Süddeutsche Zeitung

Bundesliga: Hamburger SV:Königliche Gefühle

Ruud van Nistelrooy will sofort zu Real, weil sein Herz an Madrid hängt - doch die Spanier wollen für den Transfer nicht viel zahlen. Der HSV verweigert dem Holländer die Freigabe und hofft auf das Votum eines möglichen neuen Sportdirektors.

Philipp Selldorf

Ruud van Nistelrooy hat am Samstag Überstunden gemacht. Viele seiner Kollegen, die mit ihm an der Partie zwischen Schalke 04 und dem Hamburger SV teilgenommen hatten, waren bereits vorbildlich gesäubert und gefönt aus den Kabinen hervorgetreten, als der Stürmer immer noch in kurzen Hosen, schmutzigen Stutzen und weißen Fußballschuhen vor den Journalisten stand und redete.

Zuerst redete er auf Spanisch mit den spanischen Reportern, dann redete er auf Niederländisch mit den niederländischen Reportern, und schließlich redete er auf Deutsch mit den deutschen Reportern. Das Thema seiner Vorträge war vor allen Angehörigen der Völker Europas dasselbe. Es trug den Titel: Ich will wieder bei Real Madrid spielen!

Zwar hat "Van the Man", wie ihn die Engländer in seiner Zeit bei Manchester United getauft hatten, in keiner Sprache ausdrücklich erklärt, dass er seinen bis Saisonende laufenden Vertrag mit dem HSV am liebsten sofort auflösen möchte, um wieder bei Real Tore zu schießen, wo er vor seinem Hamburger Engagement bereits beschäftigt war. Er hat aber Sätze gesagt, die eben diese Absicht unzweideutig offenbarten.

Real sei "der einzige Verein, der in meinem Kopf etwas ändern kann", hat er gesagt, er hat von seinen "Gefühlen für Real Madrid" gesprochen, und dann hat er noch mitgeteilt: "Bei anderen Vereinen hätte ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht, aber dieser Verein ...". Alles weitere, ließ er wissen, sei Verhandlungssache der übrigen Beteiligten. "Ich bin nicht frei", stellte er fest: "Es ist keine Frage für mich, es ist eine Frage von zwei Vereinen."

Siegtor mit dem Arm

Die beiden Vereine haben ihre Absichten klar artikuliert. Real möchte van Nistelrooy als Ersatz des verletzten argentinischen Stürmers Gonzalo Higuain hinzunehmen, der HSV will van Nistelrooy nicht verlieren. Er hat keinen zweiten wie ihn, und der Stürmer hat das selbst unter Beweis gestellt, als er in Schalke eine solide Angriffseinheit mit den Flügelspielern Elia und Pitroipa bildete und außerdem das Siegtor schoss.

Er hatte sich mit seinem wuchtigen Körper in die Flanke von Guy Demel geworfen und den Ball mit dem Arm ins Tor befördert. Solche krummen Tore gewinnen Spiele, und deshalb ist der HSV nun nicht ohne schlechte Aussichten, die Saison doch noch erfolgreich zu Ende zu führen.

Vehs fehlende Alternativen

Das Ungewöhnliche an dem Transferpoker ist, dass die beiden Parteien nicht miteinander pokern. Zwar hat Real-Trainer Jose Mourinho offenkundig ausführlich mit van Nistelrooy gesprochen (und keineswegs nur mit dessen Berater, wie der Profi behauptete), und er hat auch seine Meinung zur Sache geäußert ("es wäre großartig, wenn er kommen würde"), aber eine direkte Annäherung zwischen den Klubs hat es bisher nicht gegeben.

Auch van Nistelrooys Werbetour hat keinen neuen Stand gebracht. "Es gibt kein Angebot", sagte Sportchef Bastian Reinhardt am Sonntag, während Real-Sportchef Jorge Valdano bekanntgab: "Das mit van Nistelrooy ist sehr schwierig."

Warten auf Sammer

Es geht nämlich in diesem Fall ausnahmsweise nur am Rande ums Geld. Real will, wie aus Spanien berichtet wird, für die Transaktion nichts bezahlen, was sich wohl nur durch das monarchische Selbstverständnis des Vereins erklären lässt, aber selbst wenn sie doch noch ein bis drei Millionen anböten, dürfte das den HSV nicht reizen.

Der Klub ist finanziell nicht in Not. Aber auch der dritte Beteiligte wird nicht von kommerziellen Motiven getrieben: Vielmehr sieht Van Nistelrooy die Chance, in seinem vielleicht letzten Halbjahr als Profi noch einmal um Titel zu spielen, mit Einsatzgarantie sogar in der Champions League.

"Ich habe viel Verständnis und finde es menschlich absolut nachvollziehbar", sagte Armin Veh zu den Plänen seines Mittelstürmers, "aber ich als Trainer kann ihn nicht ziehen lassen." Ohne van Nistelrooy müsste Veh auf den notorisch unberechenbaren Paolo Guerrero zurückgreifen, der obendrein zur Zeit verletzt ist, oder auf Mladen Petric, der zur Zeit - wieder mal - verletzt ist.

Aber was passiert, wenn sich der HSV stur stellt und die Freigabe verweigert? "Ruud ist ein Spieler, der sehr professionell ist und seine Mannschaft sicher nicht im Stich lassen würde", sagte Veh. Aber restlos überzeugt davon scheint er nicht zu sein.

Vielleicht kommt dem Trainer die Politik zur Hilfe. Am Dienstag tritt beim HSV der neue Aufsichtsrat zusammen, dann wird auch über Matthias Sammers mögliches Engagement als Sportdirektor gesprochen. Kenner in Hamburg glauben, dass Sammer den Posten übernehmen wird. Ohne dessen Votum werde van Nistelrooy keine Freigabe bekommen, heißt es.

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SZ vom 17.01.2011/jbe
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