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FC Bayern:So viele Gegentore wie zuletzt 1981

Borussia Mönchengladbach - FC Bayern München

Zu frei und zu allein vorm Tor: Mönchengladbachs Jonas Hofmann vor Manuel Neuer und Benjamin Pavard.

(Foto: Martin Meissner/dpa)

Nach der zweiten Saisonniederlage muss Hansi Flick erklären, warum dem FC Bayern immer wieder die gleichen Fehler unterlaufen - und er offenbar seinen Auswechselspielern nicht vertraut.

Von Sebastian Fischer

Es ist etwa vier Monate her, dass Leon Goretzka zwei Themen der Zukunft in erstaunlicher Präzision voraussagte. Damals kam er gerade vom Training während der kurzen Saisonvorbereitung des FC Bayern und sprach in einer Pressekonferenz über die Schwierigkeiten der bevorstehenden Aufgaben. "Wir werden tatsächlich den kompletten Kader benötigen, um durch die Saison zu kommen", sagte er angesichts drohender Müdigkeit ob der hohen Belastung. Außerdem müsse man darüber nachdenken, "ob wir unsere Spielweise ein Stück weit ändern müssen". Es brauche "eine Schublade in unserem Repertoire mehr".

Nun, 15 Bundesligaspiele später, sieht sich Münchens Trainer Hansi Flick mit diesen Schwierigkeiten so dringlich konfrontiert wie noch nie zuvor in dieser Saison - und vielleicht wie noch nie zuvor in seiner überaus erfolgreichen Zeit im Verein. Nach dem 2:3 bei Borussia Mönchengladbach, der zweiten Niederlage der Saison, musste er jedenfalls erklären, warum zwei der drei Gegentore nach einem Muster gefallen waren, das die Gegner des Rekordmeisters längst als Schwachstelle der Münchner Spielweise erkannt haben: Steilpässe in die Tiefe. Und Flick wurde gefragt, warum er nur einmal ausgewechselt - und somit keineswegs die Möglichkeiten des kompletten Kaders ausgenutzt hatte.

Bevor er darauf antwortete, sprach er allerdings erst mal unter anderem über ein Tor von Goretzka. Flick lächelte, er sagte: "Ich würde einfach mal von Anfang an anfangen am liebsten." Das erleichterte ihm die Argumentation.

Der FC Bayern ist dank der Niederlage von Verfolger RB Leipzig auch zwei Partien vor Ende der Hinrunde weiterhin Tabellenführer, das ist ein Resultat dieses Wochenendes. Und Goretzkas 2:0 nach 26 Minuten zeigte beispielhaft, wie erfolgreich der Fußball des Champions-League-Siegers weiterhin aussehen kann: Ballgewinn durch hohes Pressing, gefolgt von einem sehenswerten, ob der Vielzahl an möglichen Anspielstationen kaum zu verhindernden Angriff - Doppelpass, Schuss, Tor.

24 Gegentore hat der FC Bayern in der Liga bereits kassiert, so viele wie zuletzt 1981 nach 15 Spielen

Doch was danach geschah am Freitagabend, das war mindestens genauso beispielhaft für den Münchner Fußball in dieser Saison - und damit für die Probleme, die sich durch so viel Wucht in der Offensive ergeben. 24 Gegentore hat der FC Bayern in der Liga bereits kassiert, so viele wie zuletzt 1981 nach 15 Spielen. Und jedes einzelne gegen Gladbach zeigte bekannte Schwächen.

Vor dem 1:2 spielte Rechtsverteidiger Benjamin Pavard den Fehlpass zum Konter, danach verließ Abwehrchef David Alaba Flicks Analyse zufolge zu früh seine Position und rückte nach vorn, anstatt den Pass in die Tiefe abzusichern. Beim 2:2 kam der Fehlpass vor dem Ballverlust vom anderen Außenverteidiger, Alphonso Davies - und wieder rückten beide Innenverteidiger, Alaba und Niklas Süle, beim Pass in die Tiefe nach vorn, ohne den Torschützen Jonas Hofmann Abseits zu stellen und anstatt mit ihm mitzulaufen. Vor dem 2:3 war es schließlich ein ganz besonders schwaches Zuspiel von Süle in Richtung Pavard, das den Treffer einleitete.

Von Anpassungen am System, einer zukünftig ausnahmsweise vorsichtigeren Herangehensweise in der Verteidigung etwa, hat Flick danach allerdings nicht gesprochen. Mehr Konzentration und "im entscheidenden Moment eher die Tiefe absichern", so lauteten stattdessen seine Lösungsvorschläge. Um daran zu arbeiten, bleiben vor dem nächsten Spiel am Mittwoch im DFB-Pokal beim Zweitligisten Holstein Kiel allerdings mal wieder nur zwei Trainingseinheiten.

Borussia Mönchengladbach - FC Bayern München

Blick nach unten: Leon Goretzka (links) und Joshua Kimmich.

(Foto: Martin Meissner/dpa)

Alaba wirkt längst nicht mehr so souverän wie im Sommer

Die andere Möglichkeit, um wiederkehrende Fehler abzustellen, wäre anderes Personal. Pavard ist seit Wochen formschwach, Nationalspieler Süle, der den zuvor gegen Mainz unglücklich spielenden Jérôme Boateng vertrat, konnte in Gladbach ebenfalls nicht gerade für sich werben. Und auch Alaba, dessen Berater seit Jahresbeginn offiziell Gespräche mit möglichen neuen Arbeitgebern nach Vertragsende im Sommer führen darf, wirkt längst nicht mehr so souverän wie im Sommer. Bouna Sarr, im Oktober als Ersatz für Pavard verpflichtet, saß am Freitag allerdings genauso auf der Bank wie Lucas Hernández, der zu Saisonbeginn als Linksverteidiger noch regelmäßig spielte, sich selbst aber vor allem als Innenverteidiger sieht.

Auch Wechseloptionen für die Offensive, Mittelstürmer Eric Maxim Choupo-Moting oder den 17-jährigen Jamal Musiala, ließ Flick ungenutzt. Lediglich Kingsley Coman brachte er für den schwachen Douglas Costa. Das habe "mit dem Spielverlauf zu tun" gehabt, "nicht mit der Qualität auf der Bank", sagte der Trainer zwar. Doch für sein großes Vertrauen in diese Qualität sprach das nicht unbedingt.

Vor einem Jahr hat Flick im Winter öffentlich Verstärkungen gefordert, diesmal macht er das ausdrücklich nicht. Auch Sportvorstand Hasan Salihamidzic schloss weitere Zugänge in dieser Saison aus. "Selbstverständlich machen wir nichts", sagte er. "Wir sind sehr gut besetzt, haben viele Optionen."

Eine naheliegende dieser Optionen erwähnte Goretzka, doch es klang eher vage. "Wir müssen irgendwie an die erste halbe Stunde anknüpfen und gucken, dass wir uns am Mittwoch wieder in die Spur bringen", sagte er. Gerade, so konnte man ihn auch verstehen, ist der FC Bayern also - mindestens ein paar Tage lang - erst mal aus der Spur.

© SZ/klef/ebc/mp
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