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Corona-Fälle:Hertha muss als erster Bundesligist komplett in Quarantäne

Bundesliga: Spieler von Hertha BSC Berlin nach dem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach

Müssen in Quarantäne: Sami Khedira (links) und seine Mitspieler bei Hertha BSC.

(Foto: Soeren Stache/Reuters)

Nach vier positiven Corona-Fällen beantragt der Klub die Absetzung der Bundesligaspiele gegen Mainz, Freiburg und Schalke - unklar ist, wann alles nachgeholt werden soll.

Von Javier Cáceres, Berlin

Der frühere Bundesligaprofi Axel Kruse dreht seit geraumer Zeit eine Dokumentation über seinen ehemaligen Klub Hertha BSC. Und obwohl sie noch nicht abgedreht ist, kann man eines schon sagen: Um dramaturgische Höhepunkte muss sich Kruse keine Sorgen machen.

Okay: Die noch immer auf den Verein abstrahlenden spektakulären Episoden der Vorsaison, der Einstieg von Millioneninvestor Lars "Big-City-Club" Windhorst, Jürgen Klinsmanns Tagebuch und seine Facebook-Demission ("HaHoHe, Euer Jürgen") oder der Klassenerhalt unter Bruno Labbadia - das alles lag vor Kruses Drehbeginn im August 2020. Aber was seither geschah, hatte es auch in sich.

Am Donnerstag sorgte die Hertha dafür, dass der bislang gut geölte Bundesligaspielplan wohl durcheinandergerät. Zunächst waren der erst Ende Januar zum Retter beförderte Trainer Pal Dardai und seine Assistenten Admir Hamzagic und Andreas Neuendorf sowie Stürmer Dodi Lukébakio vom Gesundheitsamt Charlottenburg in eine zweiwöchige Quarantäne geschickt worden. Der Versuch, die nächsten drei Spieltermine zu retten, scheiterte dann jedoch, denn auch alle anderen Spieler mussten in häusliche Quarantäne verschwinden. Am späten Abend erklärte der Klub, "dass Hertha BSC bei der DFL die Absetzung der Spiele beim FSV Mainz 05, gegen den SC Freiburg und beim FC Schalke 04 beantragen musste".

Nachdem zunächst nur Dardai, Hamzagic und Lukébakio coronapositiv getestet waren und zusammen mit Neuendorf als "Kontaktperson 1" in Quarantäne gehen sollten, bot sich die Möglichkeit, den Spielbetrieb per zweiwöchigem Aufenthalt in einem Isolationshotel aufrechtzuerhalten. In Absprache mit dem Gesundheitsamt sollte Herthas kompletter Kader für die Dauer von mindestens 13 Tagen "isoliert" werden und bis zum 28. April ein Hotel in Ku'damm-Nähe beziehen. Später stellte sich aber heraus, dass ein weiterer Herthaner positiv getestet worden war: Marvin Plattenhardt. Das Gesundheitsamt Berlin-Charlottenburg verhängte daraufhin eine 14-tägige Quarantäne - für den gesamten Kader.

Stand Donnerstagabend, war mit der zweiwöchigen Hertha-Quarantäne der Ausfall der kommenden drei Spieltermine nicht mehr zu verhindern. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) betätigte am Freitag die Absage aller drei Partien. Vieles ist aber noch unklar, etwa die Frage, wann die Spiele nachgeholt werden können. Laut DFL soll darüber in der kommenden Woche entschieden werden. Der gerade erst als Sportdirektor vereidigte, von Klinsmann ursprünglich als "Performance-Manager" angeheuerte Arne Friedrich, der am Donnerstag für Dardai als Ersatztrainer die Übungen leitete, kommt nun vielleicht doch nicht bei einem Spiel als Coach zum Zuge. Für Hertha wäre das vermutlich nicht die schlimmste aller Lösungen. Friedrich hat zwar die A-Lizenz, aber null Erfahrung als Chefcoach. Er war mal Assistent bei der U 18 des DFB.

So oder so: Die Mission Klassenerhalt wird nun noch schwieriger werden. Die Herthaner werden aus der Quarantäne auf den Platz zurückkehren müssen - ohne Spielpraxis und mit schlaffen Muskeln. Was wohl Fredi Bobic darüber denkt? Der aktuelle Manager von Eintracht Frankfurt war erst am Mittwoch als neuer Geschäftsführer der Berliner verkündet worden - und hatte seine Freude darüber bekundet, "ab Sommer wieder Teil der Hertha-Familie zu sein". Sein Job dürfte auch darin bestehen, für alle Fälle einen neuen Trainer zu suchen. Dardais Vertrag verlängert sich laut Kicker nur dann automatisch, wenn er am 34. Spieltag auf einen Schnitt von 1,5 Punkten pro Partie zurückblicken kann. Zurzeit steht er bei 0,9 Punkten.

Auch jenseits der Corona-Infektionen hatten es die vergangenen Wochen in sich

Bobics Verpflichtung war seit Wochen im Gespräch gewesen, doch die besonderen aktuellen Umstände verhindern nun wohl trotz der offiziellen Klärung dieser Personalie, dass die Hertha mit einem Minimum an Ruhe in den Endspurt der Saison starten kann. Denn auch jenseits der Corona-Infektionen hatten es die vergangenen Wochen derart in sich, dass sich jeder Doku-Filmer die Hände reiben müsste.

Just vor dem Derby bei Union war Torwart Rune Jarstein von einer Reise mit der norwegischen Nationalelf zurückgekehrt und als erster Spieler der Dardai-Ära positiv auf Corona getestet worden. Jarstein klagte, wie Dardai am Dienstag berichtete, über Fieber und Unwohlsein. Mitten in Jarsteins Genesung platzte nach Ostern dann Herthas Trennung von Torwarttrainer Zsolt Petry, der als Dardai-Vertrauter gilt. Petry hatte mit einem rechtslastigen Kampfblatt des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán gesprochen - und war mit Äußerungen ins Gerede gekommen, die landläufig als rassistisch und homophob interpretiert worden waren. In der FAZ vom Montag setzte sich Petry zur Wehr: Er erklärte in größtenteils plausibler Weise, von der betreffenden Zeitung teilweise falsch, verkürzt und sinnentstellend zitiert worden zu sein; fehlerhafte Übersetzungen hätten ihr Übriges getan.

Auch das Remis vom Samstag (2:2 gegen Mönchengladbach) brachte keine Ruhe. Pal Dardai knöpfte sich den Torschützen Santi Ascacíbar vor, denn der Argentinier hatte bei seiner Auswechslung das Gesicht verzogen; Dardai empfand das als respektlos. Der Trainer erklärte am Dienstag, Ascacíbar gemaßregelt zu haben. Ob das im Stile der Trainer-Legende Alex Ferguson geschah, der einst wegen seiner Schreiattacken als "Föhn" galt, ist nicht überliefert. Am Donnerstag jedenfalls war Ascacíbar noch unter den Spielern, die negativ auf Corona getestet wurden.

© SZ
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