Gladbach und Max Eberl:Herzlichen Nicht-Glückwunsch

Lesezeit: 4 min

Gladbach und Max Eberl: Max Eberls Abschied in Gladbach sorgt immer noch für reichlich Unmut im Vereinsumfeld.

Max Eberls Abschied in Gladbach sorgt immer noch für reichlich Unmut im Vereinsumfeld.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Just vor dem Spiel gegen Leipzig und Ex-Trainer Rose werfen Gladbach-Fans Max Eberl in einem harschen Brief vor, sich unehrlich verabschiedet zu haben - damit er in Kürze zu RB wechseln kann. Die Geschichte einer Entfremdung.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Am 20. Dezember 2020 war der Fußballmanager Max Eberl auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen. Kurz zuvor hatte Borussia Mönchengladbach erstmals den Einzug ins Achtelfinale der Champions League geschafft, der Macher Eberl hatte in Marco Rose einen vertrauten Trainer an seiner Seite - und an jenem Sonntag unterschrieb der Sportdirektor einen blendend dotierten Vertrag bis ins Jahr 2026. Um mal durchschnaufen zu können, aber auch um die Glücksgefühle zu genießen, die ihm die Gladbacher Erfolge in jenem Winter bescherten, nahm Eberl zudem eine ungewöhnliche Auszeit und ließ sich für den Januar 2021 vom Dienst befreien.

Mitten in diese Idylle hinein begann plötzlich und unerwartet ein sukzessiver sportlicher Absturz der Borussia - durch eine Verkettung von Ereignissen, die Auswirkungen bis in die Gegenwart haben. In dieser Woche veröffentlichte nun der Gladbacher Fan-Dachverband einen harschen Offenen Brief, in dem er Max Eberl Heuchelei vorwirft. Dessen Auftritt bei der Pressekonferenz im Januar 2022, mit der sich Eberl aus Gladbach verabschiedete, sei "ein Schauspiel" gewesen, heißt es. Der Brief suggeriert, Eberls Tränen könnten dabei geholfen haben, aus dem Gladbach-Vertrag herauszukommen - um mit etwas Abstand jetzt bald zu RB Leipzig zu wechseln.

Just an diesem Samstag (18.30 Uhr) gastiert Leipzig in Mönchengladbach - ausgerechnet mit Marco Rose als neuem RB-Trainer. Es kann sein, dass die Fans die Öffentlichkeit auch bei diesem Heimspiel wissen lassen, was sie von der erwarteten Wiedervereinigung ihrer einstigen Helden Eberl und Rose beim beargwöhnten Konkurrenten Leipzig halten. Der Kicker mutmaßt, dass Eberl zu Beginn des neuen Jahres seinen Dienst bei RB antritt.

Eberl erhielt viel Lob für seinen Mut, seine Überlastung einzugestehen - heute wird diskutiert, ob seine Tränen echt waren

Diese Geschichte einer Entfremdung begann an einem Rosenmontag. Am 15. Februar 2021 teilte der Trainer Rose mit, dass er Gladbach im folgenden Sommer in Richtung Dortmund verlässt. Eberl beteuerte, man werfe Rose deswegen nicht sofort hinaus. Doch die Gladbacher verloren anschließend sieben Pflichtspiele in Serie, schieden im Champions-League-Achtelfinale und im DFB-Pokal aus und rutschten in der Bundesliga aus allen Europacup-Plätzen. Mit dem in der folgenden Saison für 7,5 Millionen Euro aus Frankfurt losgeeisten Trainer Adi Hütter wollte Eberl einen Neuanfang starten, doch geplante Transfers misslangen. Die Mannschaft kam mit Hütters Pressingfußball schlecht zurecht, sie geriet mit dem kostspieligen Trainer sogar in Abstiegsnot.

Gladbach und Max Eberl: Bei seiner Abschieds-Pressekonferenz im Januar 2022 verdrückte Max Eberl ein paar Tränen. "Wir glauben nicht mehr, dass Du uns gegenüber ehrlich aufgetreten bist", schreibt nun der Gladbacher Fan-Dachverband.

Bei seiner Abschieds-Pressekonferenz im Januar 2022 verdrückte Max Eberl ein paar Tränen. "Wir glauben nicht mehr, dass Du uns gegenüber ehrlich aufgetreten bist", schreibt nun der Gladbacher Fan-Dachverband.

(Foto: Christian Verheyen/dpa)

Für zusätzlichen Unmut bei den Spielern sorgte eine neue assistierende Teammanagerin: Max Eberl hatte gegen den Willen des restlichen Vorstands hier seine Freundin installiert. Auch das Verhältnis zu Abwehrchef Matthias Ginter stand zu diesem Zeitpunkt schon unter keinem guten Stern mehr, weil man Ginter, wie dieser später verriet, im Sommer bedeutet hatte, ihn verkaufen zu wollen. Das hatte ihn enttäuscht.

Probleme drohten auch die auslaufenden Verträge wichtiger Spieler zu bereiten. Solche Verträge mussten verlängert oder die Spieler verkauft werden. Die finanzielle Situation der Gladbacher hatte durch Corona allerdings gelitten, die Umsatzeinbußen summierten sich auf 100 Millionen Euro. Eberl wurde immer mehr bewusst, dass sich die finanzielle, personelle und sportliche Situation der Borussia problematisch entwickelte. Er soll im Präsidium ausgelotet haben, ob es eine Möglichkeit gebe, aus seinem Vertrag herauszukommen. Doch man wollte ihn nicht hergeben.

Ende 2021 kündigte dann seine Freundin als Teammanagerin - und im Januar verdichteten sich Gerüchte, Eberl wolle nach 13 Jahren hinschmeißen. Er meldete sich für mehrere Tage krank. Am 28. Januar dieses Jahres lud Gladbach kurzfristig zu einer Pressekonferenz ein, auf der Eberl mit tränenerstickter Stimme schilderte, dass er nicht mehr arbeiten könne und dringend eine - diesmal längere - Auszeit benötige.

Das öffentliche Mitgefühl war enorm. Eberl erhielt viel Lob für seinen Mut, Überlastung einzugestehen und öffentlich zu machen. Im Klub wurde zwar getuschelt, dass seine hochemotionalen Ansprachen vor der Belegschaft und der Mannschaft am selben Tag auffallend identisch ausgefallen waren, aber es dominierte die Einsicht, dass er nicht nur der Gladbacher Krise müde war, sondern tatsächlich erschöpft. Schließlich hatte er den Manager-Job bei der Borussia 13 Jahre lang allein bewältigt. Im Erfolg lässt sich eine latente Überlastung vielleicht noch aushalten, im Misserfolg und mit schwindenden Perspektiven aber kaum mehr.

Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann Eberl bei RB Leipzig unterschreibt

Eberls Tränen waren gewiss nicht gespielt. Der gebürtige Niederbayer ist nah am Wasser gebaut, auch als die Trainer Lucien Favre (2015) und Rose (2021) ihre Abschiede verkündeten, sprach er mit brüchiger Stimme. Sein erschöpfter Zustand freilich half, den langfristigen Verpflichtungen bei der Borussia zu entkommen. Der Klub gab ihn frei, löste den langfristigen Vertrag aber nicht auf, weil man annahm, Eberl werde früher oder später bei einem anderen Verein ins Geschäft zurückkehren. Für diesen Fall wollte man nicht achselzuckend dastehen, sondern finanziell beteiligt werden.

Gladbach und Max Eberl: Marco Rose ist mittlerweile in Leipzig angekommen, Eberl könnte ihm bald folgen.

Marco Rose ist mittlerweile in Leipzig angekommen, Eberl könnte ihm bald folgen.

(Foto: Angel Martinez/Getty Images)

Jetzt stellt sich wirklich diese Ablöse-Frage, denn es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann Eberl bei RB Leipzig in den Fußball zurückkehrt. Die Gespräche zwischen RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff, Gladbachs Finanzchef Stephan Schippers und Eberls Berater Marc Kosicke sind weit gediehen.

Für Eberl könnte sich die Wiedervereinigung mit dem Trainer Rose so anfühlen, als hätte er die Zeit zurückgedreht. Beide könnten in Leipzig dort weitermachen, wo sie 2021 in Gladbach aufgehört haben - zu verbesserten Konditionen natürlich. RB ist ein Champions-League-Klub mit Champions-League-Spielern und Champions-League-Gehältern.

Die Gladbacher Fans haben ihren Offenen Brief nicht zufällig in dieser Woche veröffentlicht, an deren Ende Leipzig im Borussia-Park gastiert. Sie schreiben an Eberl: "Wie oft hast Du uns intern erzählt, wie wettbewerbsverzerrend dieses Konstrukt (gemeint: RB, Anm.) vorgeht und wie sehr wir alle dagegen zusammenhalten müssen." Sie unterstellen Eberl, schon früher Kontakt zu Leipzig gehabt zu haben. "Wir glauben nicht mehr, dass Du am Ende Deiner Amtszeit bei Borussia uns gegenüber ehrlich aufgetreten bist", schreiben sie, "die Angelegenheit hat ein richtiges Geschmäckle bekommen und wir können Dir für die neue Aufgabe kein Glück wünschen - im Gegenteil!"

Zur SZ-Startseite

Max Eberl und RB Leipzig
:Warten auf den Realitätscheck

Wird Max Eberl Sportdirektor in Leipzig? Die Gespräche sollen fortgeschritten sein, doch Eberls Ex-Klub Gladbach hat noch einiges mitzureden. Auf dem Transfermarkt könnte RB eine Rekordsumme für Verteidiger Josko Gvardiol erhalten.

Lesen Sie mehr zum Thema