Maximilian Beier, dem im Spiel nicht allzu viel gelungen war, aber immerhin ein feines Abstaubertor zum zwischenzeitlichen 2:0 seiner Dortmunder, rutschte nach dem Schlusspfiff eine klitzekleine Anmerkung offenbar heraus. Die Stimmung sei „gerade am Boden“. Anscheinend war das ein unabsichtlicher Stich ins Wespennest. Denn das Dementi in Sachen Stimmung, das Trainer Niko Kovac als Antwort formulierte, fiel auffallend überdimensioniert aus und sagte mehr als Beiers harmlose Augenblicksbeschreibung am Spielfeldrand.
Beiers Gefühlspegel nach dem späten Ausgleichstor des VfB Stuttgart bei Borussia Dortmund dürfte bei allen Borussen ähnliche Empfindungen erzeugt haben wie beim Nationalspieler selbst, der nur treuherzig wiedergegeben hatte, wie sich der Moment anfühlte. Dortmund hatte immerhin zur Pause noch 2:0 geführt, war dann von Stuttgart eingeholt worden, und hatte in der 89. Minute nach einem fulminanten Sturmlauf des spät eingewechselten Karim Adeyemi noch das vermeintlich Sieg bringende 3:2 gemacht. Und dann, zwei, drei Minuten später: Deniz Undavs finaler Gegenschlag, es war sein dritter Treffer in dieser aufreibenden Partie. Wer wäre da nicht mit der Stimmung am Boden?

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Trainer Kovac aber überinterpretierte Beiers Aussage zur „Stimmung“. Nach dem Sieg in Heidenheim habe Beier noch gesagt: Wir wollen Meister werden. Erkennbar gequält schmunzelnd sprach Kovac weiter: „Und jetzt sind wir am Boden. Man muss nicht alles glauben, was der Junge sagt. Da hatte er wohl zu viel Laktat im Körper.“ Das wirkte so, als müsse die Feuerwehr mit Löschzug anrücken, weil jemand ein Streichholz angezündet hatte.
Gut möglich, dass Kovac nach dem enttäuschenden 3:3 Brandherde bekämpfen wollte, die in Beiers harmloser Bemerkung gar nicht geschwelt hatten. Kann sein, dass Kovac mehr über die tatsächliche Stimmung im Kader weiß, und deshalb so ungestüm dementieren wollte. Am Laktatpegel kann es beim Trainer nicht gelegen haben, bei aller Bewegungsfreiheit in der Coaching-Zone.
Bis dahin hatte Sportdirektor Sebastian Kehl die Partie schon ziemlich schlüssig zu Ende erklärt: Es sei, objektiv betrachtet, ein Spiel mit Torchancen auf beiden Seiten gewesen, „ein wildes Hin und Her, mit zwei Mannschaften, die am Ende noch einmal alles versucht“ hätten. 2:0 zu führen, und dann noch einmal kurz vor Schluss das 3:2 zu machen – da müsse man „das Spiel nach Hause bringen“. Tatsächlich hatte auch Stuttgarts Torjäger Undav trocken zu seinem Last-Minute-Ausgleich bemerkt: „Die Dortmunder waren schon am Feiern.“ Oder sie waren noch dabei.
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Die drei Gegentore gegen die spielerisch starken Stuttgarter, denen es aber – bis auf Undavs drei Tormomente – an Durchschlagskraft fehlte, machten auf unangenehme Art ein Problem deutlich: dass es mit der zuletzt viel beschworenen neuen Abwehrstabilität unter Kovac vielleicht doch nicht so weit her ist. Dortmund hat in der laufenden Saison schon mehrmals in den letzten Minuten Punkte verspielt, in einer Art, die einer Spitzenmannschaft selten passiert. Zuletzt beim 1:1 beim Hamburger SV, vorher schon in St. Pauli (nach 3:1-Vorsprung); auch das Champions-League-Spiel bei Juventus Turin kippte in den Schlussminuten nach zwei Gegentreffern, Endstand 4:4. Kritische Stimmen aus der Mannschaft, vor allem in Bezug auf mangelnde Offensiv-Finesse, sind noch sehr leise. So war wohl auch zu interpretieren, warum Kovac verbal auf Beiers Nebensatz überreagierte.
Stuttgarts Angelo Stiller, der seine Gegenparts Felix Nmecha und Jobe Bellingham beim BVB klar überragte, fand nachher: „Wir waren bis zum 0:1 besser, dann kam der Elfmeter, und der änderte das Spiel.“ Stiller wollte damit wohl nicht zu Unrecht sagen: Eigentlich hätten wir in Dortmund sogar gewinnen müssen. Insgesamt wirkte Stuttgart tatsächlich selbstbewusster, reifer, mit dem klareren, weitgespannten Offensivkonzept und Spielern mit großer Ballsicherheit, auch unter Pressingdruck. Ohne Undav allerdings wäre Stuttgart wohl nie ein Tor gelungen. „In der zweiten Halbzeit“, jubelte VfB-Trainer Sebastian Hoeneß, „war das von Deniz wirklich Weltklasse, gegen Schlotterbeck, Anton, Can in der Dortmunder Verteidigung.“
Stuttgart, gegen die Dortmund zuletzt im Oktober 2022 gewann, funktioniert jedenfalls nach einem mäßigen Saisonstart bestens. Und mit der Unfähigkeit, den VfB als einen der Konkurrenten um die drei Champions-League-Ränge hinter dem FC Bayern zu besiegen, sind beim BVB auch die Selbstzweifel zurück. Der Ergebnisfußball unter Kovac und seine 1:0-Siege haben den Zuschauern wenig Spaß gemacht, aber Punkte sind nun mal Punkte. Trotzdem reicht vielen in Dortmund die Offensivleistung nicht aus für eine Mannschaft, die zumindest die Nummer zwei im Lande sein will. Am Samstag gegen den VfB etwa kam Karim Adeyemi, zuletzt ob seines merkwürdigen Strafbefehls wegen unerlaubten Waffenbesitzes im Gespräch, nur von der Bank. Der Nationalspieler hatte per Post einen Taser und einen Schlagring bestellt, angeblich unwissend, und war zu 450 000 Euro Strafe verdonnert worden.
Als Adeyemi in der 77. Minute eingewechselt wurde, entstand allein durch seine Dynamik mit einem Mal Angriffsdruck beim BVB, gekrönt durch seinen Treffer zum 3:2. Nicht nur die Zuschauer wunderten sich, warum Adeyemi so lange nicht auf dem Spielfeld gestanden hatte. Ohne den glücklichen Elfmeter zum 1:0 durch Emre Can hätte man wohl lange auf einen Treffer des BVB aus dem Spiel heraus warten müssen. Die Stimmung aber ist gut, wie Trainer Kovac versichert. Am Dienstag geht es in der Champions League gegen Villarreal weiter. Man wolle da auch wieder gewinnen, versicherte Kovac. Was auch sonst.

