Bundesliga:Das Comeback der Klatsche

Anzeigetafel im Borussia Park beim DFB-Pokal

Heieiei, Nullfünf: Auch Gladbach hat zuletzt eine so genannte Klatsche erlebt.

(Foto: imago/Horstmüller)

0:5, 2:6, 1:7 - die Schande hat Konjunktur im deutschen Spitzenfußball. Ein staunenswerter Sachverhalt, der als Zeichen des Fortschritts zu verstehen ist.

Kommentar von Philipp Selldorf

Es war eine Beleidigung für den Stand der Landwirte, als der Kommentator der ARD die Freistoßvariante, die Bayer Leverkusen am Mittwoch zum 2:0 bei Borussia Mönchengladbach verhalf, als "Bauerntrick" bezeichnete. Der Bauernverband sollte sich öffentlich verwahren gegen diesen Begriff, der seine Mitglieder zu designierten Tölpeln degradiert. Wie eine Ansammlung von Tölpeln hat sie ja ausgesehen, die Deckung der Borussen, als Julian Brandt den Freistoß zum Flachpass auf Lars Bender mitten in den Strafraum nutzte. Für die Gladbacher bedeutete der Treffer die entscheidende Etappe auf dem Weg in ein schlimmes Ende, zum Schluss hatten sie 0:5 verloren, der Abend geriet zur Demütigung. Aber war es auch eine Schande?

Das Wort Schande definiert der Duden als einen "in höchstem Maße beklagenswerten, empörenden, skandalösen Vorgang", etwas, das "jemandes Ansehen in hohem Maße schadet". Vermutlich wird jeder Borusse in beiderlei Beziehung beipflichten, wenn er dieses 0:5 besieht, doch muss auch festgestellt werden, dass die Schande derzeit Konjunktur hat im deutschen Spitzenfußball.

Es trifft nicht immer dieselben Prügelknaben

Sie ist keine Spezialität mehr, vielmehr hat sich die sogenannte Klatsche (kein Begriff aus dem Duden, sondern aus dem Fußball-Wörterbuch) im Laufe der kaum drei Monate währenden Saison vom Einzelfall zu einer Art Serienphänomen entwickelt. Außer dem Gladbacher 0:5 im Pokal gab es in der Liga die 0:7- und 0:6-Niederlagen des 1. FC Nürnberg in Dortmund und Leipzig, das 1:7 von Fortuna Düsseldorf in Frankfurt, Werder Bremens 2:6 gegen Leverkusen und das doppelte 0:4 des VfB Stuttgart gegen Dortmund und Hoffenheim.

Auffallend daran, dass es nicht immer dieselben Prügelknaben trifft, und dass es nicht die Mannschaft des FC Bayern ist, die gewohnheitsmäßig Klatschen verabreicht. Seit 2010 waren die Bayern, häufig unter Zuhilfenahme des Hamburger Sport-Vereins, an sieben der zehn höchsten Siege in der Liga beteiligt - selbstredend, wie man meinen möchte, als Gewinner. In der aktuellen Spielzeit waren sie hingegen selbst das Opfer einer brachialen Niederlage. Wenn die Bayern zu Hause 0:3 gegen Mönchengladbach verlieren, dann muss das als Debakel & Desaster erster Güte gelten, für München ist ein 0:3 wie ein 0:6 für die anderen.

Noch liegen keine Trendstudien vor zu diesem staunenswerten Sachverhalt. Fest steht nur, dass es nicht angebracht ist, wie üblich auf den HSV zu zeigen. Der HSV hat ein Alibi, er verliert nicht mehr 0:8 in der Allianz-Arena, sondern in der zweiten Liga 0:5 gegen Regensburg. Auf der Spurensuche muss man sich vorerst mit naheliegenden Anhaltspunkten behelfen: Dortmund, Leverkusen, Frankfurt und Gladbach verfügen neuerdings über starke Angriffskapazitäten, Nürnberg und Düsseldorf sind Aufsteiger der instabilen Art, der VfB steckt in der Sinnkrise, die Bayern irgendwie auch. Aber vielleicht hat auch die Liga die Einsicht gewonnen, dass der im Vorjahr nahezu überall praktizierte Krieg gegen den Ball alias "das Spiel gegen den Ball" als eindimensionales strategisches Stilmittel geeignet war, das Publikum aus den Stadien zu vertreiben. Dann wären die Klatschen nicht mehr als Schande zu verstehen. Sondern als Zeichen des Fortschritts.

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