Thomas Doll bei Hannover 96 "Jungs, ihr könnt kicken"

Thomas Doll bei seinem ersten Training als Hannover-Coach.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Hannover 96 stellt den neuen Trainer Thomas Doll vor, der auf André Breitenreiter folgt. Der 52-jährige Doll hat einen Vertrag bis 2020, der auch für die zweite Liga gilt.
  • Doll ist überzeugt davon, dass die Qualität des Teams für die Bundesliga ausreicht - und will den Spielern verloren gegangenes Selbstbewusstsein zurückgeben.
  • Es heißt, Präsident Martin Kind hätte Mirko Slomka als neuen Coach favorisiert. Doch Manager Horst Heldt plädierte für Doll.
Von Jörg Marwedel

Für Kenner der Fußballgeschichte ist Thomas Doll, 52, ein Trainer, der in eine Reihe mit sprachgewaltigen Größen wie Rudi Völler und Giovanni Trapattoni gehört. Auch der gebürtige Mecklenburger hat einst eine schlagzeilenträchtige Wutrede gehalten. 2008 war das, als er Borussia Dortmund betreute und den Reportern Respektlosigkeit gegenüber den Profis vorwarf: "Wenn man was Schlechtes sehen will, sieht man was Schlechtes", empörte er sich. Die Kritiken seien "bla-bla-bla". Am Schluss seiner emotionalen Ausführungen sagte er: "Da lach' ich mir doch den Arsch ab." So leidenschaftlich wünscht sich Hannover 96 seinen neuen Coach. Denn nur mit extremer Leidenschaft sind die Niedersachsen bei elf Punkten aus 19 Spielen noch vor dem zweiten Abstieg binnen drei Jahren zu retten.

Am Sonntagabend unterschrieb Doll einen Vertrag bis 2020, der vorsichtshalber auch für die zweite Liga gilt. Ein paar Stunden zuvor hatte der Klub nach der 1:5-Niederlage in Dortmund seinen Vorgänger André Breitenreiter entlassen. Nun startet Doll am Freitag mit einem Heimspiel gegen das Spitzenteam RB Leipzig.

Eine seiner ersten Aufgaben sei es, meinte Doll bei seiner Vorstellung am Montagmittag, den Spielern das verloren gegangene Selbstbewusstsein zurück zu geben. Deshalb habe er in seiner ersten Rede an die Mannschaft gesagt: "Jungs, ihr könnt kicken." Er sei überzeugt davon, dass die Qualität für die Bundesliga ausreiche. Deshalb sei er auch "ohne Wunschzettel" angereist, auf dem neue Spieler stehen.

Dabei hieß es, Präsident Martin Kind hätte eine hannoversche Lösung bevorzugt, mit dem einstigen 96-Trainer Mirko Slomka. Immerhin hat Slomka Hannover 96 schon mal gerettet, und zwar 2010, als das Team nach dem Suizid von Nationaltorwart Robert Enke der zweiten Liga entgegen zu taumeln schien. Danach führte Slomka 96 sogar zweimal in die Europa League. Doch der Klub dementierte; Kind habe sich bei dieser Frage herausgehalten. Manager Horst Heldt habe - trotz interner Differenzen - sportlich noch immer das Sagen.

Und Heldt plädierte für Doll. Dem neuen Trainer sagt Heldt nach, er habe "überall bewiesen", dass er vorgegebenen Ziele erreichen könne - sei es im Kampf um den Klassenerhalt oder um Titel und die Teilnahme am internationalen Geschäft. Doll könne "mit all seiner Erfahrung einer Mannschaft genau das vermitteln, was sie benötigt, um die Wende zu schaffen". Außerdem sei der neue Trainer "stressresistent". Doll selbst sagt, er wolle "den Jungs wieder einfache Dinge" vorgeben. Dinge, die nicht überfordern.

Elf Jahre hat Doll nicht in der Bundesliga gearbeitet

Manche Experten waren dennoch über Heldts Wahl verwundert. Schließlich hat der frühere Nationalspieler Doll elf Jahre lang nicht in der Bundesliga gearbeitet. Zu Beginn seiner ersten Trainerstation bei seinem Lieblingsverein Hamburger SV war Gerhard Schröder noch Bundeskanzler. Der in Hamburg populäre Doll führte den Klub vom letzten Tabellenplatz auf Rang drei und damit in die Champions League. Am 1. Februar 2007 musste er den HSV nach knapp drei Jahren verlassen - nun wieder als Tabellenletzter. Und als er danach für Borussia Dortmund tätig war, ging es zweimal um den Klassenerhalt. Die Borussia war gerade dabei, sich von der Fast-Insolvenz im Jahr 2005 zu erholen. Erst mit Dolls Nachfolger Jürgen Klopp setzte der BVB wieder zum Höhenflug an.

Da hatte sich Doll längst auf Wanderschaft begeben. Bei Genclerbirligi Ankara in der Türkei blieb er anderthalb Jahre, beim saudischen Klub Al-Hilal ein halbes. Dann begann seine beste Zeit als Trainer. Bis August 2018 arbeitete er fast fünf Jahre für Ferencvaros Budapest, eine Meisterschaft und drei Pokalgewinne feierte er. Entlassen wurde er als Tabellenerster. Offiziell war es ein einvernehmlicher Abschied, ungarische Medien berichteten aber, der wahre Grund für die Trennung sei ein "undurchsichtiges Spielsystem", verfehlte Einkaufspolitik sowie das schwache Abschneiden auf europäischer Bühne gewesen. Ferencvaros war in der ersten Qualifikations-Runde zur Europa League an Maccabi Tel Aviv gescheitert.

In Deutschland hatte Doll lange mit seinem Ruf als "Duz-Dolly" zu kämpfen, weil er angeblich zu lieb und sensibel sei für diesen Job. Ralf Zumdick, der seit der HSV-Zeit Dolls Assistent ist und nun ebenfalls in Hannover einsteigt, widerspricht dieser Einschätzung. Im Magazin 11 Freunde meinte Zumdick: "Er kann gut mit den Spielern, und seine positive Art ist ansteckend. Wer ihn aber darauf reduziert, der verkennt ihn. Thomas ist sehr direkt und kann auch anecken." Zudem sei er "ein Frontmann, dafür ist er gemacht".

Ob Doll bei 96 noch weitere Verstärkung bekommt, ist nicht ausgeschlossen. Präsident Kind denkt darüber nach, obwohl er mit seinem Mit-Gesellschafter Dirk Rossmann schon 17 Millionen Euro in neue Profis investierte. So oder so: Misslingt die "Mission Klassenerhalt", könnte für Doll nach kurzem Comeback die Karriere als Bundesliga-Trainer beendet sein. Da würde auch eine neue Wutrede kaum helfen.

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