Süddeutsche Zeitung

FC Bayern in der Einzelkritik:Drei Kunstwerke des Unaufhaltbaren

Robert Lewandowski macht einen Hattrick in Unterzahl, Thomas Müller arbeitet für mehrere Positionen und Alphonso Davies gibt dem Spiel unbeabsichtigt die entscheidende Richtung. Der FC Bayern in der Einzelkritik.

Von Sebastian Fischer

Manuel Neuer

Seine Erkältung als offiziell kommunizierter Grund für sein Fehlen im Champions-League-Achtelfinale gegen Lazio Rom unter der Woche löste die jüngsten innenpolitischen Verwerfungen beim FC Bayern aus - weil an Neuers Stelle Ersatz-Keeper Alexander Nübel im Tor stand, der angeblich eine gewisse Anzahl an Einsätzen vertraglich garantiert bekommen hat. Sonst hätte er eben keine Chance gegen Neuer, der am Samstag wieder sehr gesund wirkte, auch wenn er das erst spät und nur einmal zeigen konnte, mit einem Reflex beim Stand von 4:0 in der zweiten Halbzeit.

Benjamin Pavard

Der ehemalige Stuttgarter spielte zum zweiten Mal gegen seinen Ex-Klub und war dabei so unauffällig wie in der gesamten Saison. Machte keinen Fehler, was für einen Verteidiger einer Mannschaft in Unterzahl ja schon mal nicht schlecht ist. Aber für das Spektakel, das der FC Bayern trotz Unterzahl bot, waren seine offensiveren Kollegen zuständig.

Jérôme Boateng

Für den Abwehrspieler deutet sich ein Abschied im Sommer an - und nun fehlt er auch schon mal im mutmaßlich wichtigsten Spiel der Saison nach der Länderspielpause gegen den Tabellenzweiten Leipzig, weil er nach einem Foul an Stuttgarts Stürmer Kalajdzic seine fünfte gelbe Karte sah. Bevor er ein ausgesprochen souveränes Spiel machte, ließ er in der Anfangsphase eben jenen Kalajdzic in seinem Rücken auch einmal unbewacht, was nach 14 Minuten fast zum 1:0 für die Gäste und damit fast zu einem ganz anderen Spiel geführt hätte.

Niklas Süle

Kam in besagter Szene ebenfalls etwas zu spät, aber Kalajdzics Kopfball flog in Neuers Arme. Süle hatte jüngst im SZ-Interview mit Blick auf die Zukunft in München erklärt, auch als linker Innenverteidiger spielen zu können, was durch die Verpflichtung des rechten Innenverteidigers Dayot Upamecano im Sommer kein ganz unwichtiger Hinweis war. Spielte gegen Stuttgart linker Innenverteidiger - doch die Partie dürfte nicht als repräsentativ gelten.

Alphonso Davies

Gab dem Spiel die entscheidende Wendung, aber hatte das vermutlich eher nicht so geplant: In einer symptomatischen Szene für seine in Teilen unglückliche Saison sprang ihm der Ball nach zwölf Minuten bei der Annahme zu weit weg, er sprang mit der Sohle voraus hinterher, stampfte Stuttgarts Endo auf den Knöchel, sah zunächst eine gelbe Karte, die Schiedsrichter Daniel Schlager nach Ansicht der Videobilder in eine rote Karte umtauschte. Danach drehte seine Mannschaft auf, sie wird ihn aber gegen Leipzig trotzdem vermissen.

Leon Goretzka

Der Fußballer, der mit seiner Physis den kraftraubenden, von Trainer Hansi Flick vorgegebenen Fußball vielleicht wie kein zweiter Münchner verkörpert, musste in Unterzahl zumindest nominell allein im defensiven Mittelfeld spielen, zumal ohne seinen erprobten, erkältet fehlenden Nebenmann Joshua Kimmich. Doch man sah es dem Spiel kaum an, was wiederum auch für Goretzkas Physis sprach.

David Alaba

Begann als Vertretung für Kimmich im zentralen Mittelfeld, seine Lieblingsposition - doch blieb dort nur für eine Viertelstunde. Wechselte in Unterzahl dann nach außen in seine langjährig erprobte Rolle als Linksverteidiger. Komisch eigentlich, dass er dort nicht mehr spielen will. Er ist ja mutmaßlich als Innenverteidiger auf dem Markt für einen neuen Klub in der kommenden Saison.

Leroy Sané

Trug sich offiziell mit einer Vorlage in die Scorerliste ein, doch die Statistik verharmloste seinen Anteil am Offensivspektakel der Bayern, mit dem sie das Spiel durch vier Tore vor der Halbzeit entschieden. Sané, der lange für seine Form kritisierte Sommerzugang, ist in seiner jetzigen Form der unaufhaltsamste aller Münchner Dribbler. Er bewies das besonders vor dem 4:0, als die Stuttgarter ihn wie ein Fliegenschwarm begleiteten, ohne ihn bei der Hereingabe vom Ball trennen zu können.

Thomas Müller

Zu zehnt auf dem Platz muss man sich noch etwas besser organisieren als zu elft, und somit war Müller besonders in seiner Rolle als kommunikativer Chef-Organisator gefragt. Auch dank seiner Kommandos, dank seiner Pässe und nicht zuletzt dank seiner Laufarbeit, mit der er mehrere Positionen zwischen Sechs (im defensiven Mittelfeld) und Neun (in der Spitze) ausfüllte, wirkte die Unterzahl für den FC Bayern wie ein geschickter taktischer Schachzug, um den Gegner zu verwirren. Bereitete zwei Tore vor, einmal per feiner Flanke (3:0) und einmal per Pressschlag (4:0), und leitete das 2:0 im doppelten Doppelpass mit Sané ein.

Serge Gnabry

Der zweite der unaufhaltsamen Dribbler, der vom Kunstwerk zwischen Sané und Müller profitierte und zum 2:0 traf. Gnabrys persönliches Kunstwerk an diesem Nachmittag war die Vorlage für Lewandowskis Führungstor, als er den Ball wie beim Schuss in die Strafraummitte hämmerte.

Robert Lewandowski

Was Lewandowski aus dieser Vorlage machte, das war natürlich auch noch mal das Werk eines Künstlers - und nur eines von dreien. Beim 1:0 in der 18. Minute bewies er seine Fähigkeiten als Strafraum-Ungeheuer, als er im einzig richtigen Moment in die Flugbahn des Balls grätschte. Beim 3:0, nur fünf Minuten später, dachten sich die Stuttgarter Verteidiger wohl, dass es ja ohnehin nichts bringt, Lewandowski zu decken, und ließen ihn für einen perfekten Kopfballtreffer freistehen. Das 4:0 erzielte der Unaufhaltbare mit links, es war sein 35. Saisontor, fünf fehlen noch zum Rekord von Gerd Müller. "Irgendetwas über Weltklasse", so beschrieb Stuttgarts Vorstandschef Thomas Hitzlsperger Lewandowski treffend. Und deshalb war es die eigentliche Sensation, als er nach einer Stunde die Großchance auf sein 36. Saisontor vergab.

Einwechselspieler

Kingsley Coman, der dritte unaufhaltsame Münchner Dribbler, kam nach einer Stunde für Gnabry genauso wie Eric Maxim Choupo-Moting für Lewandowski zehn Minuten später in ein längst gewonnenes Spiel. Und damit noch mal zu den eingangs erwähnten innenpolitischen Verwerfungen: Lucas Hernández, Marc Roca und Bouna Sarr, die Ersatzspieler, die Sportvorstand Hasan Salihamidzic gerne häufiger im Einsatz sähe, blieben 90 Minuten draußen. Dafür kamen kurz vor Schluss noch Javi Martinez und Jamal Musiala.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5241567
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/schm
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.