Süddeutsche Zeitung

Bundesliga: FC Bayern:"Jeder muss leisten!"

Lesezeit: 3 min

Bayern-Trainer Louis van Gaal steckt in einem Dilemma: Er muss jenen Spielern das Vertrauen schenken, denen er es eigentlich entzogen hat - und die gewinnen auch noch so überzeugend wie beim 4:2 gegen Freiburg.

Jürgen Schmieder

In diesem einen Moment musste selbst Freiburgs Trainer Robin Dutt zugeben, dass er den Ausführungen seines Kollegen Louis van Gaal nicht mehr folgen konnte. "Das habe ich jetzt nicht verstanden", sagte Dutt auf der Pressekonferenz nach diesem Spiel, das der FC Bayern mit 4:2 gegen den SC Freiburg gewonnen hatte.

Dabei hatte van Gaal nur folgendes erklären wollen: Jörg Butt hatte sich beim Aufwärmen verletzt und Pressechef Markus Hörwick den Trainer informiert, dass der Torwart, sollte ihm derart kurzfristig das Startrecht verweigert werden, laut Reglement auch nicht auf der Ersatzbank sitzen dürfe und der FC Bayern dann ohne Reservekeeper dagestanden wäre. Es war eine falsche Information, die jedoch dazu führte, dass Butt trotz Rückenproblemen auflaufen musste.

Es ist eine Randnotiz bei diesem Spiel, das freilich bedeutendere Geschichten geschrieben hat. Das Führungstor von Martin Demichelis etwa, der nur auflaufen durfte, weil sich auch Holger Badstuber beim Warmmachen eine Verletzung zugezogen hatte und Markus Hörwick keine Einwände vorbringen konnte. Oder die formidablen Vorstellungen von Danijel Pranjic und Anatolij Timoschtschuk, denen der Begriff "Fehlinvestition" auf die Stirn tätowiert zu sein schien. Oder den ersten Bundesliga-Treffer von Toni Kroos für den FC Bayern.

Die Anekdote um Butt jedoch verdeutlicht am stärksten, in welch kompliziertem Dilemma van Gaal derzeit steckt. Aufgrund der zahlreichen Ausfälle - man könnte eine Elf zusammenbekommen, der durchaus der Einzug ins Finale der Champions League zuzutrauen wäre - ist der Trainer des FC Bayern quasi dazu gezwungen, Akteure aufs Spielfeld zu schicken, denen er vor nicht allzu langer Zeit das Vertrauen entzogen hatte: Danijel Pranjic, Anatolij Timoschtschuk, Martin Demichelis, Andreas Ottl und Mario Gomez. Hätte nun auch noch Thomas Kraft gespielt, dann wäre wohl Toni Kroos der Ersatztorwart gewesen, weil der ohnehin immer dort spielt, wo eine Position frei wird.

"Ich war der einzige Trainer, der im Sommer niemanden geholt hat", sagte van Gaal nach dem Spiel gegen Freiburg und fügte trotzig hinzu: "Ich vertraue diesem Kader." Was soll er denn auch anderes sagen? Er muss jenen Spielern Selbstbewusstsein geben, denen er es zuvor durch einen Stammplatz auf der Ersatzbank entzogen hatte - weil ihm gar nichts anderes übrig bleibt. Die möglichen Einwechselspieler am Freitag waren: Edson Braafheid (der am Ende noch ein Eigentor erzielen sollte), die Rekonvaleszenten Ivica Olic und Daniel van Buyten - und der 19-jährige Amateur Nicola Sansone.

Froh über die Chance

Das Problem dabei: Der FC Bayern führt nicht souverän die Tabelle der Bundesliga an, der Verein darf sich nicht mehr viele Ausrutscher leisten, um sich nicht schon vor dem Weihnachtsfest eingestehen zu müssen, das Klassenziel nicht erreichen zu können. Und nun haben es jene Sorgenkinder ermöglicht, dass die Münchner in den vergangenen fünf Pflichtspielen vier Siege und ein Unentschieden erreicht haben.

Es ist bezeichnend, dass in dieser für den Verein schwierigen Zeit eben nicht die Stammkräfte Philipp Lahm und Thomas Müller - beide am Freitag mit dürftigen Vorstellungen - das Spiel des FC Bayern prägen, sondern Nebendarsteller wie Pranjic, Demichelis oder Timoschtschuk. Der einzige Stammspieler, der nicht verletzt oder außer Form ist, scheint derzeit Bastian Schweinsteiger zu sein.

Die Protagonisten dieser Partie gaben allesamt zu Protokoll, wie froh sie darüber seien, eine Chance erhalten und diese auch genutzt zu haben. Der gemeinhin zur Melancholie neigende Demichelis gab gar eine Liebeserklärung an den Verein ab: "Ich bin seit acht Jahren hier, ich liebe München. Und wenn ich mich verabschieden muss, dann nicht negativ." Sollte sich die Verletzung von Badstuber als schwerwiegender herausstellen, dann stehen die Chancen des Argentiniers auf einen Einsatz beim Champions-League-Spiel gegen Cluj nicht allzu schlecht.

Freilich würde der gestrenge van Gaal niemals einen Satz sagen wie: "Ich habe mich geirrt, als ich diese Spieler auf die Bank gesetzt habe - und nun bin ich heilfroh, dass sie so gut spielen und wir gewinnen." Er sagt lieber Sätze wie diesen, als er auf Demichelis angesprochen wurde: "Wer hat ihn denn aufgestellt? Wer hat ihn beim Eckball dorthin beordert? Und wer hat dafür gesorgt, dass Pranjic den Eckball dorthin schlägt?"

Man solle auch die Leistung der Sorgenkinder nicht überbewerten: "Pranjic hat in den ersten 20 Minuten viele Fehlpässe gespielt, außerdem haben wir zwei Tore bekommen." Immerhin erkannte van Gaal an, dass Pranjic die ersten drei Treffer der Münchner vorbereitet hatte und auch Timoschtschuk beschied er, "hervorragend gespielt" zu haben. Das sei jedoch eine Selbstverständlichkeit: "Das ist Spitzensport. Ein Spieler muss jeden Tag etwas leisten - und wenn einer nichts leistet, dann spielt ein anderer."

Man war versucht zu fragen: Wer denn?

Aber Louis van Gaal war trotz des überzeugenden Sieges wütend - er wetterte am Ende der Pressekonferenz gar gegen einen Journalisten, der es gewagt hatte, nach der kurzfristigen Zukunft von Demichelis zu fragen, dass man sich diese Frage lieber verkniff. Ohnehin hatte van Gaal einen Rat für die Berichterstatter: "Was diese Spieler leisten, bei drei Spielen pro Woche, das ist unglaublich! Darüber müssen sie berichten!" Jawohl, Herr van Gaal, wird gemacht.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1017954
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sueddeutsche.de/cag
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.