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Bundesliga:Gladbach ist ein Opfer des eigenen Erfolgs

Borussia Mönchengladbach - 1899 Hoffenheim

Auch das 3:3 gegen Hoffenheim hilft Gladbach um Offensivspieler Patrick Herrmann nicht wirklich.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Seit dem Weggang von Lucien Favre 2015 sackt Borussia Mönchengladbach sukzessive ab. Im Sommer muss sich einiges ändern.

Kommentar von Ulrich Hartmann

In der Waldhausener Straße 55 besaß Mönchengladbach einst eine Attraktion. Anfang der Siebziger Jahre standen die Partypeople in der Altstadt Schlange vor dem Lovers Lane, der Disco von Günter Netzer. Es wimmelte von Prominenz, Franz Beckenbauer, Elke Sommer, Udo Jürgens. Menschen reisten nachts eigens aus Düsseldorf und Köln an. Als Netzer 1973 zu Real Madrid gewechselt war, ging in der Disko sukzessive das Licht aus. Fortan hatte die Stadt als überregionalen Anziehungspunkt nur noch ihren Fußballklub.

Die Borussia lieferte dem FC Bayern München ein jahrzehntelanges Duell, bevor sie in den Neunzigern im Mittelmaß und sogar mal in der zweiten Liga verschwand. Mit dem Comeback, das der Klub in den vergangenen Jahren feierte, verband Fußballdeutschland die Hoffnung, dass womöglich den dominanten Münchnern, aber mindestens dessen Verfolgern ein neuer Herausforderer erwachsen könnte. Doch Gladbach wankt und hat zurzeit mehr mit sich selbst zu kämpfen.

Der Ton im Borussia-Park schien bereits mehrmals zu kippen

Die Gladbacher Renaissance begann 2011 mit der Verpflichtung des Trainers Lucien Favre und flaute 2015 mit seinem selbstgewählten Fortgang ab. Unter Favre zog die Borussia zwei Mal in die Europa League und ein Mal in die Champions League ein - unter seinem Nachfolger André Schubert schaffte ein noch stark von Favre geprägtes Team ein zweites Mal den Einzug in die Champions League. Doch nach diesen fünf großen Jahren droht die Borussia wieder im Mittelmaß zu versinken. Im Sommer besteht großer Handlungsbedarf. Die Mannschaft braucht Führungsspieler, sie braucht auf vielen Positionen neue Impulse, mindestens einen neuen Stürmer.

Favres Lieblingssatz lautete: "Wir waren tot." Damit hat er in sportlichen Schwächephasen daran erinnert, dass Gladbach 2011 um ein Haar in die zweite Liga abgestürzt war. Der Manager Max Eberl denkt ähnlich: Alles ist Bonus; alles, was die Borussia in den vergangenen sieben Jahren erlebte, war Schlagsahne, und wenn es jetzt mal nicht so gut läuft, dann darf man sich nicht aufregen. Eberl erinnert gern daran, dass Gladbach auch unter Favre 2013 zwischendurch mal nur Achter geworden ist.

Der Manager regt sich über unzufriedene Fans mehr auf als über eine schwache Saison. Das ist verständlich angesichts der rasanten Entwicklung in den vergangenen sieben Jahren. Der Klub ist auch ein Opfer seines eigenen Erfolgs. Doch der stets besänftigende Sportchef (der am Samstag den Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann nicht unbedingt besänftigte, als er ihn beleidigte - aber das ist eine andere Geschichte) und das momentane Verletzungspech täuschen kaum darüber hinweg, dass die Borussia eine enttäuschende Saison spielt. Der Ton im Borussia-Park schien bereits mehrmals zu kippen, der Trainer Dieter Hecking klang zunehmend kritisch und das Publikum aufmüpfig. Gladbach droht seine schöne Renaissance wieder zu verspielen, das 3:3 gegen Hoffenheim am Samstag mag zwar ein emotionaler Höhepunkt gewesen sein, doch wirklich hilft es auch nicht weiter.

Die Partynächte in der Waldhausener Straße sind lange her. Dass Flügelstürmer Patrick Herrmann nächstes Jahr ein Restaurant in der Kaiser-Friedrich-Halle eröffnet, ist kein Signal für einen neuen Gladbacher Glamourfaktor. Die Hennes-Weisweiler-Allee 1 ist weiterhin keine Adresse zum Fürchten für den FC Bayern - und derzeit auch nicht mehr für Schalke, Dortmund, Leipzig und Leverkusen. Aber wer das verlangt, der trifft bei Borussias Bossen sowieso auf taube Ohren.

© SZ vom 18.03.2018
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