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Bundesliga:Die Gefahr lauert weniger im Stadion

The spread of the coronavirus disease (COVID-19) in Germany

Pappfiguren - auf echte Fans im Stadion müssen die Bundesligisten noch warten.

(Foto: REUTERS)

Der virusbedingte Shutdown war nötig, aber jetzt ist es an der Zeit, wieder anzupfeifen. Denn in der Wiederaufnahme der Fußball-Bundesliga liegen zwar Risiken - aber auch Chancen für die Gesellschaft.

Deutschland ist seit zwei Wochen in der Phase der Öffnung. Die erste Euphorie hat sich bereits wieder gelegt, es geht für die meisten jetzt darum, ihren Weg zurück in eine ungewisse Normalität zu suchen. Die Probleme, die Risiken sind bekannt, nun werden Lösungen erhofft. Verharrung hat noch niemanden weitergebracht. Das Land sensibel zu ventilieren, herauszufiltern und zu präzisieren, was schon wieder möglich sein sollte und was im Augenblick noch nicht, das ist die Herausforderung der Stunde. Das muss für alle gelten, für Firmen, für die Schulen, den Kulturbetrieb, für die Restaurants, die ihre Tische gerade wieder auf Lücke stellen, aber auch für die Fußball-Bundesliga.

Die startet an diesem Wochenende mit einem Experiment, einem nahezu hermetisch abgeschotteten Laborversuch mit nur maximal 300 zugelassenen Personen im Stadion. Ist es richtig, jetzt schon Spitzenfußball ohne Publikum zu veranstalten?

Eines darf man der Deutschen Fußball Liga (DFL) und ihrem Chef Christian Seifert zugutehalten: Über ihre Motive hat die Organisation der 36 Erst- und Zweitligisten die Bevölkerung nie im Unklaren gelassen. Es geht der DFL vorrangig nicht darum, einen Meister, Europacup-Teilnehmer oder Absteiger zu ermitteln, es geht darum, den Betrieb in seinem bisherigen Bestand zu erhalten. Mindestens 13 Klubs, hieß es schon zu Beginn der Rettungsmaßnahme, seien akut von Insolvenz bedroht, sollten die ausstehenden neun Spieltage nicht ins Ziel gebracht werden können. Die meisten hatten derart knapp kalkuliert, dass nur die letzte, die noch fehlende Fernsehrate von ligaweit 300 Millionen Euro sie über die Zeit retten kann. Aber geht es anderen Repräsentationsbetrieben der deutschen Wirtschaft nicht ähnlich? Der Lufthansa, dem Reiseveranstalter TUI, den Autokonzernen?

Es kann auch wieder abgepfiffen werden

In einem Land, in dem Millionen Menschen in Kurzarbeit stehen, ist die Rettung jedes einzelnen Arbeitsplatzes wichtig - und die Bundesliga verweist auf circa 50 000, viele Menschen sind festangestellt, so mancher Helfer erhält am Spieltag aber auch nur den Tageslohn. Und es geht darum, das klaffende deutsche Steuerloch nicht ins Unendliche wachsen zu lassen - eine spielfähige Bundesliga trägt normalerweise über direkte (Gehälter, etc.) und indirekte Effekte (Fan-Tourismus, etc.) Milliarden dazu bei. Das alles ist jetzt, da der Wiederanpfiff in einem Reizklima versucht wird, argumentativ zu berücksichtigen. Die Liga wegen diverser Auswüchse rundzuschleifen, wie es in den vergangenen Wochen oft und oft zu Recht geschah, das geht dann während und nach dieser Überbrückungsphase immer noch.

Zudem geht es an diesem Wochenende plötzlich sogar noch um mehr als nur um Fußball. Nämlich um die Chance, die erwarteten Bilder von Demonstrationen und Protesten dadurch zu kontrastieren, dass sich auch anderswo, im Stadion, wieder etwas regt. Wobei akut befürchtet wird - zum Beispiel für das weitere Umfeld des Ruhrgebietsderbys Dortmund gegen Schalke -, dass sich die Bilder vermischen: Dass sich Extreme (linke und rechte Verschwörungstheoretiker; provokante Fans) zusammentun im Kalkül, eine größere Aufmerksamkeit zu generieren.

Die Gefahr beim Fußball lauert jetzt also weniger im Stadion, auch wenn dieses spezielle Virus bekanntlich eine Lücke in fast jeder Abwehr findet. Zur Prävention hat die DFL ein teures, engmaschiges Test- und Quarantänenetz gezogen. Zwar wird jede neue Verletzung eines Profis fortan wohl darauf zurückgeführt, dass im Shutdown zu wenig trainiert werden konnte. Die Spieler aber seien individuell fit, das bestätigt fast jeder Teamarzt. Vielmehr wird eine Ansteckungsgefahr eher in den Wohnzimmern, vor den Fernsehern oder direkt im Stadionumfeld vermutet, wo sich irrlichternde Fangruppen versammeln könnten. Aber hier ist die Lokalpolitik samt den Klubs gefordert, in einer direkten Ansprache von Bürgern wie Fans ein angemessenes Verhalten einzufordern.

Bei "Made in Germany" stehen die Bänder größtenteils still - dem Experiment "Playing in Germany" schaut an diesem Wochenende nicht nur die sportinteressierte Öffentlichkeit des ganzen Planeten zu. Die Bundesliga eröffnet als erste große Liga unter Laborbedingungen ihren Spielbetrieb, der wichtige Erkenntnisse für alle liefern könnte. Der Shutdown war nötig, er wurde diszipliniert eingehalten, jetzt ist es an der Zeit, wieder etwas anzupfeifen. Zur Beruhigung aller, die das Risiko heute größer als die Chancen sehen: Es kann wieder abgepfiffen werden, sollte sich die virologische Erkenntnislage ändern.

© SZ.de/ebc
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