Süddeutsche Zeitung

Fußball:Die Liga erfasst der Bayern-Grusel

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Spitzenspiel? Spannung? Auf nicht strafbare Art machen die Münchner die Bundesliga kaputt - und setzen ein machtvolles Statement, das sich auch an die eigene Belegschaft richtet.

Kommentar von Christof Kneer

Es lohnte sich an diesem Sonntagnachmittag durchaus, mal kurz hinter die Zahlen zu schauen. Dass der FC Bayern in einem Benefizspiel gegen einen unterklassigen Gegner 5:1 gewinnen würde, stand ja von vorneherein fest, seit Jahrzehnten enden solche Spiele so. Allerdings war der Gegner gar nicht mal so schlecht, einen kleinen Spielmacher hatten die, der noch sehr jung aussah, aber sich ziemlich gut bewegte. Und dieser lange Mittelstürmer, Schick oder so, der konnte auch was, vielleicht hat der sogar mal höherklassig gespielt. Und auch ein paar andere Jungs aus dieser Mannschaft sahen so aus, als könnten sie es mit etwas Glück vielleicht mal in die Nähe des Profifußballs schaffen.

Ein paar Fragen sind nach diesem 5:1 des FC Bayern allerdings noch offen geblieben. Warum bot der Trainer Nagelsmann in so einem belanglosen Spielchen seine Top-Elf auf? Warum schonte er seine Helden nicht für Pflichtspiele wie jenes in der Champions League am Mittwoch in Lissabon? Und was einem auch keiner sagte: Was war das eigentlich für ein Benefizspiel, um welchen guten Zweck ging es da genau?

Was sicher ist: Der gute Zweck kann nicht die Fußball-Bundesliga gewesen sein. Die hat von diesem Spiel leider gar nichts.

Die Bundesliga war so naiv, an ein spannendes Spitzenspiel zu glauben

Der FC Bayern ist des Vandalismus und der mutwilligen Zerstörung anzuklagen, er macht die Bundesliga kaputt. In einem Anflug von fürchterlicher Naivität war die Liga ja tatsächlich ein bisschen gespannt gewesen auf ihr Spitzenspiel, Zweiter gegen Erster, Leverkusen gegen Bayern. Als der potenzielle Weltfußballer Robert Lewandowski dann nach vier Minuten ein Tor mit der Hacke schoss, schrumpfte der Herausforderer Leverkusen zur Kreisauswahl.

Die Tage, als man den Bayern nach knappen Siegen "Bayern-Dusel" zur Last legte, sind vorbei, inzwischen leidet die Liga unter einem Bayern-Grusel. Von einer Niederlage wie gegen Frankfurt lassen sich die Bayern nur insofern beeindrucken, als sie dann am nächsten Spieltag einfach den Tabellenzweiten wegschießen. Einstweilen bleibt der Liga nichts anderes übrig, als festzustellen: Es ist entsetzlich wurschtegal, ob die Münchner mal versehentlich Sarr, Odriozola, Cuisance oder Roca verpflichten - ihr über die Jahrzehnte erwirtschafteter finanzieller Vorsprung ist so groß, dass sie auf Abschiede von Abwehr-Assen (Alaba) oder Spitzentrainern (Flick) mit der Anwerbung von Abwehr-Assen (Upamecano) und Spitzentrainern (Nagelsmann) reagieren.

Und mögen Spiele wie jenes 5:1 dramaturgisch auch Langeweile verbreiten, so sind sie für die Bayern doch von größter Bedeutung - gerade in der aktuellen Marktsituation in Europa. Solche Spiele sind machtvolle Statements nach innen und außen. Sie tragen dazu bei, dass Spieler wie Kimmich, Goretzka und Gnabry dem familiäreren München auch weiterhin den Vorzug vor den Emirats- oder Oligarchen-geführten Klubs geben können.

Gibt es etwas, was der Bundesliga noch Hoffnung machen kann nach diesem Sonntagnachmittag? Vielleicht das: Die zweite Halbzeit hat die Kreisauswahl aus Leverkusen mit 1:0 gewonnen.

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