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Thiagos Verletzung:Der FC Bayern steht plötzlich ohne Gangschaltung da

Einer der kreativsten und besten Bayern-Profis in den vergangenen Wochen: Thiago Alcántara.

(Foto: AFP)
  • Thiago war in den vergangenen Wochen einer der besten, wenn nicht sogar der beste Spieler des FC Bayern.
  • Er ist nicht der erste wichtige Profi, der dem Trainer Niko Kovac fehlt. Wer spielt nun in der Zentrale?
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Von Benedikt Warmbrunn

Beim FC Bayern haben sie sich immer viel darauf eingebildet, dass jeder seine ganz eigenen und gerne auch exklusiven Ansichten vertreten darf, für sie war das Ausdruck eines gelebten Binnenpluralismus. Da war zum Beispiel Klubpräsident Uli Hoeneß gegen einen Marketingtrip nach China, und Klubvorstand Karl-Heinz Rummenigge war dafür. Oder Hoeneß wollte weiter Jupp Heynckes als Trainer, obwohl Rummenigge und Sportdirektor Hasan Salihamidzic längst wussten, dass dieser nicht Trainer bleiben will.

Andere Meinungen müssen sie auch aushalten, so haben sie das lange beim FC Bayern gesehen, eigentlich immer, bis zu jener denkwürdigen Pressekonferenz vor zwei Wochen, auf der nur die eigene Ansicht als wahr verkündet wurde, was dann wiederum der Rest der Fußballrepublik als ziemlich exklusiv einstufte. Eine klubinterne "Einheit, die es lange nicht gegeben hat", versprach Hoeneß, und in diesem Zusammenhang müssen wohl die beiden Ansichten gesehen werden, die Klubvertreter am Dienstagabend aussprachen.

"Es sieht nicht gut aus", sagte Trainer Niko Kovac. "Es sieht nicht gut aus", sagte auffällig wortgleich Salihamidzic. Das musste sie sein, die beschworene Einheit.

Es war allerdings auch so, dass es tatsächlich ganz und gar nicht gut aussah.

Das mühsame 2:1 in der zweiten Pokalrunde beim Viertligisten Rödinghausen haben die Verantwortlichen des FC Bayern relativ schnell abgehakt, mühsame Siege gab es in der Klubgeschichte fast noch mehr als interne Meinungsverschiedenheiten. Nicht abhaken konnten sie dagegen diese Sache mit Thiago Alcántara.

Der Mittelfeldspieler musste in der 75. Minute ausgewechselt werden, das Stadion verließ er auf Krücken. Am Mittwoch teilte der Verein mit, dass der spanische Nationalspieler mehrere Wochen lang ausfallen werde, da er sich das vordere Außenband sowie die Gelenkkapsel im rechten Sprunggelenk gerissen habe. "Weniger als einen Monat" werde er fehlen, schrieb Thiago in den sozialen Medien, der Nachricht fügte er ein zuversichtliches Bizeps-Emoji hinzu. Kovac dagegen sagte frustriert: "Wieder einer weniger."

Durch Thiagos Ausfall holen die Mannschaft gleich mehrere Debatten wieder ein. Zunächst wäre da die nach der Besetzung im Mittelfeldzentrum. Im Juli hatte der Klub dort ein Überangebot, das er dann streng reduzierte, indem er Arturo Vidal nach Barcelona und Sebastian Rudy nach Schalke abgab, beides finanziell und sportlich vernünftige Wechsel. Doch aus einem Überangebot droht inzwischen ein Vakuum zu werden. Weltmeister Corentin Tolisso fehlt seit Mitte September aufgrund eines Kreuzbandrisses, Leon Goretzka plagen immer wieder kleinere Wehwehchen, zuletzt war es eine Muskelverhärtung. Und Javier Martínez musste gegen Rödinghausen in der Innenverteidigung aushelfen, weil dort Mats Hummels mit neumodisch klingenden neuromuskulären Beschwerden sowie Jérôme Boateng mit einem klassischen Magen-Darm-Infekt ausfielen.

Die zweite Debatte, die den FC Bayern durch Thiagos Ausfall einholt, ist eine selbstgesetzte, die sog. Freiwild-Debatte. Diese hatten die Klubverantwortlichen leidenschaftlich geführt, nachdem im ersten Bundesligaspiel Kingsley Coman durch ein rüdes Foulspiel von Hoffenheims Nico Schulz verletzt wurde und in der dritten Ligapartie Rafinha durch eine Attacke des Leverkuseners Karim Bellarabi (Hoeneß bezeichnete diese als "geisteskrank", entschuldigte sich dafür jedoch auf jener denkwürdigen Pressekonferenz vor zwei Wochen). Auch Thiago verletzte sich bei einer wüsten Grätsche von Rödinghausens Björn Schlottke an der Seitenlinie. Coman, Tolisso, Thiago - es ist der dritte Ausfall eines Spielers, der gerade nachweisen konnte, dass er eigentlich unverzichtbar ist.

Zieht Kovac nun Kimmich auf dessen gelernte Position?

Die wichtigste Debatte, die mit Thiagos Verletzung zusammenhängt, ist jedoch die, die den Verein fortan beschäftigen wird: die über das nach wie vor arg vorhersehbare Offensivspiel. In den vergangenen Wochen war Thiago der beste Münchner, kein anderer Bundesligaspieler war in dieser Saison häufiger am Ball, und dazu noch so präzise; 92 Prozent seiner Pässe kamen an. Kovac bezeichnete ihn zuletzt als "tollen Fußballer" und sprach ein besonders großes Kovac-Lob aus: Er sei sich auch für die "Drecksarbeit" nicht zu schade. Der FC Bayern im Herbst 2018 ohne Thiago ist wie ein Sportwagen, bei dem inzwischen ohnehin einiges quietscht und knarzt und klemmt - und bei dem nun auch noch die Gangschaltung ausfällt.

Kovac bleiben im Zentrum nur wenige Optionen, Martínez natürlich, dazu Renato Sanches, der im Sommer als Streichkandidat galt, aber angedeutet hat, dass auch er ein toller Fußballer ist. Oder Kovac zieht wie zuletzt Bundestrainer Joachim Löw den umsichtigen Rechtsverteidiger Joshua Kimmich in jene zentrale Rolle, auf der er eigentlich gelernt hat. Zwei Spiele hat der Trainer Zeit, die beste Lösung zu finden, am Samstag gegen den SC Freiburg, den einzigen Bundesligisten, der in der zweiten DFB-Pokalrunde gegen einen niederklassigen Gegner scheiterte (1:2 in Kiel). Und am Mittwoch gegen AEK Athen, die einzige punktlose Mannschaft der Champions-League-Gruppe. Dann, am Samstag in einer Woche, geht es zum Tabellenführer nach Dortmund, zu der Mannschaft, die in dieser Saison munter die Gangschaltung bedient, und zwar meistens einen Gang nach oben.

© SZ vom 02.11.2018/schma
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