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Corona-Fälle im Profifußball:Endspiele nach Home-Office

Corona-Fälle bei Hertha BSC

Ein Blick auf das verlassene Trainingsgelände von Hertha BSC.

(Foto: Andreas Gora/dpa)

Hertha BSC muss im Abstiegskampf in Quarantäne, in der zweiten Liga wankt der Spielbetrieb bereits erheblich. Droht im schlimmsten Fall sogar ein Saisonabbruch?

Von Javier Cáceres, Berlin, und Thomas Hürner, Hamburg

Mit Fußball, gibt Detlef Wagner zu, der Bezirksstadtrat für Soziales & Gesundheit von Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf, habe er nicht so viel am Hut. Hin und wieder schaue er ein Spiel, sagte der frühere Polizist über die Freisprechanlage seines Autos, als er am Freitag seine Kinder zur Schule fuhr, wahre Passion empfinde er für andere Sportarten. Er praktiziere "ganz klassisch Dauerlauf", und vor Jahren absolvierte Wagner auch eine Ausbildung zum Tanzlehrer, "die ganze Palette der Gesellschaftstänze: langsamer Walzer, Wiener Walzer, Quickstepp, Foxtrott, Tango". Doch jetzt sorgte dieser fußballferne CDU-Lokalpolitiker für ein Novum in der Geschichte der Fußball-Bundesliga.

Am Donnerstag schickte jenes Gesundheitsamt, das Wagner unterstellt ist, den gesamten Kader von Hertha BSC für zwei Wochen in Quarantäne, und schuld war nicht der Bossa Nova, sondern ein stetiges Tröpfeln von positiven Corona-Tests. Ende März war bereits der norwegische Hertha-Torwart Rune Jarstein von einer Länderspielreise mit Symptomen zurückgekehrt, nach einem positiven Test musste er zwischenzeitlich sogar im Krankenhaus behandelt werden, wie Sportdirektor Arne Friedrich erklärte.

Auf Jarstein folgten jetzt Cheftrainer Pal Dardai, dessen Assistent Admir Hamzagic und Stürmer Dodi Lukébakio; Dardai und Hamzagic klagten über Beschwerden wie leichtes Fieber und Gliederschmerzen. Am Donnerstagabend bestätigte sich dann ein weiterer und vor allem folgenschwerer Fall: Auf einen Schnelltest, der ein nicht eindeutiges Resultat ergeben habe, wie es hieß, folgte erst ein negativer, dann aber doch ein positiver PCR-Test bei Herthas Linksverteidiger Marvin Plattenhardt. Der von den örtlichen Gesundheitsbehörden ursprünglich abgesegnete Plan der Berliner, als "geschlossene Bubble" für zwei Wochen in einem Hotel in Selbstisolation zu gehen, um weiterspielen zu dürfen - er platzte. Amtsärztin Nicoletta Wischnewski ordnete eine 14-tägige häusliche Quarantäne für alle Kadermitglieder und mannschaftsnahen Mitarbeiter an. So war unvermeidbar, dass am Freitag die Deutsche Fußball-Liga (DFL) die kommenden drei Ligaspiele der Hertha in der bevorstehenden "englischen Woche" absetzte. Die Partien in Mainz (Sonntag), gegen Freiburg (Mittwoch) und auf Schalke (24. April) müssen neu terminiert werden.

"Wir hadern nicht, wir nehmen die Lage an und werden kämpfen", sagen die Hertha-Verantwortlichen

Erste Vorschläge der DFL waren offenkundig nicht nach dem Gusto der Hertha. Und es gibt Termindruck: Die EM steht an, schon am 31. Mai müssen die Nationalspieler abgestellt werden. "Es wird keinen perfekten Spielplan geben. Wir werden unseren eigenen Vorschlag einreichen", sagte Arne Friedrich. Er gab sich ebenso kämpferisch wie Herthas Vereinsboss Carsten Schmidt: "Wir hadern nicht, wir nehmen die Lage an und werden kämpfen", sagten beide.

Dennoch: Beiden ist bewusst, dass die Herausforderung für Hertha größer kaum sein könnte. Als Arne Friedrich am Donnerstag als vorläufiger Ersatztrainer und Dardai-Vertreter zu den Spielern sprach und damit für einen Tag die "kürzeste Trainerlaufbahn der Bundesligageschichte" bestritt, sagte er zum Team, dass sie "ein Denkmal verdienen" würden, falls sie nun den Klassenerhalt schaffen. Als er am Freitag darauf angesprochen wurde, dass sich die Lage objektiv verschlechtert habe, antwortete Friedrich mit einer etwas schiefen Gegenfrage: "Was ist die Steigerung von Denkmal?"

Hertha hatte zuletzt drei Partien in Serie nicht verloren, das war für die Berliner in dieser Seuchensaison schon eine beispiellose Positivserie. Sie sind aktuell Tabellen-15., ihre Hoffnungen auf den Klassenerhalt ruhten auf den letzten sechs Partien, die Hertha-Trainer Dardai "Muss-Spiele" nannte, weil es ausschließlich gegen Teams aus der unteren Tabellenhälfte gehen wird.

Und nun? Muss sich die Hertha auf diese entscheidenden Partien im Home-Office vorbereiten, also: auf Spinning-Rädern oder mit Yoga-Übungen, während die Rivalen auf dem Rasen üben können. Ist da die Integrität des Wettbewerbs gewahrt? "Darüber können wir diskutieren und spekulieren. Fakt bleibt: Es ist, wie es ist", sagte Friedrich. Ob man ausschließen könne, im Falle eines Abstiegs den Rechtsweg zu beschreiten, sei eine Frage, mit der sich die Hertha noch nicht befasst habe, erklärte Schmidt. "Sollte sie sich stellen oder stellen müssen, werden wir damit sachgemäß umgehen", fügte er hinzu.

An anderer Stelle kam ein Wort auf, das als Schreckensszenario fast schon als vergessen galt: Saisonabbruch! Es "verbietet sich zum jetzigen Zeitpunkt, darüber nachzudenken", sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert am Freitag der Bild, "mein Bauchgefühl sagt mir, dass der deutsche Meister am 22. Mai feststehen kann."

Der Abstiegskampf könnte durch die Isolation verzerrt werden

Schmidt klang deutlich reservierter: "Ich mache mir schon Gedanken, dass wir in eine Situation kommen, die wir schwer beherrschen", erklärte der Berliner CEO. Zwar wird die Hertha trotz hochtrabender Träume nichts mit der Kür des Meisters zu tun haben, aber sie ringt in einem Abstiegskampf, von dem man jetzt schon sagen kann, dass er verzerrt sein wird wie keiner seiner Vorgänger in fast 60 Jahren Bundesliga. Denn der Fall Hertha strahlt auch auf andere Teams ab.

Die abstiegsbedrohten Mainzer, der geplante Gegner an diesem Sonntag, spielen am Mittwoch bei Werder Bremen, das nach zuletzt dürftigen Ergebnissen in die gefährlichen Regionen der Tabelle abzurutschen droht. Heißt: Ausgeruhte Mainzer treffen auf mutmaßlich ermattete Bremer, die ihre Sonntagspartie in Dortmund noch in den Kleidern tragen werden. Und was wird es für die zuletzt eher labile Psyche der Berliner bedeuten, wenn die Konkurrenten punkten sollten, während man selbst auf dem Sofa sitzt?

Wie beschwerlich der Weg für die Hertha nun werden könnte, zeigen Beispiele vor allem aus der zweiten Liga, sie lesen sich wie Einladungen zum Defätismus: Dynamo Dresden stand in der vergangenen Saison im Tabellenkeller, als das Team in Quarantäne geschickt wurde - am Ende stieg Dresden ab. Viele bei Dynamo denken an die Schlussphase dieser Vorsaison mit der Überzeugung zurück, dass man keine Chance hatte - allein deshalb, weil die Spieler auf die Terminhatz und die "englischen Wochen" weder physisch noch psychisch vorbereitet waren. Inhaltliches Arbeiten auf dem Rasen? Fehlanzeige! Echte Regeneration? Ebenso. Aktive Erholung und Lindern akuter Schmerzen, nur das war noch möglich - mit dem Resultat, dass Trainer Markus Kauczinski die Spieler rotieren lassen musste wie noch nie. Am Ende habe er "nicht eine gute, sondern zwei schlechte Mannschaften gehabt", sagte Kauczinski dazu in einer bitteren Rückschau.

Beim Zweitligisten Holstein Kiel wird nach zwei Quarantänen inzwischen tiefgestapelt

In dieser Saison haben noch mehr Zweitligisten Isolationserfahrungen gemacht. Derzeit befinden sich der SV Sandhausen, der Karlsruher SC und Holstein Kiel in Quarantäne - der Aufstiegsanwärter aus Schleswig-Holstein sogar zum zweiten Mal innerhalb von nur sechs Wochen. Das bringt den gesamten Spielbetrieb der zweiten Liga ins Wanken, ganz zu schweigen von den Saisonzielen der Vereine: Sandhausen kämpft als Tabellen-17. gegen den Abstieg, wohingegen die Kieler bis vor ein paar Wochen noch in der erfolgreichsten Phase ihrer Klubgeschichte steckten, als Bayern-Bezwinger im DFB-Pokal und aussichtsreicher Erstliga-Aspirant.

Beim Blick auf die Tabelle hat sich daran aufgrund diverser Patzer der Konkurrenz vorläufig nichts Gravierendes verändert. Allerdings müssen die Kieler bis zum Saisonende am 23. Mai neun Spiele bestreiten, als einzigem Zweitliga-Team stehen ihnen aufgrund der Doppel-Quarantäne ausschließlich englische Wochen bevor. Selbst der von der DFL einkalkulierte Ausweichtermin für Nachholspiele am 1. Mai fällt weg, weil die Kieler da das Pokal-Halbfinale bei Borussia Dortmund bestreiten - der Saisonhöhepunkt wird gewissermaßen zur Bürde, das gab es bislang auch noch nie.

"Große Träume" seien für seine Mannschaft kein Thema mehr, sagte Holstein-Trainer Ole Werner. Es gehe für Kiel nun eher darum, "von schweren Verletzungen verschont zu bleiben und am Ende des Tages in den Spiegel schauen zu können und zu sagen: Man hat alles, was möglich war unter diesen Umständen, aus sich rausgeholt."

Und diese Umstände, sie sind vertrackt. Wie jetzt auch bei der Hertha.

Es sei klar, "dass wir in diesen zwei Wochen Fitness verlieren werden", sagte Arne Friedrich am Freitag unverblümt. Wie den Kielern wurden den Berlinern zwar eilig Laufbänder, Hanteln und Fitnessbikes nach Hause geliefert, die Konditionstrainer schneiden Übungen zusammen, und am Freitag sollte eine erste Videokonferenz der Profis stattfinden. Aber wie emsig die Profis in den eigenen vier Wänden auch mitarbeiten mögen, und wie sehr sie sich bei Video-Calls einbringen: Wenig von dem, was sie in den kommenden zwei Wochen machen werden, wird auch nur annähernd etwas mit den Bewegungsabläufen aus dem Fußball zu tun haben.

"Die Muskulatur muss sich an Abstoppbewegungen gewöhnen", war ein Beispiel dafür, das Arne Friedrich nannte. Doch wird die Hertha Zeit für Gewöhnungen haben? Die Quarantäne dauert erst mal bis zum 28. April, dann müssen die Berliner vom Sofa auf den Rasen, zum verschärften Existenzkampf. Letztlich geht es ja auch darum, das hohe Investment der Tennor-Gruppe von Lars Windhorst zu retten, der in knapp zwei Jahren rund 300 Millionen Euro in die Hertha gepumpt hat.

Nicht absehbar ist, unter welchen psychischen Voraussetzungen die Hertha-Spieler zurückkehren. Auch Fußballer sind pandemiemüde, wie es neudeutsch heißt, die Quarantäne dürfte das nicht abmildern. Im Gegenteil. Offen ist auch, was die Isolation für den Zusammenhalt der Mannschaft bedeutet. Bei Teams, die unten stehen, stimmt es intern in den seltensten Fällen, das lehrt die Erfahrung. Just in den vergangenen Tagen hatte Trainer Pal Dardai über Egoismen und Kindereien geklagt, die Bild-Zeitung frohlockte: "Bei Hertha fliegen die Fetzen." Das ist nun erst mal vorbei - aus Mangel an Kontakten.

© SZ/mok
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