In vier Monaten feiert Borussia Mönchengladbach einen besonderen Geburtstag. Vor 125 Jahren haben 13 junge Männer am 1. August 1900 im Wirtshaus Zum Jägerhof im Stadtteil Eicken einen Fußballklub gegründet, dessen mittlerweile Hunderttausende Fans momentan eine Frage umtreibt. Und zwar jene, ob ihr Herzensverein anlässlich des Jubiläums Anfang August wohl als Europapokal-Teilnehmer firmiert – oder sogar als Champions-League-Verein. Diese Frage bleibt nach dem 1:0 (0:0) am Samstag gegen RB Leipzig durch einen Treffer von Alassane Pléa (56.) zwar offen, die Hoffnungen auf das internationale Geschäft werden am Niederrhein aber immer größer. Die Leipziger jedenfalls haben sie schon mal überholt.
„Wir haben jetzt 43 Punkte und können nicht mehr absteigen“, witzelte nach dem Spiel der Sportgeschäftsführer Roland Virkus und wollte mit solchem Understatement wohl auch darauf hinweisen, dass seine Borussia nicht mit konkreten Europapokalträumen in die Saison gegangen war. Flügelstürmer Robin Hack erklärt die komfortable Lage so: „Niemand hat vor der Saison an uns geglaubt. Deshalb gehen wir ohne Druck in die restlichen Spiele.“ Jeder spüre aber, dass jetzt etwas möglich sei. Kollege Rocco Reitz findet: „Wenn man solche Spiel gewinnt, dann darf man auch träumen.“ Gladbach im Europapokal? Das findet Reitz „realistisch“.

Interview mit Dieter Hecking:„Wenn ich auf die Soester Kirmes fahre, dann sage ich auch, dass ich auf die Soester Kirmes fahre“
Als Trainer Dieter Hecking, 60, den VfL Bochum übernahm, war der Verein abgeschlagen wie nie zuvor ein Bundesligist. Im Interview erklärt er, wie er das Team aus der Lethargie befreite – und warum er mittlerweile so viel Privates erzählt.
Vier Auswärtsspiele in Serie hatten die Gladbacher zuletzt gewonnen, aber erst jetzt, im vierten Versuch, ist es ihnen gelungen, einem Erfolg in der Fremde auch einen Heimsieg folgen zu lassen. Dadurch haben sie den Kontakt zu den Champions-League-Plätzen verdichtet. Letztmals international hat die Borussia in der Saison 2020/21 gespielt, damals war man unter dem Trainer Marco Rose sogar bis ins Achtelfinale der Champions League vorgestoßen.
Derselbe Trainer Rose wurde am Sonntag von RB Leipzig freigestellt. Auch seine Assistenten Alexander Zickler, Marco Kurth und Frank Geideck sowie Frank Aehlig, Leiter der Lizenzspielerabteilung, wurden entlassen. „Wir haben sehr lange an die Konstellation mit Marco und seinem Team geglaubt und bis zuletzt alles versucht, gemeinsam die Trendwende zu schaffen“, sagte Sport-Geschäftsführer Marcel Schäfer. Nur zwei Siege hatte Leipzig aus den vergangenen elf Bundesligaspielen geholt und war in der Tabelle sukzessive aus den lukrativen Rängen gerutscht. Für die verbleibenden Spiele werde ein „neuer Impuls“ benötigt, sagte Schäfer. Welcher Trainer diesen liefern soll, ließ der Klub zunächst offen.
Zweieinhalb Jahre lang hatte Gladbach in vier Spielen nacheinander gegen Leipzig kein Tor mehr erzielt. Diesen Bann brach Pléa am Samstag. Trainer Gerardo Seoane bescheinigte seiner Mannschaft eine „disziplinierte Leistung“ und betonte, sie habe „aufopferungsvoll nach hinten gearbeitet“. Mittlerweile 3:20 Stunden hat der 18 Jahre junge Torwart Tiago Pereira Cardoso in drei Einsätzen im Tor gestanden und keinen einzigen Gegentreffer hinnehmen müssen. Der Luxemburger mit portugiesischen Wurzeln bestätigt damit Seoanes Vertrauen. Die Stammtorhüter Moritz Nicolas und Jonas Omlin sind beide verletzt.
Pléa ist in Gladbach der zweitbeste Schütze hinter Kleindienst mit 15 Toren
Das Spiel gegen Leipzig war im Rahmen der Gladbacher Europapokalträume ein besonders wichtiges. Umso bedauerlicher hatten die Borussen es gefunden, dass sie auf den gelb-rot-gesperrten Torjäger und zuletzt umjubelten Nationalspieler Tim Kleindienst verzichten mussten. An seiner Stelle spielte der junge Tscheche Tomas Cvancara, der in der 13. Minute eine derart gute Kopfballchance erhielt, dass sich die Zuschauer im Borussia-Park einig gewesen sein dürften: Die hätte Kleindienst gemacht! Eine Flanke des erstmals seit drei Monaten wieder mitspielenden Flügelstürmers Franck Honorat köpfelte Cvancara allerdings am Tor vorbei. Dadurch erschien der Halbzeitstand von 0:0 gegen nicht allzu gefährliche Leipziger wenig verwunderlich.
Den Job des Siegtrefferschützen musste darum der zentral-offensive Mittelfeldspieler Pléa übernehmen. Der Franzose, 32, hatte beim vorangegangenen 4:2-Sieg in Bremen gleich drei Tore erzielt und markierte nun das goldene Tor. Dabei half ihm allerdings der Leipziger Torwart Maarten Vandevoordt, der einen Schuss des Gladbachers Ko Itakura zwar pariert, aber nach vorn hatte abprallen lassen. Für Pléa war es der zehnte Saisontreffer, er ist in Gladbach der zweitbeste Schütze hinter Kleindienst mit 15.
Seoane legt sich mit Ambitionen nicht allzu weit aus dem Fenster, sagt aber: „Es gibt keine Grenzen, es liegt an uns und daran, wie wir in den letzten sieben Spielen performen.“ Virkus hätte freilich nichts dagegen, sollte die kommende Saison mit mehr internationalen Spielen garniert werden als mit dem Jubiläumsspiel gegen den FC Valencia am 2. August. „Wir gucken von Spiel zu Spiel“, sagte Virkus, „und wenn wir am Ende etwas Großes erreichen können, dann hat hier niemand etwas dagegen.“ Im 125. Vereinsjahr käme Gladbach die Rückkehr in den Europapokal so gelegen wie lange nicht.

