Bayern-Sieg in Dortmund:Ein wildes Spiel voller Gift

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Bayern-Sieg in Dortmund: Mats Hummels war an allen drei Dortmunder Gegentoren beteiligt.

Mats Hummels war an allen drei Dortmunder Gegentoren beteiligt.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Kreative Angriffsreihen, konfuse Defensiven und ein umstrittener Schiedsrichter: Das 3:2 des FC Bayern bietet reichlich Debattenstoff - besonders Mats Hummels wird den Abend nicht so schnell vergessen.

Von Philipp Selldorf, Dortmund

"Ihr macht unseren Sport kaputt", riefen die Fans des FC Bayern, als Schiedsrichter Felix Zwayer in der 76. Minute zum Monitor eilte, um ein möglicherweise strafstoßwürdiges Handspiel zu prüfen. Ihr prinzipielles Nein zum Videobeweis hinderte sie aber nicht daran, eine Minute später in Jubel auszubrechen, als Zwayer den Elfmeter anzeigte. Sowas nennt man wohl Dialektik. Robert Lewandowski scherte sich nicht drum und erledigte seine Arbeit.

Nach seinem typischen Anlauf mit ungefähr sieben Rhythmus- und Tempuswechseln vollendete er sein Werk mit dem Schuss zum 3:2. Torwart Gregor Kobel hatte die Ecke geahnt und war mit den Händen nah dran am Ball - den Treffer, der das Spitzenspiel zwischen Borussia Dortmund und den Bayern entschied, konnte er trotzdem nicht verhindern.

Alles wie immer also, könnte man meinen, wenn's drauf ankommt, sind sie da, die Bayern. Aber ganz so schlicht ließ sich diese wilde, aufgeregte Begegnung im strömenden westfälischen Regen nicht erklären. Die Bayern gewannen die Partie, die eher altenglische als hochdeutsche Prägung hatte, nicht unbedingt deshalb, weil sie besser waren - was im Übrigen der Fall war -, sondern weil der Gegner sich mit Fehlern wie in der ABC-Schule des Fußballs um ein besseres Resultat gebracht hatte.

Die Pannen von Mats Hummels waren die folgenschwersten an diesem Abend

Besonders Mats Hummels wird diesen Abend sicher nicht vergessen. Der Abwehrchef war nicht der einzige Pannen-Produzent in seinem Team, doch seine Pannen waren die folgenschwersten. An jedem Münchner Tor war er mit seinen Extremitäten beteiligt. Beim 1:1 und (unglücklich) beim 1:2 mit den Füßen, beim 2:3 mit der Hand. Die Berechtigung des Elfmeter-Entscheids mochte er lange nach dem Abpfiff nicht wahrhaben. Aber Zwayer ließ sich auch nach fünfminütiger Debatte nicht darauf ein, das Urteil zu revidieren.

Nicht, dass dieses extrem energiegeladene, aber auch extrem fehlerhaltige Spiel mit der erneuten Bayern-Führung schon dem Ende geweiht war. Die restliche Spielzeit hatte noch viel zu bieten. Den schon gelbverwarnten BVB-Trainer Marco Rose verwies Zwayer wegen fortgesetzter Tiraden über den Strafstoß-Beschluss mit der roten Karte in die Kulissen. Jude Bellingham stieß vorsätzlich und ohne Rücksicht den denkmalgeschützten Manuel Neuer um und bereute es nicht (gelbe Karte), und Corentin Tolisso brachte es fertig, mehrere Meter am leeren Tor vorbeizuschießen, nachdem BVB-Keeper Kobel einen letzten verzweifelten Ausflug unternommen hatte und nicht mehr rechtzeitig in seinen Strafraum fand.

Chancen zum Ausgleich hatte der BVB auch noch gehabt, doch Bellingham und der eingewechselte Donyell Malen vermochten sie nicht zu nutzen. Zehn Minuten Nachspielzeit hatte Zwayer gewährt, unter anderem deshalb, weil Julian Brandt nach einem Zusammenstoß mit Dayot Upamecano mit einer blutenden Platzwunde am Kopf zu Boden gegangen war und vom Feld getragen werden musste.

Borussia Dortmund - Bayern München

Schiedsrichter Felix Zwayer betrachtet sich in der Review Area die Szene vor dem Elfmeter, der das 3:2 brachte.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Viel Ambition und viel Gift war in der Partie, die der BVB verheißungsvoll begonnen hatte. Schon in der sechsten Minute erzielte Brandt das 1:0, bejubelt von 15 000 Besuchern (minus 500 Bayern-Anhängern), die Krach machten wie die in guten alten Zeiten üblichen 80 000 Gäste. Doch Lewandowski gab bereits drei Minuten später die bayerntypische Antwort, eine Szenenfolge, die den Charakter des Spielgeschehens illustrierte.

Auf beiden Seiten wirbelten kreative Angriffsreihen, während im Gegenzug zwei konfuse Defensivabteilungen zur Offensive einluden, das Resultat war ein Spiel ohne Mittelfeld-Pausen, in dem eine Torchance die andere jagte. Dass der BVB eine noch etwas instabilere Abwehr unterhielt, sollte sich kurz vor der Pause rächen, just als sich das hektische Treiben etwas beruhigt hatte.

Der BVB hat die noch instabilere Abwehr

Außenverteidiger Guerrero gelangte tief im Strafraum an den Ball und versucht ihn, hektisch wie ein Kind beim Stadtpark-Kicken, durch einen Befreiungsschlag loszuwerden. Vom unfreiwillig im Weg befindlichen Hummels gelangte die verirrte Kugel zu Kingsley Coman, der mit Hilfe des dazwischengrätschenden Marco Reus ins Tor traf.

Dieses doppelt und dreifach unselige Tor rief an den Versorgungsstationen im Stadion skeptische Prophezeiungen für die zweite Hälfte hervor' doch die Pessimisten hatten die Rechnung ohne Erling Haaland gemacht. Gleich nach der Pause sorgte der Norweger, der sich immer wieder höchst körperbetonte Duelle mit Upamecano lieferte, für den Ausgleich - mit einem Präzisionsschlenzer, der zur Kandidatur für sein drittes Tor des Monats taugen dürfte. Danach beruhigte sich die Partie ein wenig, beide Seiten waren um Selbstkontrolle bemüht, die Abwehrreihen stabilisierten sich. Vielleicht hätte man sich mit dem Remis arrangiert, doch dann gab es Eckball für die Bayern und Hummels streckte den Arm aus.

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