Süddeutsche Zeitung

Bundesliga: FC St. Pauli blamiert den HSV:Eine sehr feine Sache

Der FC St. Pauli besiegt erstmals seit 1977 den Hamburger SV - und ist das beste Rückrundenteam der Liga. Der HSV ärgert sich über vergebene Chancen, während Stanislawskis Mannschaft sich bei einem ehemaligen Nationalspieler bedanken kann.

Bastian Reinhardt, der Sportdirektor des Hamburger SV, schaute mit leeren Augen aus einem blassen Gesicht. "Das ist der bitterste Moment, seit ich beim HSV bin", presste er hervor. Er deutete vage hinter sich und fuhr fort: "Wenn ich sehe, wie die Paulianer hier feiern - in unserem Stadion -, dann könnte ich kotzen."

Was Reinhardt so bewegte, war nur ein Fußballspiel, wenn auch ein besonderes, denn am Mittwochabend hat der FC St. Pauli ein kleines Stück Hamburger Sportgeschichte geschrieben. Der letzte Sieg gegen den Hamburger SV in einem Pflichtspiel war St. Pauli am 20. September 1977 gelungen, damals hieß es 2:0. Am Mittwoch siegte St. Pauli 1:0 (0:0) beim großen Rivalen - und stieg damit zur besten Mannschaft der Bundesliga-Rückrunde auf.

Mit einem ausgelassenen Tanz in des Gegners Stadion feierten die Paulianer den Sieg, rund 6000 der 57.000 Zuschauer brüllten, jubelten und kreischten, denn für einen Fan des FC St. Pauli ist ein Sieg gegen den Hamburger SV eine durchaus feine Sache. Eine sehr feine Sache. Eine so unglaublich feine Sache, dass einige der feinsten Sachen der Welt im Vergleich wirken wie ein Rachenkatarrh, wie Hammerzehen oder eine Steißbeinprellung. "Wir haben ein Stück Geschichte geschrieben", sagte St. Paulis Trainer Holger Stanislawski. Er gab freundlich zu, dass man durchaus mit Glück gewonnen habe, und fügte gut gelaunt an: "Aber das interessiert nach so einem Derby keinen Menschen."

Schock nach einer Stunde

Dass Stanislawski von Glück sprach, lag daran, dass der Hamburger SV gut ins Spiel kam, dann noch besser wurde und schließlich drückend überlegen war. Eine Chance folgte der nächsten, bald hätte der HSV 2:0 führen müssen, auch ein 3:0 oder ein 4:0 wäre angemessen gewesen. Es sah sogar so aus, als käme der HSV endlich in Fahrt in einer bisher so durchwachsenen Saison; die Mannschaft spielte druckvoll, engagiert, technisch auf hohem Niveau. Sie beherrschte den Gegner mit Laune und Lust.

Die Paulianer standen hilflos auf dem Platz und versuchten, den Sturm abzuwettern, der um sie herum tobte. Doch der Sturm ließ nicht nach, in Wellen rollten die Angriffe des HSV auf das Tor von Benedikt Pliquett zu, der überraschend den Vorzug vor Stammtorhüter Thomas Kessler erhalten hatte. Es war also klar, dass Pauli etwas tun musste, wenn es nicht untergehen wollte. Nur was?

Nach einer knappen Stunde machte sich die Mannschaft auf zu einem Konter, an dessen Ende Moritz Volz fast von der Grundlinie aus einfach mal aufs Tor schoss. Warum auch nicht? Torwart Frank Rost faustete den Ball ins Aus. St. Pauli hatte eine Ecke, aber was sollte da großartig geschehen?

Fassungslose Blicke

Es geschah folgendes: Max Kruse trat den Ball in den Strafraum, Fabian Boll verlängerte, und anschließend drückte Gerald Asamoah den Ball per Kopf über die Linie. 59 Minuten waren gespielt, St. Pauli führte plötzlich 1:0, und dieses Ergebnis stellte den Spielverlauf so sehr auf den Kopf, dass die HSV-Profis fassungslos umherblickten: War das eben wirklich geschehen? Das konnte doch mit der Realität nichts zu tun haben.

In den folgenden Minuten zeigte sich, wie sehr dieser Treffer die Gastgeber mitgenommen hatte. Sie wirkten plötzlich fahrig, sie spielten Fehlpässe, sie erlaubten St. Pauli immer mehr Spielanteile. Plötzlich war es ein neues Spiel, was den Paulianern beste Laune bereitete, die Männer des HSV jedoch zur Verzweiflung brachte. Hätten sie bloß eine der großen Chancen genutzt, Ruud van Nistelrooy zum Beispiel, in der 40. und der 55. Minute, oder Joris Mathijsen, ebenfalls in der 55. Minute.

Aber sie hatten sie nicht genutzt, und es ist bekanntlich nicht gerade eine neue Geschichte im Fußball, dass auf viele vergebene Großchancen gern mal der Gegentreffer folgt. Der HSV stand unter Schock, ihm gelang nicht mehr viel, und St. Pauli hätte in der 77. Minute beinahe noch das 2:0 erzielt, doch Frank Rost konnte den Kopfball von Marius Ebbers mit letzter Kraft von der Linie kratzen. Aber ob 1:0 oder 2:0, das spielt im Hamburger Derby überhaupt keine Rolle: Jeder Sieg ist von unendlicher Süße.

Für Fabian Boll, der angeschlagen ins Spiel gegangen war und später ausgewechselt werden musste, war der Sieg nicht nur süß, sondern regelrecht berauschend: "Mir tut plötzlich gar nichts mehr weh", sagte er, "den Glückshormonen sei Dank." Derart wundergeheilt hatte er gleich eine exzellente Empfehlung für die Pauli-Fans parat, die man sich an diesem denkwürdigen Abend als glückliche Menschen vorstellen muss. Die Empfehlung lautete: "Lasst die Sau raus!"

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Quelle:
SZ vom 17.02.2011/jbe
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