Süddeutsche Zeitung

Werder Bremen:Ein Wind der Veränderung weht durchs Weserstadion

Dank des 2:1-Siegs gegen Köln kann Bremen etwas aufatmen - auch weil Trainer Werner nach langem Zögern seinen Sommerzugängen vertraut. Bald könnte auch der Königstransfer verstärkt eingreifen.

Von Thomas Hürner, Bremen

Ole Werner ging das Risiko ein, dass diese Einwechslung etwas viel für die Bremer Fanherzen sein könnte. Der Trainer des SV Werder hatte Naby Keita auf der Bank belassen, 90 Minuten lang, aber in der Nachspielzeit sah er den Augenblick gekommen: Keita betrat den Rasen, was lauten Applaus von den Rängen evozierte, der sich wenig später in Ovationen im Stehen steigerte, als dem Mittelfeldmann ein frecher Hackentrick gelang. Herrlich, so könnte das mal aussehen, dachten sich offenkundig die Zuschauer im Weserstadion. Und sie wissen ja: Keita konnte im Sommer nur deshalb aus Liverpool an die Weser transferiert werden, weil ihn dauernd irgendwelche Wehwehchen plagen, die ihn vom Spielen abhalten. So war das auch in der aktuellen Saison gewesen. Man muss seine Einsätze deshalb feiern, wie sie fallen.

Die Bremer Fanherzen nahmen am Samstag auf solche Feinheiten verständlicherweise keine Rücksicht, weil sie schon zu sehr mit Pochen ausgelastet waren. Und sie wären womöglich aus den Brustkörben gesprungen, wenn Keita nach einer feinen Einzelaktion das 3:1 und nicht in die Arme des Torwarts geschossen hätte. So blieb der Treffer des Debütanten aus, die funkelnde Pointe wurde aufgeschoben, aber die Bremer konnten damit bestens leben: Dieser vermeintlich schmucklose 2:1-Sieg nach Treffern der Stürmer Rafael Borré und Justin Njinmah gegen den 1. FC Köln war auch so bedeutungsschwer genug.

Das Weserstadion hat schon Flutlichtabende erlebt, an denen ein Fußball gespielt wurde, der hochklassiger und mit mindestens genauso viel Druck aufgeladen war. Die zur besten Sendezeit angesetzte Partie brachte dennoch genau das, was der Verein und seine Anhänger brauchten: Ein Hauch von Veränderung wehte über den Osterdeich - und weil dieses Gefühl zudem mit einem Erfolgserlebnis kombiniert wurde, war nicht nur den Bremer Fans, sondern auch den Spielern die Erleichterung anzumerken. Ihnen fiel nicht nur Naby Keita zu, sondern ein gewaltiger Stein vom Herzen. "Ich habe einen Schrei losgelassen", berichtete der Verteidiger Niklas Stark vom Moment des Schlusspfiffs. "Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft", ergänzte Stürmer Marvin Ducksch. Und Trainer Werner offenbarte zwar wie immer die demonstrative Geduld eines Oberkellners, dessen Gäste viel zu lang in der Speisekarte blättern. Die Wichtigkeit des Siegs wollte er aber nicht leugnen: "Punkte helfen in jeder Situation und so auch jetzt bei uns."

Die Aufstellung von Werder-Trainer Ole Werner erweist sich nicht nur außenpolitisch als sinnvoll

Die Sehnsucht nach einem Positiverlebnis war in der Tat groß in Bremen, weil Zählbares zuletzt nur in sehr geringen Dosen verabreicht wurde: Vor der Partie gegen Köln hatten die Bremer nur drei von zwölf möglichen Zählern eingefahren, dazu das blamable Aus im DFB-Pokal gegen den Drittligisten Viktoria Köln und eine Rückrunde der Vorsaison, in der nur der desolate Absteiger Hertha BSC schlechter abschnitt. Der nicht nur in Norddeutschland beliebte Werner musste erstmals so etwas wie Kritik einstecken. Vor allem sein konservativer Umgang mit Zugängen wurde ihm angelastet, obwohl der Coach seine Entscheidungen im Einzelfall stets schlüssig begründen konnte.

Viele Einzelfälle türmen sich allerdings zu einer Serientat auf, für die sich Werner hätte schuldig bekennen müssen, wenn es weiterhin nicht gelaufen wäre. Und so erwies sich seine Aufstellung nicht nur aus außenpolitischen Gründen als gute Wahl: Für den defensiv orientierten Linksverteidiger Anthony Jung spielte der spritzige Olivier Deman, der im Sommerschlussverkauf aus Belgien kam. Für den Abräumer Christian Groß durfte Senne Lynen ran, auch er ein Belgier, der zu Saisonbeginn sogar schon in der Startelf stand - und der daraufhin von Werner wieder hinausbefördert wurde, obwohl er seine Sache wirklich ordentlich gemacht hatte. Seinen Antrittsbesuch in der Anfangsformation durfte außerdem Stürmer Borré absolvieren, dem die kolossale Aufgabe obliegt, jene Lücke zu füllen, die Niclas "Lücke" Füllkrug seit seinem Wechsel nach Dortmund hinterlassen hat.

Zugang Borré kann die Statik im Bremer Spiel verändern

Und was soll man sagen? Die Einzelfälle erwiesen sich als Impulsgeber, die das Kollektiv merklich vorwärts brachten, was in diesem Fall unbedingt wörtlich zu verstehen ist: Werders zuletzt etwas angestaubtes Kombinationsspiel erhielt mehr Tempo und Optionen, weil Deman einen interessanten Gegenpol zum umtriebigen Mitchell Weiser auf der anderen Seite bildete. Die Qualität der Pässe wurde gesteigert, weil Lynen schlicht mehr mit dem Ball anfangen kann als Groß, dessen Personalie zuletzt ein kleines Politikum an der Weser geworden war. Alle mögen ihn, seine Geschichte ist ja auch toll: Als Spätstarter hat er es über Osnabrück und Werders zweite Mannschaft zur Stammkraft im Profiteam gebracht, er ist der Underdog, mit dem sich die Bremer identifizieren können. Zuletzt stand er allerdings exemplarisch für die Stagnation im Klub. Groß wirkt mitunter hölzern - und er neigt zu jenen Sicherheitspässen, die zwei, drei Spielzüge später zum Problem werden können, weil sie Räume schließen anstatt sie zu öffnen.

Durch diese Veränderungen im Mittelbau erklärt sich, warum die Bremer gegen Köln mehr Kontrolle hatten als in den konfusen Vorwochen. Und auch die Zuspitzung im Angriff funktioniert: Borré erwies sich als der wuselige Unruhestifter, der er während seiner einjährigen Leihe aus Frankfurt sein soll, den zwischenzeitlichen Ausgleichstreffer in der 38. Minute erzielte er nach einem Steckpass von Sturmkollege Marvin Ducksch. Ein "guter Junge" habe sich da den Bremern angeschlossen, lobte Ducksch, ein "sympathischer Mensch, der immer am Lächeln ist". Und einer, der die Statik des Bremer Spiels verändern kann, weil er eine Art Gegenmodell zum wuchtigen Füllkrug darstellt. Selbiges gilt auch für den für Borré eingewechselten Justin Njinmah, ein pfeilschnelles Eigengewächs, das zuletzt nach Dortmund verliehen war. Auch Njinmah sauste vor seinem Siegtor einem schönen Zuspiel hinterher, das diesmal von Lynen kam und von Groß mit großer Wahrscheinlichkeit nicht so präzise in den Lauf gespielt worden wäre.

"Alle haben ihre Aufgabe erfüllt", sagte Werner wahrheitsgemäß über die Neuen. Weshalb sich die Frage stellt: Wie heftig pochen die Bremer Fanherzen erst, wenn Königstransfer Naby Keita mehr als eine fünfminütige Nachspielzeit in den Beinen hat?

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