Fußball:Einnahmeverluste von etwa drei Millionen Euro pro Heimspiel ohne Zuschauer

Dortmund erzielt im normalen Bundesligabetrieb nur etwa zehn Prozent seiner Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten. Bei anderen Klubs liegt der Anteil zwar oft höher, aber selten über 20 Prozent der Erlöse. Derzeit kalkuliert Borussia Dortmund, mit seinem besonders großen Stadion mit mehr als 81 000 Plätzen, mit Einnahmeverlusten von etwa drei Millionen Euro pro Heimspiel ohne Zuschauer. Der BVB hat noch fünf Heimspiele, inklusive des Revierderbys gegen Schalke 04, das eigentlich an diesem Samstag um 15.30 Uhr angepfiffen werden sollte. Aber selbst wenn alle diese Spiele ohne Publikum gespielt würden, könnte Dortmund den drohenden Gesamtverlust von 15 Millionen Euro an Ticketeinnahmen verschmerzen. Robin Steden, Dortmunds Mann für die Kommunikation mit der Börse, an der die Aktie des BVB gehandelt wird, hat dies bereits unter der Woche den Aktionären bekannt gegeben.

"Natürlich müssen wir unseren Dauerkartenkunden dann ihr Geld anteilig zurückerstatten", sagt Watzke, "bei fünf Spielen wären das also fünf Siebzehntel des bezahlten Preises." Andere Klubs, mit kleineren Stadien, verlieren pro Heimspiel nur 1,5 bis zwei Millionen Euro an Eintrittsgeldern. Auch diese Verluste wären zwar schmerzhaft, aber vergleichsweise verkraftbar. Nichts reißt solche Löcher wie der komplette Ausfall von Spielen, weil dann das Fernsehen seine bestellte Leistung nicht bekommt und nicht zahlen muss. "Sechs oder acht Wochen praktisch ohne Einnahmen, das brächte jede Liquidität unter Druck", schätzt Watzke. Er hat sogar für Borussia Dortmund vor einigen Wochen "vorsorglich" eine Kontokorrent-Kreditlinie besorgt. Beim BVB ist das kein Problem, weil das Unternehmen schuldenfrei ist und die Risiken für Banken sich in Grenzen halten. Aber für Vereine, deren Kreditlinien ohnehin am Anschlag sind und denen die Banken keine Überbrückungskredite geben, weil die Risiken zu hoch erscheinen, ist das existenzbedrohlich. Spielergehälter müssen ja weiter bezahlt werden, egal ob Einnahmen fließen. "Wer seine Gehaltszahlungen einstellt, muss damit rechnen, dass seine Spieler ablösefrei wechseln dürfen", sagt Watzke.

Die brutale Erkenntnis der Corona-Zeiten ist also nicht, dass es ohne Fans nicht geht, sondern dass es ohne die Fernsehgelder nicht geht, und im zweiten Zug auch ohne Sponsorenmillionen nicht. Geisterspiele, lässt Watzke durchblicken, wolle zwar niemand, aber sie könnten unter dem finanziellen Druck unvermeidbar werden.

"In Sponsorenverträgen steht mitunter natürlich, dass du 34 Bundesliga-Spieltage als Leistung abzuliefern hast"

Offenbar liegen einigen Vereinen Informationen aus dem Gesundheitsministerium vor, man rechne dort für die laufende Saison gar nicht mehr damit, dass noch einmal Spiele normal mit Zuschauern im Stadion würden stattfinden können. Weitere Geisterspiele ohne Zuschauer dagegen wären technisch machbar.

Das Horrorszenario für die Bundesliga scheint deshalb gerade zu sein, dass man jetzt Spieltage komplett verschiebt und sich im Sommer herausstellt, dass man die Saison nicht mehr vollständig zu Ende gespielt bekommt. "In Sponsorenverträgen", so Watzke, "steht mitunter natürlich, dass du 34 Bundesligaspieltage als Leistung abzuliefern hast. Dasselbe gilt selbstverständlich für die Fernsehverträge. Wenn du also bis 30. Juni, einen Monat nach unserem geplanten Saisonende, nicht alle Spieltage abgeliefert hast: Was dann?"

Man könne wohl kaum darauf rechnen, dass Fernsehsender und Sponsoren dann allzu großherzig trotzdem zahlen würden. Die Dimensionen sind dabei schwindelerregend. In Deutschland geben die meisten Bundesligaklubs mindestens zehn Millionen Euro im Monat für ihren laufenden Betrieb aus, Klubs wie Bayern oder Dortmund, mit Umsätzen von 500 oder gar 600 Millionen, entsprechend das Vier- oder Fünffache.

Angesichts der Meldungen aus anderen europäischen Ligen ist allerdings auch damit zu rechnen, dass selbst "Geisterspiele" auf unabsehbare Zeit nicht mehr möglich sein könnten: sobald es auch in Deutschland positiv auf den Virus getestete Spieler, Trainer und Betreuer gäbe. England, Italien, Spanien und Frankreich hatten ihre Spieltage bereits abgesagt, am Freitagnachmittag folgte die Komplettabsage der deutschen Bundesliga, beginnend mit diesem Wochenende. Offenbar sind andere Länder und Ligen optimistischer, was die schnelle Rückkehr zu einer Normalität angeht. Das kann auch an einer eher realistischen Einschätzung des deutschen Gesundheitsministers Jens Spahn und seinen wissenschaftlichen Beratern liegen.

Deswegen spielt die Bundesliga derzeit auf Zeit, und dazu gehört es offenbar, mit dem Mittel von Geisterspielen ohne Zuschauer zumindest bis zur Ziellinie der Saison zu kommen. Hoffnung auf Hilfe vom Staat hat Watzke nicht. "So etwas wie Kurzarbeitergeld wird es bei uns in der Bundesliga eher nicht geben," sagt Watzke. Während sein CDU-Parteifreund, Wirtschaftsminister Peter Altmaier, anderen Branchen bereits üppige Hilfen zusagt, glaubt der Profifußball nicht an solche Auffanghilfen: den vielzitierten Millionären vom Profifußball Existenzbeihilfen oder Bürgschaften zu geben. Das werde sich wohl kaum ein Politiker trauen, das könnte in der augenblicklichen Corona-Situation politischer Selbstmord sein.

Kann sein, dass sich alle ein bisschen dran gewöhnen, in solchen Zeiten zu Hause am Fernseher wenigstens noch ein bisschen Fußball gucken zu können. Trotz Geisterkulisse, und ohne Fangesänge.

© SZ vom 14.03.2020
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