden. Pal Dardai ist wieder da, als Nachfolger des bisherigen Trainers Bruno Labbadia, und mit ihm Verschmitztheit, Ironie, Ambition und vor allem: Gefühl.

Am Dienstag saß er gegen Mittag vor einem Bildschirm und führte einen Dialog mit den Medienvertretern. Und wenn es etwas gab, was prägender war als all die Projektionen für die Restsaison, dann war es ein Blick zurück. Am Vortag, als er, obschon zum neuen Chefcoach der Hertha bestellt, noch einmal das Training der U16-Mannschaft leitete und, wie er bekannte, vor den Jungs "richtig geweint" habe - da wäre ihm "fast das Herz rausgesprungen", sagte Dardai.

Zum Vergleich: Als er auf Investor Lars Windhorst angesprochen wurde, befand Dardai, sein Job sei jetzt nicht, mit Sponsoren essen zu gehen - was nichts damit zu tun hat, dass er gerade seinen privaten Ramadan bewältigt, von Neujahr bis zu seinem Geburtstag im März entsagt er traditionell dem Alkohol. Nein: Beim Abschlussbankett nach der Saison sei noch genug Zeit, sich kennenzulernen. Jetzt habe er erst einmal einen Job zu bewältigen, der ihm eine schlaflose Nacht bereitet hatte, ehe er das Angebot dann doch annahm. Dardai hatte seiner Familie ja unter anderem versprochen, keinesfalls wieder mitten in der Saison bei einem Klub anzufangen, ohne Vorbereitung - so wie jetzt. Nur: Es ist halt Hertha, sein Verein.

Dardai spricht von einer "negativen Überraschung"

Schon einmal war Dardai, 44, als Trainer eingesprungen, im Winter 2015. Hertha war damals Vorletzter und damit in einer Situation, in der man das Wort Abstieg nicht so einfach umschiffen konnte wie am Dienstag. Und dennoch: Die aktuelle Lage sei "komplett anders" als damals. Er sei damals unerfahrener gewesen - seine Zeit als Profi lag noch nicht so lang zurück -, aber auch unbekümmerter und euphorisch. Nun hat er viereinhalb Jahre als Bundesligacoach im Kreuz, in denen "aus dem Nichts Werte, eine Philosophie erschaffen wurden. Wir waren sympathisch in Deutschland", sagte er.

Auch wenn Dardai aktuell keinen Anlass sieht, das Wort Abstieg in den Mund zu nehmen - hundertprozentig sicher, ob wirklich alle den Ernst der Lage erkannt haben, ist er sich nicht. Und auch wenn er sich eine detaillierte Analyse der Situation verkniff, augenscheinlich aus Respekt vor den Menschen, die bis zum Wochenende in der Verantwortung waren, so ließ er sich dies entlocken: Es sei schon "eine negative Überraschung" für ihn gewesen, dass es bei seinem Herzensverein nicht lief, obwohl doch "viel Geld und bessere Spieler" da waren. Im vergangenen Sommer seien wohl "einen Tick zu viele neue Spieler" angestellt worden, sagte Dardai. So viel zum vieldiskutierten Thema der Kaderplanung.

Dardais Zurückhaltung war wohl auch dem Umstand geschuldet, dass er sich von Herthas erster Mannschaft bewusst ferngehalten hatte und auch keine Gespräche mit Spielern führte - nicht, dass es nachher heißt, er strebe jenen Job an, der ihm nun zugetragen wurde. Das hatte unter anderem zur Folge, dass ihm keine detaillierten Erkenntnisse über die Bewohner der Hertha-Kabine vorlagen, als er diese am Dienstag betrat. "Ich habe gedacht, hier sind 20 Alligatoren, sie können mich auffressen." Immerhin hatten die Hertha-Profi nach Dardais Abschied 2019 gleich vier Trainer verzehrt: Ante Covic, Jürgen Klinsmann, Alexander Nouri und zuletzt Bruno Labbadia. Dardai traf dann aber keine gefährlichen Reptilien an, sondern zahme, folgsame Fußballer. Zum Einstand ordnete er zwei Laufrunden an, und die Spieler liefen große Runden. Er selbst hätte als Profi sicher kleinere Schleifen gedreht, sagte Dardai.

Was die Umsetzung von derartigen Anweisungen anbelangt, dürfte ihm sein Assistent Andreas "Zecke" Neuendorf nicht unähnlich sein. Seinen früheren Mitspieler habe er aber auch deshalb mit ins Trainerteam geholt, weil er anders gestrickt sei: "Ich bin manchmal bockig, ein Sturkopf", sagte Dardai, "aber selbst wenn ich sauer bin, ist am nächsten Tag wieder alles in Ordnung." In jedem Fall teile er mit Neuendorf das Ziel: "Wenn ich im Sommer an den Plattensee komme, alle klatschen, laden mich auf einen Rotwein ein und sagen: Super, Pal!", dann habe er sein Ziel erreicht.

© SZ/jkn/bkl/ska
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