Bundesliga:Bayerns Geister preschen vor

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RB Leipzig - Bayer Leverkusen

Rückkehr der Stille: Die Fußballer von RB Leipzig und Leverkusen mussten bereits am Sonntagabend wieder ein "Geisterspiel" bestreiten.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Nach Sachsen will auch Bayern wieder Fußballspiele vor leeren Tribünen anordnen - andere Bundesländer könnten folgen. Manche Bundesligisten fürchten schon jetzt wirtschaftliche Schäden.

Von Sebastian Fischer und Thomas Hürner

Schon vor rund zwei Wochen hatte die Stimmung etwas von Abschied, bloß ging das neben Debatten ums Impfen von Fußballern und in der Überraschung über das Ergebnis fast ein wenig unter. Als der FC Augsburg an einem Freitagabend den FC Bayern 2:1 besiegte, sahen 26 000 Zuschauer zu. Es galten zwar 2-G-Regel und Maskenpflicht, aber die Atmosphäre im Stadion war trotzdem so festlich, dass Augsburgs Trainer Markus Weinzierl von einem "Feiertag" sprach. "Oh, wie ist das schön", sangen die Fans.

Nun waren es am Dienstag die bayerischen Bundesligaklubs München, Augsburg und Greuther Fürth, die als erste wussten, was sie aufgrund der vierten Welle der Pandemie erwartet. Nach Ende einer telefonischen Bund-Länder-Corona-Konferenz sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU): "Man kann davon ausgehen, dass die Bundesliga ohne Zuschauer weiterspielen soll. Das ist eine richtige Entscheidung." Bundesweite Beschlüsse wurden noch nicht gefasst, könnten aber noch diese Woche folgen. Auch NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) hatte zuvor schon eine drastische Senkung der erlaubten Zuschauerzahlen angekündigt, wovon am Wochenende das Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern betroffen wäre. Auch Volker Bouffier, Wüsts Amtskollege aus Hessen, sagte am Abend: "Wir haben uns entschieden, dass wir in der jetzigen Situation glauben, dass ein volles Stadion nicht verantwortbar ist."

In Bayern wird es bereits konkret: "Wir wollen Folgendes vorschlagen: Bis Jahresende sollte man ohne Zuschauer auf jeden Fall bei den Profi-Ligen auskommen", sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU). "Wir versuchen, das noch mal deutschlandweit umzusetzen, wir würden aber in Bayern da an der Stelle auch einen Alleingang machen."

In München, wo erst zu Monatsbeginn erstmals seit März 2020 wieder 75 000 Menschen im Stadion zugelassen worden waren, galten bereits am vergangenen Wochenende wieder Einschränkungen. Gegen Bielefeld kamen nur 12 000 - und damit deutlich weniger als die erlaubten 25 Prozent des Fassungsvermögens.

In Sachsen, dem Bundesland mit der höchsten Sieben-Tage-Inzidenz, waren da bereits Zuschauer komplett verboten, als erster Erstligist hatte RB Leipzig am Sonntag wieder ein Geisterspiel. Die größte Aufregung und vielstimmige Kritik gab es am Wochenende allerdings, weil 50 000 Zuschauer in Köln das Derby gegen Mönchengladbach sahen. Zwischenzeitlich prüfte das Gesundheitsamt Bußgeld für Zuschauer, die keine Maske trugen.

Wie sich die Probleme zuspitzen könnten, zeigt sich bei Nordklubs

Mit der Nachricht neuerlich drohender Spiele ohne Fans geht es nun auch wieder um mögliche wirtschaftliche Konsequenzen für die Klubs. "Geisterspiele sind für uns wirklich dramatisch", sagte etwa Vorstandschef Thomas Hitzlsperger für den VfB Stuttgart. Natürlich sind die finanziellen Folgen standortabhängig verschieden. Der FC Bayern präsentierte etwa gerade auf seiner Jahreshauptversammlung trotz Pandemie einen Gewinn von 1,9 Millionen Euro. In Augsburg und Fürth blieben die Verluste unter einer Million. Man habe auf "außerordentliche Belastungen mit klugen Konzepten, aber auch mit Einsparungen reagiert", mit einem gesenkten Etat und reduzierter Kadergröße, sagte jüngst Fürths Geschäftsführer Holger Schwiewagner.

Vielerorts war zuletzt von eher vorsichtigen Rechnungen die Rede. "Wir haben konservativ kalkuliert, allerdings mit steigenden Zuschauerzahlen für den weiteren Verlauf der Saison", sagte Ingo Schiller, Geschäftsführer von Hertha BSC, der SZ. "Wir haben vor der Saison eine vorsichtige Kalkulation mit einer 60-prozentigen Auslastung gemacht. Wenn wir das nicht erhöhen können, werden wir wieder Verluste in einer Größenordnung von etwa 30 Millionen Euro einfahren", sagte im Oktober Eintracht Frankfurts Vorstandsmitglied Oliver Frankenbach dem HR.

Wie sich die Probleme zuspitzen können, zeigt beispielhaft der Blick in den Norden, auf die Zweitligisten Hamburger SV und Werder Bremen. Beide Klubs haben große Stadien und treue Anhänger, sie werden daher härter von der Corona-Krise getroffen. Es ist eine verhängnisvolle Kombination: potenziell viel Zulauf auf den Tribünen, in der zweiten Liga aber deutlich weniger TV-Einnahmen.

Im September bekam der HSV zehn Millionen Euro Überbrückungshilfe vom Bund bewilligt, Voraussetzung dafür war ein Umsatzrückgang von mindestens 30 Prozent. Für die Hamburger kam es aber noch deutlich schlimmer: Der Umsatz brach in der Corona-Krise von 120 Millionen auf etwas mehr als 50 Millionen Euro ein. In der aktuellen Saison kalkuliert der Klub nun mit 33 000 Zuschauern pro Spiel statt dem Durchschnittswert von 48 000 Menschen, die vor der Pandemie kamen. Bei den vergangenen beiden Heimspielen wurde jeweils ein Hamburger Minusrekord gebrochen. Bei den beiden letzten Heimpartien in diesem Jahr, gegen Hansa Rostock und Schalke 04, war bisher fest mit einem nahezu ausgelasteten Stadion gerechnet worden.

Etwas anders ist die Sache beim SV Werder: Finanzchef Klaus Filbry sagte zuletzt, die Saison sei auch in einem Geisterspiel-Szenario "komplett durchfinanziert". Ohne eine genaue Kalkulation zu nennen, betonte er, dass man an der Kostenschraube gedreht habe, um etwaige Verluste ausgleichen zu können. Rosig sieht die Bremer Finanzlage dennoch bei Weitem nicht aus: Während der Pandemie wurde ein Rekordminus verbucht, nur über eine Landesbürgschaft und eine Fananleihe wurden notdürftig die größten Löcher gestopft.

Trotzdem hatte sich der SV Werder schon vor den Entschlüssen der Politik freiwillig dazu bereit erklärt, beim letzten Heimspiel des Jahres gegen Erzgebirge Aue auf einige Zuschauer zu verzichten. Statt der potenziell 42 000 Zuschauer dürfen an diesem Freitag nur rund 30 000 ins Weserstadion kommen, ein Rückgang von 25 Prozent. Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald sagte dem Weser-Kurier, es gehe "nicht darum, jeden Cent zu verdienen, sondern wir wollen auch unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden".

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