Süddeutsche Zeitung

Bayern vs. Dortmund:Hoeneß hat beim BVB einen Nerv getroffen

Es gibt ihn noch: den traditionellen Streit zwischen Dortmund und Bayern. Die Argumente, mit denen Uli Hoeneß die Transferpolitik der Dortmunder abstempelt, können sich aber nur Vereine in Luxussituationen leisten.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Mit gewisser Erleichterung lässt sich zur Kenntnis nehmen, dass noch nicht alles anders ist. Dass es ihn noch gibt, den Traditionskonflikt zwischen München und Dortmund darüber, wer denn nun die bessere Idee für den Fußball hat. Das lenkt natürlich nur bedingt ab von dem, was parallel dazu verhandelt wird: Ob Mitte September überhaupt ein wenig Kundschaft zurückkehren darf, wenn die Bundesliga die nächste Stufe zündet im Bestreben, ihr Geschäftsmodell zu retten. Die aktuelle Debatte ist was für Nostalgiker, sie stammt aus der Zeit, als Uli Hoeneß, 68, der Poltergeist der Liga war. Und wenn die Dortmunder diesem Poltern nervlich widerstanden, wie 2011 und 2012, dann präsentierten auch sie mal die Meisterschale.

Aber das durften sie seit acht Jahren nicht mehr, und trotz der Münchner Serie scheint Hoeneß nun etwas zu stören. Deshalb hat er sich aus dem Ruhestand gemeldet - und was hat er da Böses gesagt, im FAZ-Interview vom Montag? Was trieb die Dortmunder so sehr auf die Palme, dass ihr Echo gleich so derb ausfiel wie jenes von Michael Zorc? Er finde die Hoeneß-Aussagen "ziemlich arrogant", sagte der BVB-Sportchef: "Wenn man jedes Jahr 250 Millionen Euro mehr in der Tasche hat, lässt es sich mit vollen Hosen gut stinken." Aufs Sportfachliche reduziert, soll das wohl heißen: Die da unten im reichen Süden haben pro Saison eine Viertelmilliarde mehr zur Verfügung; deshalb müssen wir uns, tief im Westen, was einfallen lassen. Und genau das, was sich die Borussen haben einfallen lassen, subsumiert Hoeneß im Interview unter dem Begriff "unklug" - womit er einen Nerv getroffen hat, sonst würden sie beim BVB jetzt nicht so laut "Aua" schreien.

Waren sie zuletzt doch, zumindest hierzulande, gelobt worden für ihre konsequent verfolgte Idee vom BVB als Durchlauferhitzer: Talente früh entdecken, früh spielen lassen, sie schleifen und sie dann, wenn sie eh nicht mehr zu halten sind, so teuer wie möglich zu verkaufen. Als Musterbeispiel gilt der Franzose Ousmane Dembélé, der 2017 für weit über 100 Millionen zum FC Barcelona weiter zog. Heute stehen stellvertretend Namen wie Jadon Sancho, 20, Erling Haaland, 20, Giovanni Reyna, 17. Zudem der aus der eigenen Jugend aufgerückte und bald Erstliga-spielberechtigte Stürmer Youssoufa Moukoko, 15 - sowie, als jüngstes Beispiel, ein gewisser Jude Bellingham. Der 17-Jährige gilt nach Sancho als der nächste Baby-Weltstar von der Insel, für erstaunliche 25 Millionen Euro kam er von Zweitligist Birmingham. Das spekulative Modell ist sicher in vielerlei Hinsicht diskutabel, aber was sollte "unklug" daran sein, eine Marktlücke darin zu entdecken, sich als Europas erste Adresse für Jungprofis zu profilieren?

Verletzter Münchner Stolz ist auch dabei, bei Jadon Sancho, gibt Hoeneß zu, habe Bayern einst den Kürzeren gezogen. Generell aber fehle dem BVB-Modell der Faktor der Identifikation, wenn der Klub nur noch als Sprungbrett diene. Wenn Teenager ständig lesen könnten, wie sehr sich Madrid, Manchester, München für sie interessiere. Hoeneß sagt, er würde es anders machen, würde betonen, kein Großtalent stehe zum Verkauf: "Auch wenn ich hundert Millionen kriege."

Leicht hat er reden, er und sein Verein. Maximal fünf, sechs Klubs in Europa können sich diese Haltung leisten, der BVB zählt nicht dazu. Und trotzdem bot sich dem Talentpool von Ausbildungsleiter Lucien Favre in den vergangenen beiden Spielzeiten die Chance, die Bayern mal wieder vom Thron zu stürzen. Aber sie haben es, und da hat Hoeneß recht, trotz allem Sturm und Drang halt nicht getan.

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SZ vom 05.08.2020/ska
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