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Zuschauer beim Fußball:Fans rein, wo Fans rein können

Pre Season Friendly - Union Berlin v Nuremberg

Union Berlin lässt 5000 Zuschauer zum Testspiel gegen Nürnberg zu.

(Foto: HANNIBAL HANSCHKE/REUTERS)

Viele Politiker beklagen einen "Flickenteppich" bei der Zulassung von Zuschauern in der Bundesliga. Doch Fans nur wegen einer fehlenden Einheitslösung draußen zu lassen, wäre noch schwerer zu begründen.

Kommentar von Martin Schneider

Es ist ein bekannter Rhetorik-Trick von Politikern, im Namen einer "Bevölkerung" zu sprechen. Wenn man einen Satz zum Beispiel mit den Worten "Die Bevölkerung verlangt ..." beginnt, dann klingt das staatstragender und bedeutungsschwerer, als wenn man wahrheitsgemäß "Ich verlange ..." sagen würde. Besonders schön konnte man das kürzlich bei den beiden CSU-Politikern Horst Seehofer (Innenminister) und Markus Söder (bayerischer Ministerpräsident) beobachten.

Seehofer sagte: "Die Bevölkerung versteht es nicht, wenn im Nahverkehr viele Menschen auf engem Raum unterwegs sein dürfen, aber ein Fußballspiel mit wenigen Zuschauern und großen Abständen nicht möglich sein soll."

Söder sagte: "Es gibt in der Bevölkerung keine breite Mehrheit für Fußballspiele mit vollen Stadien. Es wäre zum Schulstart auch ein falsches Signal."

Was die "Bevölkerung" genau zu Zuschauern in Stadien denkt, weiß man nicht. Bei einer repräsentativen Umfrage vor drei Wochen teilten sich die Befragten in 45 Prozent dafür und 45 Prozent dagegen auf, zehn Prozent hatten keine Meinung.

Nun hat sich die DFL dafür entschieden, die Entscheidung lokalen Gesundheitsämter zu überlassen. Entgegen dem Beschluss der Bund-Länder-Konferenz soll es also ausdrücklich kein einheitliches Vorgehen geben. Das ist der Grund, warum Söder, übrigens aber auch Gesundheitsminister Jens Spahn und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet diese Entscheidung mal mehr oder weniger heftig kritisieren. Die drei Unionspolitiker argumentieren, für die Akzeptanz in der Bevölkerung sei ein einheitliches Vorgehen besser.

Nur mit der Symbolik zu argumentieren, ist nicht ratsam

Dabei übersehen sie aber, dass man bei einem "einheitlichen Vorgehen" in noch größere Erklärungsschwierigkeiten kommt als bei einem sogenannten Flickenteppich. Die Politik hat vor nicht allzu langer Zeit entschieden, Maßnahmen auf lokale Ebene zu verlagern mit dem nachvollziehbaren Gedanken: Warum soll ein Landkreis in Sachsen ohne Coronafall die gleichen Maßnahmen treffen müssen wie ein Landkreis in Südbayern?

Wenn man an diesem Grundsatz festhalten will, dann ist es nur konsequent, dass in manchen Landkreisen mehr Zuschauer möglich sind als in anderen. Und warum auch nicht, wenn Abstandsregeln eingehalten, Masken getragen, Hygieneregeln befolgt werden und ja sogar eine Nachverfolgung gewährleistet ist? Unter diesen Umständen scheint ein Fußballstadion kein gefährlicherer Ort zu sein als manch öffentlicher Park in Deutschland. Nur mit der Symbolik zu argumentieren, ist auch nicht ratsam. Denn entweder gibt es rationale Argumente gegen eine gewisse Anzahl an Zuschauern im Stadion. Oder es gibt sie nicht. Zu unterstellen, die Menschen würden Corona weniger ernst nehmen, wenn sie 5000 Menschen auf Sitzschalen sehen, während sie gleichzeitig auch hunderte Menschen in der Fußgängerzone sehen, scheint nicht schlüssig.

Die Verstimmung von Spahn, Söder und Laschet ist dennoch verständlich. Die Bund-Länder-Konferenz verliert an Glaubwürdigkeit, wenn auf der Pressekonferenz das eine verkündet wird (einheitliches Fan-Konzept bis Ende Oktober) und einzelne Länder kurz drauf komplett anders entscheiden (Zuschauer in Leipzig jetzt). Aber das ist ein Problem der Politik, nicht unbedingt des Fußballs.

© SZ/ska
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